Dienstag, August 16, 2022

Büro oder Homeoffice – jetzt beginnt der Kampf um die Heizkosten

EINVon zu Hause aus zu arbeiten, klingt für viele nach Entspannung. Keine Reisen, kein Business-Outfit – einfach Laptop aufklappen und los geht’s. Laut einer neuen Studie des Deutschen Gewerkschaftsbundes hat die Arbeit von zu Hause aus auch viele Nachteile für Arbeitnehmer: Demnach machen 28 Prozent der Heimarbeiter oft unbezahlte Überstunden.

Erreichbarkeit außerhalb der Arbeitszeit und Arbeiten am Abend sind viel häufiger. Und die Mitarbeiter nutzen ihren eigenen Strom, Wasser und Gas. Genau darauf setzen die ersten Unternehmen in Zeiten drohender Energieknappheit und steigender Preise.

Anfang Mai hatte der damalige nordrhein-westfälische Wirtschaftsminister Andreas Pinkwart (FDP) vorgeschlagen, die Mitarbeiter zurück ins Homeoffice zu schicken, damit in den Büros weniger geheizt werden müsse. Die Initiative stieß zunächst auf keine große Resonanz – bis jetzt.

Der Konsumgüterhersteller Henkel erwägt nun die ungewöhnliche Idee, Sprit zu sparen. „Es ist möglich, dass wir zeitlich befristet wieder mehr Homeoffice einführen, wie in der Pandemie. Diesmal aber, um im nationalen Interesse Energie zu sparen“, sagte Henkel-Chef Carsten Knobel der Rheinischen Post. „Wir könnten dann die Temperatur in den Büros deutlich senken, während unsere Mitarbeiter zu Hause normal heizen.“

Eine Unternehmenssprecherin sagte gegenüber WELT: „Wir sind dank unseres diversifizierten Energieportfolios bereits gut aufgestellt, aber auf Gas können wir derzeit nicht verzichten.“ Daher wird intensiv geprüft, wie die Produktion auf alternative Energiequellen umgestellt werden kann. Darüber hinaus würden für Herbst und Winter weitere Szenarien geprüft, je nachdem, wie sich das Gasangebot im Jahresverlauf entwickelt. „Eine Überlegung ist eine mögliche Homeoffice-Regelung, um Energie und Heizkosten zu sparen.“

Im Bundestag stößt diese Idee meist auf Kritik. Beate Müller-Gemmeke, Berichterstatterin für Arbeitnehmerrechte und Arbeitsmarktpolitik in der Grünen-Bundestagsfraktion, hält Homeoffice für „immer gut“, weil Energie gespart werden kann, mehr Klimaschutz möglich ist und der Schutz vor einer Corona-Infektion verbessert wird. Aber auch bei Henkel sind klare Regeln notwendig. „Home Office muss sich mit der Arbeit im Unternehmen abwechseln. Und natürlich muss es einen finanziellen Ausgleich geben, denn steigende Heizkosten dürfen nicht auf die Mitarbeiter abgewälzt werden“, sagt Müller-Gemmeke.

Die stellvertretende Vorsitzende der Bundestagsfraktion Die Linke, Susanne Ferschl, ist sich sicher: „Letztendlich geht es Henkel bei einer solchen Aktion nicht in erster Linie darum, Sprit zu sparen, sondern die Betriebskosten zu senken.“ Arbeitgeber- und Unternehmensverbände wehren sich seit Jahren gegen einen Rechtsanspruch auf Homeoffice für die Beschäftigten. „Ein solcher Vorstoß unter dem Vorwand des gemeinsamen Energiesparens ist transparent. Unternehmen müssen verpflichtet werden, die Kosten zu übernehmen, die beim Homeoffice entstehen, eine Homeoffice-Verpflichtung lehnen wir ab.“

Auch in der AfD-Bundestagsfraktion wurde Henkels Vorschlag abgelehnt. „Zu Hause arbeiten, um im Betrieb Sprit zu sparen, ist ein wirklich absurder Vorschlag“, sagte der arbeitspolitische Sprecher René Springer. Stattdessen müsse die Bundesregierung den drohenden Gasnotstand „mit allen Mitteln“ abwenden. „Notfalls muss die Pipeline Nord Stream 2 in Betrieb genommen werden, damit deutsche Unternehmen weltweit nachgefragte Güter produzieren können, ohne dass eigene Mitarbeiter die Kosten tragen.“

Nord Stream 2 ging nach Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine nicht wie geplant in Betrieb. Der Eigentümer der Pipeline gehört vollständig dem mehrheitlich russischen Gazprom-Konzern.

Alexander Dobrindt, Vorsitzender der CSU-Landesgruppe im Bundestag, sagte: „Mitarbeiter ins Homeoffice zu schicken, um Energie zu sparen, bringt wenig für die Energiebilanz im Land.“ Um den Verbrauch zu senken, sind Gassparpläne für öffentliche Gebäude sinnvoller. Dobrindts Vorbild: Italien. Seit dem 1. Mai dürfen Klimaanlagen in öffentlichen Gebäuden nicht mehr unter 27 Grad kühlen.

Auch der Vorsitzende der Arbeitnehmergruppe der Unionsfraktion, Axel Knörig (CDU), kritisiert: „Die Last der Energiekrise darf nicht einseitig auf die Beschäftigten abgewälzt werden. Die stationären Betriebsstätten müssen erhalten bleiben.“

Die SPD-Bundestagsfraktion verweist auf das Mitte Mai verabschiedete Energiesicherheitsgesetz. In einer von den Ampelgruppen vorgelegten Beschlussempfehlung des Ausschusses für Klimaschutz und Energie heißt es zu dem Gesetz: „Neben der Notwendigkeit freiwilliger Maßnahmen eine Begrenzung der Raumtemperatur in Bürogebäuden und ggf , Homeoffice könnte in einer für die Gasversorgung kritischen Situation verordnet werden.“ Die energiepolitische Sprecherin der SPD im Bundestag, Nina Scheer, sagte: „Eine genauere Ausgestaltung steht noch aus.“

Der Sozialverband VdK Deutschland ist hier skeptisch. Mobiles Arbeiten habe sich für viele Menschen bewährt, deren Arbeit es erlaube, sagte VdK-Präsidentin Verena Bentele. „Allerdings sollte niemand gezwungen werden, von zu Hause aus zu arbeiten, da das Unternehmen für viele Mitarbeiter ein wichtiger Ort des sozialen Austauschs ist“, sagt Bentele. „Außerdem muss sichergestellt werden, dass die Unternehmen die höheren Energiekosten selbst übernehmen und nicht an die Mitarbeiter weitergeben.“

Henkels Vorschlag wurde ausdrücklich nur von der FDP-Bundestagsfraktion unterstützt. „Ein gutes Beispiel für privatwirtschaftliche Initiative. Es zeigt einmal mehr, dass nicht immer alles gesetzlich geregelt werden muss“, sagte der stellvertretende Vorsitzende Lukas Köhler. Verantwortungsbewusste Unternehmen sind längst bereit, ihren Beitrag zur Bewältigung der Krise zu leisten.

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