Dienstag, August 16, 2022

„Es war nur Panik“

Et fühlt sich an diesem Sommerabend in Kopenhagen unwirklich an. Noch vor wenigen Tagen feierte die dänische Hauptstadt zum Auftakt der Tour de France ein riesiges Volksfest, Menschenmassen versammelten sich ausgelassen auf den Straßen und in den Parks. Der dänische Sommer ist gerade jetzt am schönsten, wenn die Tage mild und die Abende hell sind.

Der Anschlag in einem Einkaufszentrum im Süden der Stadt riss die Kopenhagener plötzlich aus dieser Idylle. Drei Menschen sind tot, darunter zwei junge Menschen. Drei Verletzte schwebten in der Nacht noch in Lebensgefahr. Nach der Tat schnappt die Polizei einen Verdächtigen – und scheint sich sicher zu sein, dass er der Täter ist.

Er soll am Montag dem Haftrichter vorgeführt werden. Ob die Tat politisch motiviert war, ist noch unklar. Aber die Polizei schließt es nicht aus.

Kopenhagen erlebte zuletzt 2015 einen Terroranschlag. Ein junger Islamist griff zuerst ein Café und Kulturzentrum und dann eine Synagoge an und tötete zwei Menschen. Die Polizei suchte die ganze Nacht nach dem Täter, bis sie ihn am frühen Morgen erwischte und erschoss.

Andererseits nahm die Polizei nach dem Angriff auf das Einkaufszentrum Field am Sonntagabend schnell einen Verdächtigen in unmittelbarer Nähe des Tatorts fest – einen 22-jährigen Dänen. Es sieht nicht so aus, als hätte er auf eine bestimmte Personengruppe geschossen, sagen Ermittler.

Nach der Tat kursieren Videos im Netz, die den Täter im Einkaufszentrum zeigen sollen – einem der größten des Landes. Ein Mann in knielangen Shorts und ärmellosem Oberteil läuft gelassen mit einer Waffe herum, die er noch bei sich hatte, als die Polizei ihn festnahm.

„Sie sind nicht echt!“ Er ruft in einem Video und zeigt auf seine Waffe. Andere Videos zeigen hektisch geschossene, verschwommene Bilder von Menschen, die in verschiedene Richtungen laufen, Schüsse und Schreie sind zu hören.

Café-Mitarbeiterin Miriam Lindhardt flieht mit mehreren Dutzend Kunden durch einen Hinterausgang. „Es gab einfach Panik“, sagt sie dem dänischen Radio. „Den ganzen Tag waren viele Leute im Zentrum.“

Ein Teenager verschanzte sich mit zehn anderen in einer winzigen Toilette und blieb dort mehr als zwei Stunden. „Wir hatten wirklich Angst, es war eine schreckliche Erfahrung“, sagte das Mädchen namens Isabella dem dänischen Radio. „Viele von uns haben geweint. Mein Herz rast immer noch.“ Auf dem Weg nach draußen sah sie Blut und Verletzungen.

Mehrere der Verletzten werden im Krankenhaus Rigshospitalet im Stadtzentrum behandelt. Drei von ihnen befanden sich in der Nacht noch in kritischem Zustand. Drei Menschen kamen bei dem Angriff laut Polizei ums Leben: ein Mann in den Vierzigern und zwei „Jugendliche“. Bislang macht die Polizei keine weiteren Angaben zu den Opfern und hält sich auch zum Motiv bedeckt. Auf der hastig einberufenen ersten Pressekonferenz ist von einer „Chaosphase“ die Rede.

Dazu trug auch bei, dass sich viele tausend meist junge Menschen am Abend in unmittelbarer Nähe des Einkaufszentrums zu einem Konzert des britischen Sängers Harry Styles versammelt hatten.

Die Polizei sperrte zwei U-Bahn-Linien für den übrigen Verkehr, um sie nach der Absage des Konzerts sicher nach Hause zu bringen. Auch viele der Konzertgäste sind geschockt. „Wir sind alle brutal aus dem strahlenden Sommer gerissen worden, der gerade begonnen hat“, kommentierte Ministerpräsidentin Mette Frederiksen am Abend.

Bislang gingen die Ermittler davon aus, dass die Kopenhagener nicht mehr in Gefahr sind. Dass der Täter allein gehandelt hat. Trotzdem herrscht in der Nacht Unruhe über der Stadt. Sirenen sind zu hören, trotz der Festnahme ist ein massiver Polizeieinsatz im Gange.

Rettungsdienste aus benachbarten Polizeibezirken sind angereist, der dänische Inlandsgeheimdienst ist eingeschaltet, und die Streitkräfte unterstützen die Polizei bei anderen Aufgaben. Die Behörden wollen absolut sicher sein, dass es keine weiteren Täter gibt. Dass die Kopenhagener ruhig schlafen können. Am Morgen, so die Hoffnung, können die Ermittler die Dinge klarer sehen.

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