Dienstag, Mai 17, 2022

„Aber du hast gesagt, du hast alle gerettet“, brüllt die Mutter ins Telefon


EINls die Nachricht vom Brand auf der „Moskwa“ und dem Untergang des Kriegsschiffes die Runde machte, war die Mutter noch optimistisch. Schließlich versicherte das russische Verteidigungsministerium, alle Soldaten seien gerettet worden – darunter auch ihr Sohn, der auf dem Raketenkreuzer im Schwarzen Meer Dienst tat. Dann wurde es still, und die Angst der Mutter wuchs.

Ihren Namen will die Frau nicht nennen, weil sie um die Sicherheit ihres Sohnes fürchtet, falls er noch lebt. Der junge Mann war mehrere Monate auf der Moskwa stationiert, bevor er ihr Anfang Februar mitteilte, dass das Kriegsschiff manövriere, berichtet sie.

Als Ende Februar der russische „militärische Spezialeinsatz“ in der Ukraine, wie der Angriffskrieg dort genannt wird, bekannt wurde, war sie sehr besorgt. Ihre Mutter sagt, sie habe die Nachrichten jeden Tag online und in den sozialen Medien verfolgt. Mitte März sprach sie zum letzten Mal mit ihrem Sohn. Er war auf dem Schiff, sagte ihr aber nicht, wo sich die „Moskwa“ befand.

Nach Berichten über den Untergang des Kreuzers am 14. April verließ sich die Mutter auf die Aussage des Ministeriums, dass alle Besatzungsmitglieder evakuiert worden seien. Während die Ukraine berichtete, die „Moskva“ sei von Raketen getroffen worden und gesunken, sprach Russland von einem Brand an Bord und betonte, das Schiff sei noch seetüchtig und werde zur Reparatur in einen Hafen gebracht. Erst später gab Moskau zu, dass der Kreuzer gesunken war – in einem Sturm.

Die Angehörigen der Seeleute warteten auf weitere Nachrichten. Niemand habe sie angerufen oder ihr geschrieben, sagt die Mutter. Ihre eigenen Anrufe blieben unbeantwortet, aber sie gab nicht auf. Auf dem Weg zum Einkaufen kam sie endlich durch und erhielt die schreckliche Nachricht, dass ihr Sohn vermisst werde und im kalten Wasser kaum Überlebenschancen bestünden. „Ich sagte: ‚Aber du hast gesagt, du hast alle gerettet'“, berichtet die Frau. „Er sagte: ‚Ich habe nur die Listen.‘ Ich habe geschrien: ‚Was machst du jetzt?‘“ Mitten auf der Straße an der Bushaltestelle wurde sie hysterisch. „Ich hatte das Gefühl, dass der Boden unter meinen Füßen nachgab. Ich schwankte.“

Mehr als eine Woche nach dem Untergang der Moskwa gab das russische Verteidigungsministerium am Freitag schließlich bekannt, dass ein Besatzungsmitglied gestorben ist und 27 vermisst werden. 396 wurden evakuiert. Eine Erläuterung der widersprüchlichen Vorinformationen folgte nicht.

Die Streitkräfte hätten behauptet, alle seien gerettet worden, beklagte ein Vater nur drei Tage nach dem Verschwinden der „Moskwa“. „Das ist eine Lüge! Eine dreiste und zynische Lüge!“ schrieb Dmitry Shkrebez auf der russischen Social-Media-Plattform VK. Er habe von den Schiffskommandanten erfahren, dass sein Sohn auf die Vermisstenliste gesetzt worden sei.

Es folgten ähnliche verzweifelte Postings von anderen Verwandten. In den sozialen Medien fand die AP mindestens 13 Suchanfragen nach jungen Männern, die auf der „Moskwa“ Dienst gehabt haben sollen und deren Spur sich verirrte.

Die Äußerungen des Kreml zum Schiffsverlust und zum Schicksal der Soldaten folgen einem bekannten Muster: Moskau reagiert auf schlechte Nachrichten mit Schweigen, Dementis oder niedrigen Todeszahlen. Beispiele hierfür sind die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl im Jahr 1986, der Untergang des Atom-U-Bootes Kursk in der Barentssee im Jahr 2000 und der Krieg in Tschetschenien 1994-1996.

Die Meldungen und Vorwürfe der Familien im Fall „Moskwa“ sind von den russischen Behörden weitgehend unbestritten geblieben. Auf Anfrage von Journalisten verwies Kreml-Sprecher Dmitri Peskow auf das Verteidigungsministerium. Von dort kam am Freitag die Aussage über einen Toten und rund zwei Dutzend Vermisste. Für viele Angehörige geht die Suche nach den Söhnen und nach der Wahrheit weiter.

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