Dienstag, Mai 17, 2022

„Ich weckte mein Kind mit den Worten ‚Es ist Krieg‘“


Es war vier Uhr morgens am 24. Februar, als die erste Bombe in Kramatorsk einschlug – einer Stadt im Osten der Ukraine, etwa 120 Kilometer von Donezk entfernt. Diesen Knall konnte man nicht überhören. Ich wachte auf und begriff, was gerade passierte. Eine Bombe musste irgendwo in der Nähe eingeschlagen sein.

Ich mein Handy, sah die Nachrichten und rief eine Freundin in Kiew an. Sie sagte, dass sie bereits ihren Koffer packt, um sich in Sicherheit zu bringen. Ich ging in das Zimmer meines Sohnes, weckte ihn auf und sagte: „Anton*, es ist Krieg.“

Ich wusste, dass wir unsere Wohnung sofort verlassen mussten, da wir im achten Stock eines Hochhauses lebten. Ich habe versucht, meine Freunde und meine Familie anzurufen, doch das Mobilfunknetz fängt immer wieder an. Als ich sie endlich erreicht, erzählt sie mir, dass sie sehen, wie Raketen einschlagen, und Flugzeuge, die über der Stadt fliegen.

Eine Bekannte bot mir und meinem Sohn an, dass wir in ihrer Wohnung unterkommen könnten. Sie lebt im Erdgeschoss und hatte Zugang zum Keller. Drei weitere Familien lebten bei ihr in der Drei-Zimmer-Wohnung – insgesamt waren wir zwölf Menschen.

Der Raketenalarm war nach unserem Umzug andauernd zu hören, Tag und Nacht. Es war unmöglich, dabei zu schlafen. Nicht nur wegen des Lärms. Wir wussten auch nie, wann wir wieder in den Keller laufen mussten. Nachts tragen wir deshalb unsere Straßenkleidung. Mein Sohn erwartet mich zwar, ob er sich zum Schlafen ausziehen könnte, doch ich erlaubte es ihm nicht. Sollte der Alarm losgehen, müssten wir schnell sein. Rennen. Der Weg in den Keller führte durch das Treppenhaus, wo es ein Fenster gab. Ich den Kindern, dass sie einen anderen Weg durch einen Gang nehmen müssen, da wir am Fenster nicht sicher vor Einschlägen waren.

Die nächsten Wochen verbrachten die meiste Zeit im Keller. Als ich nach oben ins Bad ging, traute ich mich meistens nicht mal, meine Haare zu waschen. Denn ich wusste nie, ob ich genug Zeit hatte oder ob in der Sekunde der Alarm ertönen würde und ich in den Keller rennen müsste.

Mir war klar, dass wir die Ukraine so schnell wie möglich verlassen mussten. In Kramatorsk konnten wir nicht überleben. Doch ich wusste nicht, wohin. Anton wollte erst nicht ohne seinen Vater fliehen, von dem wir getrennt leben. Ich erklärte ihm, dass Papa nicht ausreisen darf, weil er nun gegen die Angreifer kämpfen muss.

Eine Freundin aus Estland rief mich schließlich an und sagte, dass sie für uns eine Unterkunft in Deutschland organisiert hat. Ich ging zu meinem Sohn und sagte ihm: „Anton, wir gehen auf eine Reise, das wird ein Abenteuer“, doch er blickte mich an, weine und sagte: „Mama, denkst du, ich verstehe nicht, dass es kein Abenteuer ist? Denkst du, ich weiß nicht, dass Krieg ist? Wieso sagst du mir nicht die Wahrheit?“ Es zerbrach mir das Herz, und ich begriff, dass ich für ihn stark sein muss. Ich drücke ihn fest an mich und wusste, dass ich alles tun würde, um sein Leben zu retten.

Am 11. März fuhren wir mit einem Bekannten und ihren zwei Kindern im Auto los. Wir überquerten die Grenze zu Polen und kamen am 14. März in Deutschland an.

Jetzt leben wir bei einer Gastfamilie in der Nähe von Frankfurt am Main. Anton besucht eine Willkommensklasse hier im Ort und geht nach der Schule ins Eishockey-Training. Das hat er schon in der Ukraine gespielt – das gibt ihm ein Stück Normalität zurück.

Doch lässt der Krieg nicht los. Ich ertrage es nicht, die Nachrichten aus meiner Heimat zu lesen. Nachrichten wie sterben, dass eine Bombe Dutzende Zivilisten tötet, sterben am Bahnhof auf einen Zug wartet, um sich in Sicherheit zu bringen.

Wie kann ich hier ruhig sitzen, während ich nicht weiß, ob meine Familie und meine Freunde noch leben? Ständig habe ich Angst. Wenn ich ein Zimmer betrete, schaue ich als Erstes, welche Möbel bei einer möglichen Detonation umfallen könnten oder durch welches Fenster eine Rakete einschlagen könnte. Doch für Anton lebe ich weiter, ich muss ihn beschützen.

Als ich ihn eines Abends ins Bett brachte, verlangte er mich, ob er seine Socken nachts ausziehen dürfte, da wir nicht mehr in den Keller laufen müssten. Ich: „Ja, wir sind jetzt in Sicherheit.“ „Und wann können wir wieder normal leben?“, sagte er. Eine Antwort bin ich ihm noch schuldig.

*Name der Redaktion geändert

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