Dienstag, August 9, 2022

Die Propagandaschlacht um den erschossenen Journalisten

DDie Kugel, die die Journalistin Shirin Abu Akleh tötete, flog mehr als hundert Meter. Es traf Abu Akleh direkt unter ihrem Helm, drang in die Schädelhöhle ein und verursachte eine Eintrittswunde, verließ den Kopf wieder und fügte eine weitere Wunde zu.

Dann traf die Kugel die Innenseite des Schutzhelms, prallte ab und blieb im beschädigten Gewebe im Inneren des Schädels stecken. So weit das Ergebnis der Obduktion. Die politische Schlussfolgerung dieser Geschichte ist weitaus weniger klar.

Abu Akleh war Nahost-Reporter für den katarischen Fernsehsender Al-Jazeera. Seit mehr als 20 Jahren berichtet der Palästinenser mit amerikanischer Staatsbürgerschaft über die israelische Besatzung, palästinensische Aufstände und Anschläge sowie gescheiterte Friedensprozesse. Abu Akleh war das Gesicht aller großen Berichte über den Nahostkonflikt, der bekannteste Journalist der arabischen Welt.

Am frühen Morgen des 11. Mai fuhr die 51-Jährige mit ihrem Team in das palästinensische Flüchtlingslager in Dschenin im Westjordanland. Dort führten israelische Sicherheitskräfte Razzien durch. In den Wochen zuvor hatten palästinensische Attentäter bei einer Serie von Terroranschlägen 19 Israelis getötet. Einige der Angreifer kamen von dort, der Terrorhochburg, über die die Palästinensische Autonomiebehörde (PA) keine Kontrolle hat.

Die israelischen Sicherheitskräfte (IDF) wurden beschossen, es folgten Schusswechsel, und die Lage war unklar. In dieser Situation wollte Abu Akleh Augenzeugen befragen. Während einer Feuerpause gingen sie und ihre Kollegen eine Straße entlang auf ein etwa 180 Meter entfernt geparktes israelisches Militärfahrzeug zu, als weitere Schüsse fielen. Abu Akleh starb sofort.

Der Fall löste eine Propagandaschlacht aus, als ob die Ermittlung der Verantwortlichen für ihren Tod ein für alle Mal bestimmen könnte, wer der Täter und wer das Opfer im Nahostkonflikt ist: Israel oder die Palästinenser? Beide Seiten beschuldigten sich gegenseitig.

Die palästinensische Führung sprach von einer „Hinrichtung“ des Journalisten durch israelische Soldaten. Israel hingegen wertete den Tod als unbeabsichtigten Kollateralschaden – vermutlich wurde der Journalist sogar von Palästinensern getroffen. Das Kaliber 5,56 mm, das sich in Abu Aklehs Kopf befand, wird sowohl von israelischen Soldaten als auch von Palästinensern verwendet.

Eine forensische Analyse sollte feststellen, von wessen Waffe abgefeuert wurde. Israel forderte die Kugel, aber die PA lehnte ab, weil sie den Israelis misstraute. Erst jetzt, Wochen später, wurde die Kugel genauer untersucht. Die Amerikaner hatten massiven Druck auf die Palästinenser ausgeübt, die Kugel freizugeben. Israelische Experten untersuchten sie im Beisein amerikanischer Diplomaten.

Das Ergebnis: Das Geschoss sei zu stark beschädigt worden, um einen Rückschluss zu ziehen, teilte das US-Außenministerium mit. Aber: Der zuständige US-Sicherheitskoordinator sei zu dem Schluss gekommen, „dass wahrscheinlich Schüsse aus IDF-Stellungen für den Tod von Shirin Abu Akleh verantwortlich waren“. Es gebe jedoch „keinen Grund zu der Annahme, dass dies vorsätzlich geschah, sondern das Ergebnis tragischer Umstände während einer von der IDF geführten Militäroperation gegen Gruppen des palästinensischen Islamischen Dschihad“.

Mehr Klarheit wird es in diesem Fall wohl nicht geben. Die Aussage lässt den Israelis gerade so viel Raum für Zweifel, dass sie nicht antworten müssen. Zugleich bestätigt es, was frühere Recherchen der Washington Post, CNN, des Recherchekollektivs Bellingcat, der New York Times und der Vereinten Nationen bereits ergeben hatten: dass es höchstwahrscheinlich Bewaffnete der israelischen Eliteeinheit Duvdevan waren, die den tödlichen Schuss abfeuerten Patrone.

Denn diese waren die einzige Position in der Nähe des Journalisten und offenbar die einzigen, die in diesem Zeitfenster Schüsse in Richtung des Reporters abgegeben haben. Natürlich kann niemand behaupten, dass sie vorsätzlich einen Journalisten getötet haben. Ob der Schütze die Presseaufschrift auf Abu Aklehs Helm und Weste sehen konnte, ist unklar.

Auch in der öffentlichen Wahrnehmung spielt es keine Rolle mehr, weil alle Seiten schon vor der Obduktion ihre eigene Wahrheit gefunden hatten. Für die Palästinenser ist und bleibt es ein gezieltes Töten. Und die Israelis betonen weiterhin, dass die eigentlichen Verantwortlichen die Terroristen seien, die den Überfall überhaupt erst nötig gemacht hätten. Allerdings verlor Israel den Interpretationskrieg – wie so oft in der primitiven Schwarz-Weiß-Wahrnehmung des hochkomplexen Nahost-Konflikts.

Shirin Abu Akleh ist das Opfer aller Opfer geworden, die Stellvertreterin für all die gesichtslosen Palästinenser, die bei israelischen Militäroperationen in den besetzten Gebieten gestorben sind. Israel steht einseitig als Täter da.

Großen Anteil daran hatte das sehr ungeschickte Verhalten der israelischen Sicherheitsbehörden: Bei der Beerdigung von Abu Akleh schlugen Polizisten auf Teilnehmer des Trauerzuges ein, sodass der Sarg beinahe zu Boden fiel. Sie rissen auch palästinensische Flaggen aus dem Leichenwagen.

Was auch immer diesen Szenen vorausging – die israelische Polizei spricht von Steinwürfen und einer nicht abgesprochenen Route – die Bilder lösten internationale Empörung aus. Der Imageschaden für Israel ist massiv. Und das gerade jetzt, kurz vor dem Besuch des amerikanischen Präsidenten.

Seit einiger Zeit versucht Israel, die Aufmerksamkeit vom festgefahrenen Friedensprozess mit den Palästinensern auf die erfolgreiche Zusammenarbeit mit den Golfstaaten zu lenken. Und die gemeinsame nukleare Bedrohung durch den Iran.

Der tragische Tod von Shirin Abu Akleh hat den israelisch-palästinensischen Konflikt jedoch wieder auf die Weltbühne gebracht. Es wird wohl auch beim Biden-Besuch auf der Tagesordnung stehen. Neben Irans nuklearer Aufrüstung und einem möglichen Friedensabkommen mit Saudi-Arabien.

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