Dienstag, August 16, 2022

Botschafter Melnyk soll Deutschland offenbar verlassen

Der Botschafter der Ukraine in Deutschland, Andriy Melnyk, soll Berlin verlassen und ins Außenministerium nach Kiew wechseln. Das berichten „Bild“ und „Süddeutsche Zeitung“ unter Berufung auf Regierungskreise in der Ukraine. „Bild“ zitiert einen Regierungsvertreter mit den Worten: „Dieser Vorschlag wurde vom Ministerium an den Präsidenten der Ukraine gemacht. Andriy Melnyk wird in Kiew für seine Arbeit sehr geschätzt.“

Der Wechsel könne noch vor dem Herbst erfolgen, hieß es. Laut Regierungskreisen soll dies aber nicht als Kündigung verstanden werden. Das Außenministerium wollte sich laut „Bild“ zur Personalie nicht äußern, Melnyk selbst war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

Melnyk ist seit acht Jahren Botschafter in Berlin. In den vergangenen Monaten hat er die Bundesregierung immer wieder kritisiert, unter anderem wegen fehlender oder verspäteter Waffenlieferungen an die Ukraine. Zuletzt war er selbst wegen der Verteidigung des ukrainischen Partisanenführers Stepan Bandera (1909-1959) in die Kritik geraten.

In einem Interview mit dem Journalisten Tilo Jung sagte Melnyk: „Bandera war kein Massenmörder an Juden und Polen.“ Dafür gibt es keine Beweise, vielmehr wurde Bandera von der Sowjetunion bewusst dämonisiert. Deutsche, polnische und israelische Historiker leisteten ihren Beitrag. „Ich bin dagegen, Bandera für alle Verbrechen verantwortlich zu machen“, sagte der Botschafter.

Bandera war der ideologische Führer des radikalen Flügels der Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN). Nationalistische Partisanen aus der Ukraine waren 1943 für ethnisch motivierte Vertreibungen verantwortlich, bei denen Zehntausende polnische Zivilisten ermordet wurden. Nach dem Zweiten Weltkrieg floh Bandera nach Deutschland, wo er 1959 von einem Agenten des sowjetischen Geheimdienstes KGB ermordet wurde.

Die israelische Botschaft in Berlin und der stellvertretende polnische Außenminister kritisierten Melnyks Äußerungen scharf. Das ukrainische Außenministerium distanzierte sich davon. Melnyk habe seine persönliche Meinung zum Ausdruck gebracht und spiegele nicht die Position des ukrainischen Außenministeriums wider, heißt es in einer Erklärung.

„Kick-off Politics“ ist der tägliche News-Podcast der WELT. Das wichtigste Thema analysiert die WELT-Redaktion und die Termine des Tages. Abonnieren Sie den Podcast unter Spotify, Apple-Podcasts, Amazon Music oder direkt per RSS-Feed.

Related Articles

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

- Advertisement -

Latest Articles