Dienstag, August 16, 2022

„40 Prozent der Studierenden sprechen nicht Deutsch als Muttersprache. Willkommen in der Realität!“

QUADDEL: Frau Busse, bevor Sie Senatorin wurden, waren Sie viele Jahre Schulleiterin im Hotspot-Bezirk Neukölln. Was ist das größte Problem der Berliner Schulen?

Astrid-Sabine Busse: Natürlich der Fachkräftemangel. Und das nicht nur in Berlin: Uns fehlen bundesweit Zehntausende Menschen, um die Babyboomer zu ersetzen, die jetzt in Rente gehen. Es wird wohl bis 2030 dauern, bis sich die Lage etwas beruhigt. Wir haben noch schwierige Jahre vor uns.

QUADDEL: Als Senator haben Sie jetzt die Chance, etwas zu verändern. Aber in Politik und Verwaltung sind Sie ein Newcomer. Wussten Sie, wie hart dieser Job ist?

Busse: Das hat mir keiner vorher erklärt. Aber so wie ich schon immer die Quereinsteiger an den Schulen betreut habe, werde ich auch hier sehr gut unterstützt. Und natürlich war ich als Vorsitzende eines Berliner Schulträgervereins auch politisch nicht naiv.

QUADDEL: Als Bildungssenator muss man traditionell viel einstecken. Die CDU hat sogar einen Ablehnungsantrag gegen Sie gestellt. Wie gehen Sie damit um?

Busse: Es ist absurd, sich nach sechs Monaten im Amt für den seit Jahren bestehenden Mangel verantwortlich zu machen. Doch als Bildungssenator muss man sich auf Gegenwind einstellen. Deshalb haben die Leute nicht gerade Lust auf den Job. Aber jetzt bin ich hier. Und ich bleibe

QUADDEL: In diesem Jahr konnten erstmals 170 Kinder fristgerecht keinen Platz an weiterführenden Schulen erhalten. Wie konnte so ein schlechter Plan zustande kommen?

Busse: Es ist üblich, dass am Ende des Schuljahres Verteilungskonferenzen stattfinden, um die Schüler unterzubringen. Und diesmal bekamen rund 26.000 Siebtklässler einen Platz. 91 Prozent davon an einer ihrer drei Wunschschulen. Der Wert ist nicht schlechter als im Vorjahr.

QUADDEL: Weniger rosig sieht es bei den Lehrern aus. Sie rechnen damit, dass im Sommer 920 Stellen unbesetzt bleiben. Konnten Sie den Abstand bis zum Ende des Schuljahres verringern?

Busse: Die Einstellungen sind noch in Bearbeitung. Aber viel besser wird es erstmal nicht. Ich unterschreibe hier jeden Tag Rentenbescheinigungen.

QUADDEL: Wann wird es besser?

Busse: Dann habe ich dienstfrei. Es wird ein zehnjähriger Prozess sein. Die Universitäten müssen mehr junge Menschen absolvieren. Und zuallererst brauchen wir mehr Leute, die arbeiten gehen. Dazu gehören natürlich auch Quereinsteiger und Quereinsteiger. Es hat fantastische Leute an die Schulen gebracht.

QUADDEL: Wie können bei einer solchen Mangelwirtschaft auch Studierende aus der Ukraine integriert werden?

Busse: Das kommt noch dazu. Wir haben jetzt fast 5000 Studenten untergebracht. Zuerst habe ich gesagt: Wir stellen überall einen Stuhl hin. Dafür wurde ich ausgelacht. Aber wir haben es geschafft. Natürlich wünsche ich jeder Familie, dass sie wieder gehen kann. Wir wissen jedoch nicht, wann der Krieg enden wird. Deshalb müssen wir uns auf das Erlernen der deutschen Sprache konzentrieren. Und das können wir auch.

QUADDEL: Berlin stellt als letztes Bundesamt wieder Beamte ein. Wann wollen Sie dafür ein Konzept vorlegen?

Busse: Nächste Woche werden wir das große Vergnügen haben, die ersten paar hundert angehenden Lehrer zu Beamten zu machen. Die Versetzung bestehender Lehrkräfte ist administrativ komplizierter. Natürlich ist die Beamtenschaft nur ein Element bei der Rekrutierung von Lehrkräften. Wenn auch ein wichtiger: In den letzten zehn Jahren haben wir fast 5.000 Lehrkräfte an andere Bundesländer verloren.

QUADDEL: Berlin war eigentlich schon immer finanziell attraktiv. Zuletzt konnten die angestellten Lehrer mit einem Brutto-Einstiegsgehalt von 5700 Euro rechnen. Spielt am Ende nicht das Geld eine Rolle, sondern die prekäre Arbeitssituation an der Schule?

Busse: Das akzeptiere ich überhaupt nicht. An jeder Schule kann man hierzulande gut arbeiten – gerade in Gegenden mit prekären Haushalten, denn die Kinder sind oft besonders dankbar für Zuspruch.

QUADDEL: Wir wissen heute, dass viele Kinder psychisch enorm unter der Corona-Pandemie gelitten haben. Was machst du dagegen?

Busse: Wir haben 39 zusätzliche unbefristete Stellen für Schulpsychologen geschaffen. Das bedeutet eine Personalaufstockung von 40 Prozent und wird helfen. Der Schaden ist da, wir werden noch lange damit leben müssen.

QUADDEL: Thilo Sarrazin hat Sie für sein Buch „Deutschland schafft sich selbst“ mit einer 13-jährigen Aussage über Migranten arabischer Herkunft zitiert: „Die bleiben einfach beieinander. Sie müssen sich hier nicht einmal mehr integrieren. Du übernimmst die Nachbarschaft und wirst verwöhnt.“ Warum hast du dich jetzt dafür entschuldigt?

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