Freitag, August 12, 2022

„Geschlecht ist auch etwas, das gesellschaftlich ausgehandelt wird“

QUADDEL: Am Donnerstag vor fünf Jahren hat der Deutsche Bundestag die Ehe für alle beschlossen. Da vergossen sie Freudentränen. Wie blicken Sie auf diesen Tag zurück, Herr Beck?

Volker Beck: Ich denke immer noch gerne an diesen Tag zurück. Welcher Abgeordnete wird mit einem Konfettiregen verabschiedet, weil er an seinem letzten Tag im Plenum durchsetzt, wofür er Jahrzehnte zuvor gekämpft hat? Ich bin mir überhaupt nicht sicher, ob wir alle heute heiraten würden, wenn wir uns damals nicht dafür entschieden hätten. Vielleicht hätte die Union angesichts der AfD noch einmal klein beigegeben.

Es war gut, mit allem, was wir hatten, in den Kampf zu ziehen und es am letzten Tag der Legislatur durchzusetzen. Dieses Gesetz machte vor allem auf symbolischer Ebene deutlich, dass Schwule, Lesben und Heteros gleichberechtigte und gleichberechtigte Bürgerinnen und Bürger sind.

QUADDEL: Fünf Jahre später geht es wieder um Würde und Rechte, diesmal für Transmenschen. Justizminister Marco Buschmann (FDP) und Familienministerin Lisa Paus (Grüne) wollen am Donnerstag die Eckpunkte eines Gesetzes vorstellen, das es ermöglicht, den Geschlechtseintrag einfach per Selbstauskunft beim Standesamt zu ändern. Warum brauchen wir ein solches Gesetz?

Beck: Dieses Gesetz ist längst überfällig. Das geltende Transsexuellengesetz ist nur noch Schutt. Das schreit seit Jahrzehnten in den Himmel. Fast alle Paragraphen wurden vom Bundesverfassungsgericht aufgehoben, weil sie transsexuelle Menschen unnötig belästigen. Bisher mussten Sie ein kompliziertes Verfahren mit allerlei Gutachten durchlaufen, bevor Sie Ihren Geschlechtseintrag und Namen ändern können. All das braucht es nicht.

Ein demokratischer und pluralistischer Staat sollte davon ausgehen, dass seine Bürger kompetent Auskunft über sich selbst geben können. Das ist letztlich eine Frage des Menschenbildes. Werden Rechte Dritter nicht berührt, muss im Zweifel immer zugunsten der Selbstbestimmung entschieden werden.

QUADDEL: Aber die Debatte tobt bereits. Viele Menschen lehnen die Idee ab, dass das Geschlecht eine Frage der freien Wahl sein sollte. Verstehst du?

Beck: Nein, denn im Kern geht es um Respekt vor anderen. Dass Geschlecht als soziale Kategorie auch gesellschaftlich verhandelt wird, wird zu wenig reflektiert. Es geht nicht darum, bei der Mehrheit der Menschen etwas zu verändern. Aber es gibt Menschen, denen das bei der Geburt zugewiesene Geschlecht nicht passt. Warum sollte ich sie zwingen, etwas zu tun, was ihnen nicht passt? Was berechtigt mich, in ihrem Leben herumzuspielen?

QUADDEL: Aber es geht nicht nur um Menschen, die sich auch körperlich ihrem wahrgenommenen Geschlecht anpassen wollen, sondern auch um solche, die sich selbst als nicht-binär sehen. Sollen sie ihren Geschlechtseintrag auch beliebig ändern dürfen?

Beck: Warum sollten Sie jemanden operieren lassen, um seine Identität ernst zu nehmen? Der Staat sollte sich von körperlichen Eingriffen, sowohl medikamentösen als auch chirurgischen, fernhalten. Es ist Sache der Ärzteschaft und der Menschen, die diese Behandlungen für sich selbst wünschen.

Ich gehe sogar noch einen Schritt weiter: Warum sollte sich der Staat überhaupt um das Geschlecht seiner Bürger kümmern? Eigentlich wird das Geschlecht nur für zwei Dinge benötigt: um die Wehrpflicht unter Männern durchzusetzen und um Frauen zu fördern. Wenn wir die Gleichstellung der Geschlechter hätten, müssten wir das Geschlecht nicht mehr offiziell zertifizieren.

QUADDEL: Apropos Frauenrechte: Vor allem Feministinnen beklagen, dass Frauenhäuser verloren gehen, wenn sich Männer durch einen Sprechakt zu Frauen erklären. Sie werden daher als transphob gebrandmarkt. Recht?

Beck: Ein paar Feministinnen. Ich habe das Gefühl, dass hier etwas erfunden wird, damit man Gespenster an die Wand malen kann. Die Frauenhauskoordination, die rund zwei Drittel der Frauenhäuser in Deutschland organisiert, hat klargestellt, dass ihr keine Fälle bekannt sind, in denen Menschen mit trans- oder intersexueller Vorgeschichte die Frauenhäuser missbraucht haben.

Ansonsten gilt nach wie vor das normale Recht: Wer jemanden sexuell belästigt, macht sich strafbar. Wir haben es hier mit emotionalen Reflexen und Projektionen von Menschen zu tun, die sich ihrer Identität vielleicht auch nicht ganz sicher sind. Niemandem wird etwas weggenommen, weil einer kleinen Minderheit etwas gegeben wird.

QUADDEL: Viele wenden sich auch dagegen, dass Jugendliche ab 14 Jahren die Möglichkeit haben sollen, ihren Geschlechtseintrag ändern zu lassen. Haben junge Menschen in diesem Alter bereits die nötige Reife, um einen so weitreichenden Schritt zu gehen?

Beck: Auf jeden Fall für den Geschlechtseintrag. Zunächst einmal geht dies nicht mit medizinischen Maßnahmen einher. Sollte es sich ein junger Mensch später anders überlegen, geht nicht viel kaputt – außer einem Zettel. Der Schaden ist geringer, als wenn jemand ständig soziale Ausgrenzung erfährt, weil sein Name nicht zu seinem inneren Erleben und äußeren Erscheinungsbild passt.

QUADDEL: Die Erfahrung lehrt jedoch, wer A sagt, sagt meistens auch B und wünscht sich auch eine körperliche Harmonisierung. Oder nicht?

Beck: Das ist eine Frage, die Ärzte mit Menschen erarbeiten müssen. Und dort sind die Regeln für Erwachsene und Minderjährige aus guten Gründen unterschiedlich. Der Gesetzgeber muss sich da raushalten. Medizinische Fragen werden im Selbstbestimmungsgesetz voraussichtlich überhaupt nicht behandelt.

QUADDEL: Kritiker weisen darauf hin, dass der Wunsch nach Geschlechtsumwandlung einfach durch ein Unbehagen am eigenen Körper und die Rollenerwartungen des eigenen Geschlechts bedingt sein kann – insbesondere bei Mädchen. Ist da was dran?

Beck: Deshalb ist es auch gut, wenn es Beratungsstellen gibt, wo solche Aspekte geklärt werden können. Sie sollten akzeptieren, aber nicht bejahend sein. Nicht jeder, der eine Beratungsstelle betritt, muss wirklich trans* sein. Idealerweise sind auch die Eltern der Jugendlichen mit an Bord. Nur in Fällen, in denen ein solches Kind von seinen Eltern nicht so akzeptiert wird, wie es ist, braucht es Hilfe vom Jugendamt.

QUADDEL: Vielfalt spiegelt sich zunehmend in den Lehrplänen wider. Schadet es Kindern und Jugendlichen, wenn sie in der Schule mit allen Spielarten der Geschlechtsidentität konfrontiert werden? Sind sie, um den Schlachtfeldbegriff zu verwenden, „früh sexualisiert“?

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