Freitag, August 19, 2022

„Gefährdete Frauen und Kinder idealer Rekrutierungspool für Kriminelle“

UDas Bundeskriminalamt (BKA) versteht unter „Menschenhandel“ jede Form der Anwerbung, Beförderung und Unterbringung von Menschen zum Zwecke der Ausbeutung. Menschenhandel zum Zwecke der sexuellen Ausbeutung findet fast ausschließlich im Prostitutionsmilieu statt. Opfer werden oft zur Prostitution gezwungen und von Bekannten und Familienmitgliedern ausgebeutet. Die Aufdeckung von Straftaten in diesem Bereich gestaltet sich aufgrund der oftmals fehlenden sogenannten Opferaussagen im Strafverfahren meist schwierig; das BKA geht von einer hohen Dunkelziffer aus. Die Mehrzahl der Opfer stammt aus Deutschland sowie aus Ost- und Südosteuropa.

QUADDEL: Frau Schmitt, Sie sind als Koordinatorin in der EU für die Bekämpfung des Menschenhandels zuständig. Es gibt Hinweise darauf, dass Kriminelle die Notlage vieler ukrainischer Frauen für ihre schmutzigen Geschäfte ausnutzen.

Diana Schmitt: Als Russland die Ukraine angriff, gingen auch bei uns die Alarmglocken an. Denn ukrainische Frauen gehören seit vielen Jahren zu den Hauptopfern des Menschenhandels in der EU. Meist geht es um sexuelle Ausbeutung, manchmal auch um Zwangsarbeit. In einer Situation, in der viele Frauen ohne ihre Ehemänner sowie Kinder nach Polen, Rumänien und in andere EU-Staaten fliehen, sei es wichtig, schnell zu reagieren – Präventionsprogramme aufzusetzen, Informationskampagnen durchzuführen und alle Sicherheitskräfte zu sensibilisieren und die Öffentlichkeit auf die Gefahren.

QUADDEL: Welche Kenntnisse haben Sie über den Menschenhandel mit ukrainischen Frauen?

Schmitt: Die intensive Sensibilisierung durch die EU, die Staaten und zivilgesellschaftliche Organisationen scheint sehr gut funktioniert zu haben. Die EU hat zudem erstmals in der Geschichte die Richtlinie zum vorübergehenden Schutz aktiviert, die beispielsweise Flüchtlingen aus der Ukraine Zugang zum Arbeitsmarkt und medizinische Versorgung verschafft. Dadurch werden Schwachstellen und das Risiko des Menschenhandels reduziert.

Glücklicherweise haben wir bisher keine Beweise dafür, dass wesentlich mehr ukrainische Frauen Opfer von Menschenhandel wurden als vor dem russischen Angriffskrieg. Europol, Frontex, die nationalen Behörden und Organisationen, aber auch das Bundeskriminalamt und das Landeskriminalamt Berlin haben eng mit uns zusammengearbeitet. Allen Hinweisen wurde nachgegangen und bisher gibt es nur wenige bestätigte Fälle, in denen die Flüchtlinge auch Opfer von Menschenhandel wurden.

Aber wir dürfen uns auf keinen Fall zurücklehnen, denn diese riesige Gruppe besonders gefährdeter Frauen und Kinder bietet den Kriminellen einen idealen Rekrutierungspool. Gerade jetzt, wo in manchen Ländern die Hilfsbereitschaft zu sinken droht, weil sich der Krieg hinzieht.

QUADDEL: Welche Länder meinst du?

Schmitt: In manchen Ländern ist die Unterbringung auch vom privaten Engagement der Bürger abhängig. Wenn Familien, die Ukrainer aufnehmen, nach einigen Monaten feststellen, dass es länger dauert als erwartet und dass es auch schwierig ist, Fremde bei sich aufzunehmen, könnten sich viele Flüchtlinge bald in einer noch prekäreren Situation wiederfinden.

Auch ist es für einige schwierig, einen Job zu finden, zum Beispiel aufgrund fehlender Sprachkenntnisse. Dann könnten seit langem aktive kriminelle Organisationen verstärkt ukrainische Frauen rekrutieren. Die EU-Kommission versucht den Mitgliedstaaten zu helfen, indem sie zum Beispiel Aufnahmekapazitäten über unsere Solidaritätsplattform unterstützt.

QUADDEL: Wie funktioniert eine solche Anwerbung im Menschenhandel?

Schmitt: Schwachen Frauen wird versprochen, dass sie zu viel Geld bekommen. Oder es gibt die „Loverboy“-Methode, die besonders in Rumänien verbreitet ist. Der Märchenprinz, der sich ein junges Mädchen zu eigen macht, entpuppt sich bald als Zuhälter.

Männern werden tolle Jobs angeboten, und dann schuften sie für wenig Geld und unter miserablen Bedingungen auf Baustellen. Auch die Rekrutierung findet zunehmend online oder über soziale Medien statt.

QUADDEL: Wie kommen die Opfer raus, wenn sie sich in einem Bordell in Hamburg oder auf einer Baustelle in Kassel wiederfinden?

Schmitt: Oft müssen sie erst erkennen, dass sie Opfer sind. Wenn sie sich dessen bewusst sind, müssen sie wissen, welche Hilfsorganisation ihnen helfen kann und was die Polizei für sie tun kann. Zivilgesellschaftliche Organisationen spielen hier mit Beratungsstellen und Notrufnummern eine sehr wichtige Rolle. Und dann müssen die Opfer den Mut finden, aus der Ausbeutung herauszutreten gegen die teilweise extremen Gewaltandrohungen der Menschenhändler. Für viele dieser Menschen ist das ein großer Schritt.

Allerdings hat die EU Richtlinien, nach denen die Mitgliedsstaaten ausländischen Opfern von Menschenhandel Schutz gewähren sollen. Insgesamt darf jedoch nicht vergessen werden, dass die meisten Opfer von Menschenhandel in der EU EU-Bürger sind, die im eigenen Land oder in einem anderen EU-Land ausgebeutet werden. Nigerianer gehören zu den Nicht-EU-Bürgern, aber auch Ukrainer gehören seit langem zu den wichtigsten Nationalitäten, die angegriffen werden.

QUADDEL: Stimmt es, dass nigerianische Frauen oft von Familienmitgliedern an Menschenhändler verkauft werden? Es gibt Hinweise darauf, dass abgelehnte Asylbewerber aus Nigeria aus diesem Grund häufig nicht an ihre Familien zurückgeführt werden, wie dies bei Frauen aus armen Ländern meist der Fall ist.

Schmitt: Dies ist nicht nur ein Problem für nigerianische Frauen, sondern dort besonders häufig. Aus diesem Grund unterstützt die EU-Kommission Reintegrationsprogramme für Opfer von Menschenhandel, die zurückkehren wollen, aber nicht zu ihren Familien zurückkehren können. Wir helfen ihnen so gut wie möglich, sich ein neues Leben aufzubauen.

QUADDEL: Wo endet Ausbeutung und wo fängt Menschenhandel an? Ein Afrikaner, der lange Zeit in Deutschland untergetaucht war, erzählte mir, dass er oft als Küchenhilfe oder in einer Hotelreinigungskolonne arbeitete. Die Arbeitgeber machten sich zunutze, dass die „Illegalen“ gegen fehlende Löhne oder schlechte Behandlung nicht juristisch vorgehen können – weil sie offiziell nicht hier wohnen. Ist das Menschenhandel?

Schmitt: Die Grenzen zwischen Ausbeutung und Menschenhandel sind fließend. Entscheidend ist, ob der Täter bei der Ausbeutung die Kontrolle über die Person hat. Dies kann beispielsweise durch Gewaltanwendung, Machtmissbrauch oder Ausnutzung eines besonderen Schutzbedürfnisses geschehen. Grundsätzlich hätten illegal aufhältige Afrikaner die Möglichkeit, sich von spezialisierten Organisationen beraten und helfen zu lassen. Vertrauen ist oft größer als der Gang zu offiziellen Stellen wie der Polizei.

QUADDEL: In welchen deutschen oder europäischen Städten gibt es besonders häufig Opfer von Menschenhandel und wo ist er recht gut unter Kontrolle?

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