Freitag, August 12, 2022

Das Märchen von der Ganztagsbetreuung für alle Grundschulkinder

DDas Versprechen, ab 2026 allen Erstklässlern und dann ab 2030 allen Grundschülern der ersten bis vierten Klasse eine Ganztagsbetreuung anbieten zu können, droht zu scheitern: In den meisten westdeutschen Bundesländern sind die Schulen absehbar lang Weg vom Rechtsanspruch auf acht Stunden Vollzeitbetreuung.

Und in den ostdeutschen Bundesländern, wo es bereits viel mehr Hortplätze gibt, ist die Betreuungsquote oft so schlecht, dass von einer individuellen Förderung der Kinder keine Rede sein kann. Das zeigt der neue „Fachradar Kitas und Grundschulen 2022“ der Bertelsmann Stiftung.

Die Berechnungen der Bildungsexperten zeigen einen so gravierenden Fachkräftemangel, dass der Rechtsanspruch ab 2030 voraussichtlich weitgehend unerfüllt bleiben wird. Demnach fehlen in den nächsten acht Jahren mehr als 100.000 Fachkräfte für eine gute Ganztagsbetreuung von Grundschulkindern. „Zumindest im Westen sehe ich keine Chance, dass bis 2030 alle Grundschüler im System sind“, sagte Bertelsmann-Bildungsexpertin Kathrin Bock-Famulla WELT. Die Fachkräfteoffensive sei von der Politik „verzögert“ worden, der absehbare Mangel bereits vor mehr als zehn Jahren angegangen worden.

Doch statt das Ausbildungssystem für Erzieherinnen und Erzieher zu reformieren und zu vereinheitlichen, gibt es oft nicht einmal eine Ausbildungsvergütung. Keine guten Voraussetzungen, um junge Menschen für pädagogische Berufe zu begeistern. Umgekehrt dürfte aber die Nachfrage nach schulischer Betreuung weiter steigen. „Eltern sind die Betreuung ihres Kindes in der Kita gewohnt und haben ihr Berufsleben darauf ausgerichtet“, sagt Bock-Famulla. „Warum lassen Sie Ihr Kind plötzlich zu Hause?“

Für ihre Berechnungen haben sich die Experten der Bertelsmann Stiftung zunächst die Ausgangslage in den Bundesländern angesehen. Demnach erfüllen die ostdeutschen Bundesländer bereits für die Mehrzahl der Grundschulkinder den Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung. Im Schnitt nutzen 83 Prozent der Kinder ein Ganztagsangebot und 3,5 Prozent ein Über-Mittags-Angebot bis etwa halb drei Uhr nachmittags. Auf Basis dieses hohen Entwicklungsstandards könnten die ostdeutschen Bundesländer den Berechnungen zufolge bis Ende des Jahrzehnts jedem Kind einen Platz anbieten.

Allerdings ist das Betreuungsverhältnis hier deutlich schlechter als im Westen. Während die Horte in Westdeutschland einen Personalschlüssel von eins zu sechs haben, sind es im Osten eins zu vierzehn. Eine hauptberufliche Fachkraft in Ostdeutschland muss also mehr als doppelt so viele Kinder betreuen wie in einem westdeutschen Hort. Und da es sich um eine rein rechnerische Zahl handele, sei das wahre Unterstützungsverhältnis deutlich ungünstiger, stellte Bock-Famulla klar. „Dann geht es oft nur noch um Aufsicht.“ Um die Qualität und die Versorgungssituation zu verbessern, müssten im Osten 26.000 zusätzliche Fachkräfte eingestellt werden.

Noch komplexer ist die Situation in Westdeutschland. Bisher nehmen nur 47 Prozent der Grundschüler an einem Ganztagsangebot und 18 Prozent an einem Nachmittagsangebot teil. Wollte man allen Kindern ein Ganztagsangebot bieten, müssten zusätzlich eine Million Plätze geschaffen werden. „Dafür werden rund 76.000 Fachkräfte mehr benötigt, als bis dahin zur Verfügung stehen“, schreibt die Stiftung. In Ost und West zusammen würden mehr als 100.000 zusätzliche Fachkräfte benötigt.

Es wurden auch günstigere Szenarien berechnet. Wenn nicht alle, aber nur rund 86 Prozent der Kinder im Osten die Hortbetreuung in Anspruch nehmen, reduziert sich der Fachkräftebedarf auf 18.000 im Osten und 55.000 im Westen. Wenn ein Teil der Kinder weiterhin nur die kurze Nachmittagsbetreuung in Anspruch nehmen würde, würden im Westen 34.000 und im Osten 18.000 zusätzliche Arbeitskräfte ausreichen. Selbst im besten Fall mit geringer Beschäftigung würden deutlich mehr Fachkräfte benötigt als die 37.000, die laut Prognose bis 2030 auf den Arbeitsmarkt drängen werden.

Die Bertelsmann Stiftung weist jedoch darauf hin, dass die Datenbasis für diese Berechnungen unvollständig und widersprüchlich ist. Dies erschwert eine umfassende Bestandsaufnahme. Dennoch zeigten die Szenarien deutlich, dass die Umsetzung des Rechtsanspruchs nur mit einem deutlich erhöhten Fachkräfteangebot zu bewältigen sei, sagte Anette Stein, Leiterin des Stiftungsprogramms „Bildung und Nachwuchs“. „Deshalb müssen die Länder gemeinsam mit allen Verantwortlichen jetzt differenzierte Maßnahmen ergreifen, um dem zunehmenden Personalmangel in Grundschulen und Horten vorzubeugen.“

Mit Blick auf die Ergebnisse der ersten Ausgabe des Fachkräfteradars vom August 2021 seien die Dimensionen der Personalknappheit noch größer, warnt die Stiftung. Demnach fehlen bis 2030 rund 230.000 pädagogische Fachkräfte auch im Kita-Bereich.

Damit der Rechtsanspruch auf einen Ganztagsplatz mit Bildungsangeboten einhergehe, brauche es ausreichend und gut qualifiziertes pädagogisches Personal, warnte Stein. „Der Hebel dafür ist eine langfristig angelegte Fachoffensive von Bund und Ländern.“ Dafür muss die Politik jetzt die rechtlichen Rahmenbedingungen, ausreichende Ausbildungskapazitäten und Anreize für den Berufseinstieg schaffen.

Der IQB-Bildungstrend der Kultusministerkonferenz hat kürzlich gezeigt, wie wichtig es ist, abgehängte Kinder wirklich intensiv zu fördern, anstatt sie nur nachmittags in der Schule zu belassen. Demnach erfüllt mittlerweile jedes fünfte Kind die Mindeststandards in Deutsch und Mathematik nicht.

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