Samstag, August 20, 2022

Energiekrise hin oder her – warum sich fast niemand an das Tabu Fracking wagt

BDie neue schwarz-grüne Landesregierung in Nordrhein-Westfalen hat eine klare Haltung zum Thema Fracking: „Die Sicherung der Trinkwasserqualität hat oberste Priorität. Wir werden es anderen Verwendungen vorziehen. Fracking in Nordrhein-Westfalen schließen wir aus.“ Niedersachsens Umweltminister Olaf Lies (SPD) bekräftigte kürzlich, dass Fracking nicht in Frage komme. Baden-Württemberg ist seit Jahren dagegen.

Es gibt ein breites politisches No-Go für Fracking wegen Bedenken hinsichtlich Umweltrisiken, da ein Hochdruck-Flüssigkeitsgemisch in den Untergrund gepumpt wird, um Schiefergestein zu brechen und das freigesetzte Erdgas einzufangen.

2017 verhängte die Bundesregierung ein Fracking-Verbot in „unkonventionellen Lagerstätten“ (Schiefer-, Mergel-, Ton- und Kohleflöze) – wegen „mangelnder Erfahrung in Deutschland“ und „Gefährdung der Grundwasserqualität und Trinkwassergewinnung“. Bundesweit sind nur vier wissenschaftliche Versuchsbohrungen erlaubt.

Auch das unter strengen Auflagen erlaubte konventionelle Fracking in tieferen, poröseren Sandsteinschichten findet nach mehr als 320 Bohrungen in Deutschland nicht mehr statt. Seit 2011 seien in Niedersachsen keine derartigen Fracking-Maßnahmen mehr durchgeführt worden, seit acht Jahren auch nicht mehr bundesweit, teilte das Landesamt für Bergbau, Energie und Geologie (LBEG) Niedersachsen auf WELT-Anfrage mit.

Als sich der Ampel-Koalitionspartner FDP in der Energiekrise für Fracking aussprach, bekräftigte Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) das Tabu: „Die Debatte um Fracking nützt uns derzeit nichts. Es dauert Jahre, wenn man es überhaupt will, solche Vorkommen zu erschließen.“ Das sieht SPD-Fraktionschef Lars Klingbeil genauso: „Es nützt nichts, Technologien aus der Vergangenheit jetzt wieder ins Spiel zu bringen.“

Die Förderindustrie jedenfalls zeigte sich nicht mehr optimistisch, dass Fracking in Deutschland noch zu einem Industriezweig ausgebaut werden kann. Seit Jahren sichern sich die Unternehmen die Konzessionen für sogenannte Explorationsfelder bei den zuständigen Landesbehörden. Einige dieser Explorationslizenzen wurden jedoch inzwischen wieder aufgegeben. Nicht einmal die Möglichkeit der Probebohrung wird genutzt.

„Ohne einen klaren und vorhersehbaren Regulierungsrahmen, der ein stabiles und vorhersehbares Umfeld schafft, werden Öl- und Gasunternehmen weiterhin daran scheitern, die umfangreichen Investitionen zu tätigen, die über viele Jahre erforderlich sind, um das potenzielle Potenzial des heimischen Schiefergases freizusetzen“, sagte ein Sprecher die Firma Wintershall Dea Deutschland GmbH jetzt auf WELT-Anfrage.

Angesichts der Suche nach Alternativen zu russischen Lieferungen wird dort die Dringlichkeit gesehen, heimische Energiereserven konsequenter zu nutzen: „Eine logische Konsequenz ist es, die Förderung in Deutschland kurzfristig auszubauen und dies mit allen uns zur Verfügung stehenden Technologien aktiv voranzutreiben .“

Schätzungen zufolge lagern bis zu 2,3 ​​Billionen Kubikmeter Schiefergasvorkommen in unkonventionellen Lagerstätten, vor allem in Niedersachsen, aber auch in Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg. Die konventionellen Gasreserven, die seit Jahrzehnten vor allem in Niedersachsen gefördert werden dürfen, werden noch auf 32 Milliarden Kubikmeter geschätzt. Zusammengenommen könnte Deutschlands Gasverbrauch von 104 Milliarden Kubikmetern im Jahr 2021 theoretisch noch lange gedeckt werden.

Der Bundesverband Erdgas, Erdöl und Geoenergie (BVEG) fordert daher eine neue Gasversorgungsstrategie „für die nächsten Jahrzehnte“. Importiertes Flüssiggas, kurz LNG („Liquid Natural Gas“), das Minister Habeck neben einer stärkeren Nutzung von Kohlekraftwerken vorerst favorisiert, werde die Versorgungsprobleme „kurzfristig“ nicht lösen können und wahrscheinlich auch langfristig nicht mit der nötigen Sicherheit“. Dem Verband zufolge sollten „alle Optionen zur Erzeugung von Erdgas zumindest zur Prüfung auf dem Tisch liegen“.

Dies gilt auch für die „Erhöhung der heimischen europäischen Erdgasversorgung“. Aus Sicht des BVEG wäre Schiefergas eine wichtige Option. Beim Fracking nach höchsten Standards werden Flüssigkeiten verwendet, die weder giftig noch umwelt- oder gesundheitsschädlich sind.

Was die Akzeptanz allerdings auch erschwert: Auch die in Niedersachsen in der Energiewirtschaft längst übliche Erdgasförderung ohne Fracking wird heute argwöhnischer denn je beäugt: Einige der Bohrungen werden mit der Erdursache in Verbindung gebracht Erschütterungen in Produktionsgebieten, zum Beispiel im Landkreis Verden.

Vor allem der Zeitplan ist für Fracking-Befürworter problematisch. Der BVEG schätzt, dass „die Umsetzung je nach Dauer des Genehmigungsverfahrens mindestens zwei bis vier Jahre in Anspruch nehmen wird“. Die Prozesse könnten verkürzt werden, „wenn Deutschland mit der gleichen Entschlossenheit vorgeht wie bei den Genehmigungsverfahren für LNG-Anlandungen“.

Doch die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) hatte bereits 2016 betont, dass die Erschließung von Schiefergasvorkommen in Deutschland „abgesehen von den offenen politischen und gesellschaftlichen Fragen auch aus technischer Sicht kurzfristig nicht möglich sei „. Laut einer BGR-Studie könne dies „nur Schritt für Schritt geschehen und würde sich über Jahrzehnte erstrecken“.

Für Umweltschützer ist dies ein relevanter Beweis. „Die Zeit des Frackings ist vorbei“, sagt Thorben Gruhl von der Aktionsgruppe „Kein Moor-Fracking“ in Niedersachsen. Er schätzt, dass es etwa ein Jahrzehnt dauern würde, bis eine große Fracking-Industrie nennenswerte Mengen an Schiefergas produzieren könnte. „Das kann allein zeitlich keine Brückentechnologie auf dem Weg zu einer klimaneutralen Energieversorgung mehr sein.“

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