Dienstag, August 16, 2022

Gravierende Lerndefizite bei Grundschülern – viele verfehlen Mindeststandards

DDie pandemiebedingten Unterrichtsausfälle und Schulschließungen haben zu gravierenden Einbußen bei den schulischen Leistungen geführt. Das beklagen Lehrer und Eltern schon lange – jetzt liegen die Erkenntnisse auch schwarz auf weiß vor.

Das Institut für Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) hat im Auftrag der Kultusministerkonferenz von April bis August 2021 eine große Stichprobe von 26.844 Viertklässlern aus allen Bundesländern auf ihre Leistungen in Deutsch und Mathematik getestet.

Der IQB Bildungstrend 2021 lässt dank des standardisierten Verfahrens direkte Rückschlüsse auf die Vergleichsjahre 2011 und 2016 zu. Das niederschmetternde Ergebnis: Der Anteil der Kinder, die die Bildungsstandards der Kultusministerkonferenz nicht erfüllen, ist stark gestiegen , und die sozialen und einwanderungsbedingten Disparitäten haben noch zugenommen.

Wie schon vor fünf und zehn Jahren absolvierten die Viertklässler Kompetenztests zu den Bildungsstandards in den Fächern Deutsch und Mathematik. Im Fach Deutsch wurden die Bereiche „Lesen“, „Hören“ und „Rechtschreibung“ geprüft, im Fach Mathematik fünf Kompetenzbereiche. Insgesamt zeigten sich im Testzeitraum unmittelbar nach dem zweiten Lockdown „ungünstige Trends in allen untersuchten Fächern und Kompetenzbereichen“, heißt es in der Studie.

„Im Vergleich zu 2016 entspricht der Kompetenzrückgang etwa einem Drittel eines Schuljahres im Lesen, einem halben Schuljahr im Hörverstehen und einem viertel Schuljahr in der Rechtschreibung und in Mathematik.“ Zudem erfüllte ein deutlich höherer Anteil der Studierenden die Mindeststandards nicht. In Mathematik, Lesen und Hören erreicht jedes fünfte Kind nicht die Mindeststandards, in Rechtschreibung sogar fast jedes dritte.

Wenn Sie sich den längerfristigen Trend seit 2011 ansehen, ist der Leistungsabfall sogar noch größer, stellt der Bericht fest. „Die ungünstigen Veränderungen der erreichten Kompetenzen sind eindeutig und sicher nicht unerheblich darauf zurückzuführen, dass diese Kinderkohorte von den Einschränkungen durch die Pandemie betroffen war“, sagt Petra Stanat, die wissenschaftliche Leiterin des IQB. „Aber auch in den früheren Kohorten erfüllten zu viele Kinder die Mindeststandards nicht. Das Bildungssystem muss sich systematischer um diese Kinder kümmern.“ Vor allem Lesen ist als Grundkompetenz für die weitere Bildung von entscheidender Bedeutung. „Wenn hier Lücken sind, ist es später schwierig, aufzuholen.“

Dementsprechend sind Kinder mit Migrationshintergrund, insbesondere aus der ersten Zuwanderergeneration, ins Hintertreffen geraten. Auch der Zusammenhang zwischen dem Kompetenzniveau der Kinder und dem sozioökonomischen Status ihrer Familien habe sich in allen Bereichen deutlich verbessert, heißt es in dem Bericht weiter. Die ohnehin schon oft vergeblichen Bemühungen um mehr Chancengleichheit sind während der Pandemie offenbar komplett gescheitert.

Kinder, die zu Hause weniger gefördert werden, seien von den Schulschließungen besonders betroffen, sagte die Präsidentin der Kultusministerkonferenz, Karin Prien (CDU). „Dies unterstreicht einmal mehr die Bedeutung des schulischen Lernens für die Bildungsgerechtigkeit.“

Die Schüler brauchen jetzt langfristige Maßnahmen, um die Lerndefizite aufzuholen. Die Länder haben daher den Bund gebeten, das Bundesprogramm „Aufholjagd nach Corona“ um weitere 500 Millionen Euro bis zum Ende des Schuljahres 2023/2024 zu verlängern. Man muss sich auf die Grundfertigkeiten konzentrieren.

Hamburgs Schulsenator Ties Rabe (SPD) sagte, die Ergebnisse des Bildungstrends seien ein „Schlag ins Gesicht für alle, die sich so energisch für Schulschließungen in Deutschland eingesetzt haben“. 183 Tage waren hier die Schulen ganz oder teilweise geschlossen – in Schweden nur 31. „Hier ist Nachdenken von allen Seiten gefragt.“

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