Freitag, August 12, 2022

„Ein Tropfen auf den heissen Stein – aber auch das ist unter diesen Umständen wichtig“

vVor dem Hintergrund einer sich abzeichnenden Hungerkrise in Afrika fordert die EU-Kommission die westliche Staatengemeinschaft auf, mehr für Getreideexporte aus der Ukraine zu tun. „Ich sage es noch einmal: Wir können uns nicht darauf verlassen, dass die Nachbarn der Ukraine die Arbeit erledigen, und deshalb ist jede Art von Hilfe sinnvoll“, sagte die zuständige EU-Kommissarin für Verkehr, Adina Valean, gegenüber WELT.

Hintergrund des Appells von Valean ist, dass nach dem russischen Angriff auf die Ukraine und der Blockade ukrainischer Häfen das eigene Getreide auf dem Seeweg nicht mehr an seinen Bestimmungsort gelangen kann. Die Ukraine gilt als eine der größten Kornkammern der Welt. Die Blockade droht in Afrika eine Hungersnot.

Vieles habe sich seit letztem Monat in die richtige Richtung bewegt, erklärte der EU-Kommissar. Nach Angaben der ukrainischen Regierung wurden laut Adina Valean im Mai 1,7 Millionen Tonnen Getreide über alternative Transportwege zu Land, auf der Schiene oder zu Wasser – die EU-Kommission nennt sie „Solidaritätskorridore“ – bewegt, im Juni sogar 2,5 Millionen Tonnen. „Aber es gibt noch Luft nach oben – die Schienenfahrzeuge reichen nicht aus, wir haben zu wenig Fahrer für Binnenschiffe, die Transporteure brauchen Versicherungen und Garantien, und es gibt nicht genügend Zwischenlager für das Getreide.“

Polen und Rumänien, aber auch Moldawien haben wertvolle Arbeit geleistet. Valean: „Rumänien und Polen, die beiden Nachbarländer mit den größten Warenzuflüssen aus der Ukraine, haben ihre Grenzübergänge täglich rund um die Uhr geöffnet. Sie haben auch die Kontrollen vereinfacht und mehr Leute eingestellt.“

Valean hatte Mitte Mai gefordert: „20 Millionen Tonnen Getreide müssen die Ukraine innerhalb von weniger als drei Monaten über die EU-Infrastruktur verlassen. Das ist eine gigantische Herausforderung.“ Nach neuesten Schätzungen der polnischen Regierung ist dies jedoch unrealistisch. Bei Logistiklösungen gebe es zu wenig Fortschritte, sagte Polens Landwirtschaftsminister Henryk Kowalczyk am Dienstag dieser Woche.

Das Problem ist, dass nur ein Bruchteil der Mengen, die die Ukraine sonst per Schiff verlassen, über Land transportiert werden kann. Erschwert wird dies unter anderem durch die unterschiedlichen Spurweiten der Züge in der EU und in dem osteuropäischen Land. Valean bringt das Problem auf den Punkt: „Während ein großes Schiff mit 70.000 Tonnen Getreide beladen werden kann, transportiert ein 600 Meter langer Güterzug rund 1.900 Tonnen und ein Lastkahn bis zu 3.000 Tonnen. Ein Lkw schafft nur 25 Tonnen – ein Tropfen auf den heißen Stein – aber selbst dieser eine Tropfen ist unter diesen Umständen wichtig.“

Der Vorstandsvorsitzende der ukrainischen Eisenbahngesellschaft UZ, Oleksandr Kamyshin, sagte dem Online-Portal „Politico“ (wie WELT gehört Axel Springer, Anm. d. Red.) vor drei Wochen, sein Team könne „innerhalb eines Monats bis zu fünf Millionen Tonnen transportieren“. Allerdings sind die Exportmöglichkeiten durch gesetzliche Hürden und Kapazitätsprobleme auf den Straßen und in den Häfen stark eingeschränkt.

Nach Angaben des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj lagern derzeit bis zu 25 Millionen Tonnen Getreide in der Ukraine. Im Herbst, nach der Sommerernte, könnten es sogar 75 Millionen Tonnen sein. Alle Versuche der Vereinten Nationen (UN) und der Türkei, sich mit Russland auf sichere Seewege zu einigen, sind bisher gescheitert. Die russische Marine blockiert ukrainische Häfen im Schwarzen Meer. Deshalb bleiben Straßen, Schienen und Flüsse die einzige Alternative zum Seeweg.

Die EU-Kommission hat „Kontaktstellen“ eingerichtet, um das westliche Angebot an Güterwagen, Schiffen und Lkw sowie die Nachfrage aus der Ukraine an einer einzigen Anlaufstelle zu koordinieren. Laut Politico waren Anfang Juni erst 50 Getreidewagen aus dem Westen eingetroffen, während die Ukraine bereits 28.000 Wagen hat.

Valea sieht ein weiteres Problem: „Die Logistikketten zu überdenken und neue Wege zu erschließen, ist nicht einfach. Erstens sind die beteiligten Akteure, die von der EU koordiniert werden müssen, sehr unterschiedlich: Händler, Logistikunternehmen, Hersteller, Transporteure, regionale und nationale Behörden. Wir müssen das alles synchronisieren. Zweitens ist die Infrastruktur nicht dafür ausgelegt, so große Frachtmengen aufzunehmen.“

Related Articles

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

- Advertisement -

Latest Articles