Freitag, August 12, 2022

„Dortmund statt Doha, das wäre mutig gewesen“

„Dortmund statt Doha, das wäre mutig gewesen“, sagte Thomas Beschorner im Sportausschuss des Bundestags, der am Montag über die Fußball-WM der Männer im kommenden Winter diskutierte. Der Ökonom bedauerte, dass ein Boykott des Fifa-Turniers nie wirklich in Erwägung gezogen wurde. Eine Alternativ-WM für die europäischen Fußballnationen hätte laut Beschorner „massiv zum Ansehen des Fußballs beigetragen“.

Kann ein sportliches Großereignis wie die Weltmeisterschaft in einem Land stattfinden, das Menschenrechte missachtet und von einem autoritären Regime regiert wird? Fünf Monate vor der WM in Katar, die wegen der hohen Temperaturen im Wüstenstaat ausnahmsweise erst Ende November beginnen wird, wollte der Sportausschuss des Bundestags von Experten wissen.

Neben dem Wirtschaftswissenschaftler Beschorner, Professor für Wirtschaftsethik an der Universität St. Gallen, baten die Bundestagsabgeordneten auch Vertreter von Gewerkschaften, Amnesty International und natürlich den Deutschen Fußball-Bund (DFB) um eine Einschätzung der bevorstehenden Wüste Weltmeisterschaft.

Beschorners Analyse war niederschmetternd. „Demokratisierungsprozesse durch sportliche Großereignisse finden eigentlich nicht statt, dafür gibt es keine wissenschaftlichen Belege“, betonte der Wissenschaftler mit Blick auf frühere Veranstaltungen etwa in Russland oder China. Vielmehr würden solche sportlichen Großereignisse autoritäre Regime unterstützen und ihnen internationales Ansehen verschaffen. Hoffnungen auf eine Liberalisierung entsprechender Staaten erteilte er eine klare Absage, Argumente dafür seien nur „anekdotisch belegt“.

Die Anhörung im Sportausschuss ist zu begrüßen, kommt jetzt aber zu spät. Jetzt befinden Sie sich im „Reparaturmodus“: Die Sicherheit homosexueller Fans, Sportler, Trainer und Funktionäre in Katar muss gewährleistet sein – Homosexualität ist in Katar verboten. Zudem sollten die extrem hohen CO₂-Emissionen der WM und Entschädigungszahlungen für die Familien verstorbener Gastarbeiter auf den Stadionbaustellen diskutiert werden, forderte der Ökonom.

Die Situation von Gastarbeitern auf Stadionbaustellen ist seit Jahren ein Thema. Schätzungen zufolge sind seit 2010 mehr als 15.000 von ihnen gestorben. Enorme Hitze, Ausbeutung, menschenunwürdige Unterkünfte und fehlende Arbeiterrechte stehen hier im Mittelpunkt, wie Katja Müller-Fahlbusch von Amnesty International sagte. Obwohl es nach 2017 einige Gesetzesreformen gab, war es in der Region „einzigartig“. Aber: „Die Umsetzung der Reformen ist unzureichend“, sagt Müller-Fahlbusch.

Das sogenannte „Kafala“-System, eine Art Bürgschaftsmodell, das Arbeitsmigranten in eine enorme Abhängigkeit von ihrem katarischen Bürgen macht, wurde – entgegen den Zusicherungen der Regierung – keineswegs abgeschafft. „Wir sehen Reformen des Kafala-Systems, aber keine Lösung“, sagte Müller-Fahlbusch.

Die rund 2,2 Millionen Wanderarbeiter, die etwa 79 Prozent der Bevölkerung Katars ausmachen, haben noch immer kein Recht, sich gewerkschaftlich zu organisieren. Während katarische Arbeiter Gewerkschaften beitreten dürften, hätten die Wanderarbeiter nur eine Art Komitee. Aber weder Streiks noch Tarifverhandlungen sind möglich. Und weil der Ausschuss nur mit Zustimmung des Arbeitgebers eingerichtet werden kann, hält Müller-Fahlbusch ihn für einen „zahnlosen Tiger“.

„Die Weltmeisterschaft ist zu einem Katalysator geworden, um Katar als globale Marke zu präsentieren“, sagt Sebastian Sons, Forscher am Center for Applied Research in Partnership with the Orient (CARPO) in Bonn. Die Herrscherfamilie um Emir Tamim bin Hamad Al Thani habe das Turnier als „strategisches Instrument genutzt, um sich der internationalen Gemeinschaft auf den Ebenen Partnerschaft, Profilierung und Plattform als unersetzlicher Partner zu präsentieren“, heißt es in Sons Bericht.

Nicht nur die geplanten Gaslieferungen aus Katar zeigen die zunehmende Bedeutung des Landes in der Geopolitik. Katar hält an einer Strategie des „Gesprächs mit allen“ fest, und kürzlich fanden in Doha Gespräche über das iranische Atomabkommen mit den Vereinigten Staaten statt. Im Zuge des russischen Angriffskrieges in der Ukraine muss sich Deutschland nun geopolitische Fragen stellen: „Wie gehen wir mit autoritären Regimen um? Wie machen wir uns in Zukunft resilienter?“

Das Fazit der Experten war ernst. Dementsprechend stehen dem DFB intensive Monate bevor. „In Bezug auf Sport, Athleten und Fans hätte man sich eine andere Entscheidung vorstellen können“, heißt es in der Stellungnahme des Verbands gegenüber dem Sportausschuss.

Dennoch komme ein Boykott nicht in Frage, betonte Generalsekretärin Heike Ullrich. Auch diesen Schritt würden die Wanderarbeiter bei Gesprächen in Katar immer wieder zurückweisen: „Sie fühlen sich damit auf ihrer Seite.“ Die Situation wird laufend überwacht, auch das künftige deutsche Hotel wird ständig auf die Einhaltung der Arbeitsschutzmaßnahmen überprüft. Man hoffe auf eine „nachhaltige Veränderung“, etwa auf einen Fonds, um Migranten in Katar Entschädigungen zu zahlen, etwa bei ausbleibenden Gehältern.

Ullrich kündigt derweil auch sichtbare Maßnahmen für das Turnier an: „Ich gehe fest davon aus, dass die Mannschaften ein Zeichen setzen werden.“ Mit der deutschen Nationalmannschaft werden Gespräche geführt. Auch die europäischen Verbände sind sich ihrer Verantwortung in Katar bewusst. Hinsichtlich der Rechte sexueller Minderheiten wollen sie die Akzeptanz fördern. Ulrich hat bereits angedeutet, wie cool der Gastgeber darauf reagieren könnte. „Jeder ist in Katar willkommen, aber Sie werden auch gebeten, die Kultur des Landes zu respektieren“, sagte der Beamte.

„Natürlich reicht die bloße Ankündigung, dass alle willkommen sind, nicht aus“, sagte Marie-Luise Amtsberg, Bundestagsabgeordnete der Grünen und Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung. Die Konsularabteilung wird während der WM verstärkt, um homosexuelle Fans „rund um die Uhr“ erreichen zu können.

„Aus heutiger Sicht ist die Vergabe der WM an Katar sicherlich als Fehler anzusehen“, kommentierte Philip Krämer, sportpolitischer Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion und stellvertretender Vorsitzender des Sportausschusses. Aufgabe der Politik sei es nun, „nachhaltige Veränderungen für bessere Standards bei Menschenrechten und Arbeitsschutz“ zu erreichen und die „Aufarbeitung von geschehenem Unrecht“ zu unterstützen.

„Ein WM-Gastgeber, der dem sportlichen Ideal der Völkerverständigung verpflichtet ist, muss unmissverständlich erklären, dass er Terroristen keine Plattform, keinen Unterschlupf und keine Straffreiheit mehr bieten wird“, sagte Krämer. Auch „Vernichtungsdrohungen gegen Israel“ müssen ein Ende haben.

Auch Michael Brand, Menschenrechtssprecher der Unionsfraktion, kritisierte die Vergabe der WM an Katar. Er nannte die Hoffnungen auf langfristige Besserung „naiv und falsch“. Deutschlands Einfluss sei zu gering: „Die Wahrheit ist, dass wir gar nicht die Speerspitze des Wandels sind.“

Für die Zukunft schlägt Ökonom Beschorner vor, den Blick auf die Fifa zu ändern. Der Fussballverband müsse als „weltpolitischer, auch geopolitischer Akteur“ gesehen werden, der Status als Non-Profit-Organisation in der Schweiz müsse fallen. Für die aktuelle WM kommt allerdings vieles zu spät. „Wir müssen nicht mit einer hohen gesellschaftlichen Akzeptanz der anstehenden WM rechnen“, heißt es in Beschorners Bericht.

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