Dienstag, August 16, 2022

„Ich wollte definitiv kein professionelles Opfer werden“

E18 Stunden nach dem Terroranschlag auf die Konzerthalle Bataclan war sich Georges Salines endlich sicher, dass seine Tochter eines der 300 Opfer dieser Schreckensnacht war. Für die Trauernden steht die Zeit still.

Es ist der 145. Prozesstag, und bis zur Urteilsverkündung am (heutigen) Mittwoch sind noch fünf Termine zu vergeben. Salines, Jeans und Jacke, mit Mitte 60 noch die Figur des Marathonläufers, der er bis vor kurzem war, sitzt auf der malerischen Place Dauphine gleich hinter dem Palais de Justice in Paris und bezeichnet seinen Zustand als „erhaben“. Er empfindet eine seltsame Aufregung, vielleicht eine intellektuelle Genugtuung darüber, dass die Justiz funktioniert.

Vielleicht verspürt er auch eine kleine Angst vor der Leere, die kommen könnte, wenn der Prozess gegen die Pariser Attentäter am 13. November 2015 nach zehn Monaten endet. Seit September ist das sein Leben, von 12 Uhr mittags bis manchmal spät abends saß er im Gerichtssaal, hörte Opfern, Ermittlern, Polizisten, Rettungskräften, Richtern, Anwälten und auch den Tätern zu, machte sich Notizen, kein Detail entging ihn.

Der pensionierte Mediziner ist einer von 1.800 Nebenklägern in diesem historischen Prozess. Er unterscheidet jedoch subtil zwischen den Opfern, die überlebt haben, und denen, die er die Trauernden nennt. Er selbst ist ein Trauernder.

Salines‘ Tochter Lola hatte sich beim Konzert der Eagles of Death Metal vor die Bühne gestellt. Sie tanzte zu „Kiss The Devil“, als drei islamistische Terroristen mit Kalaschnikows bewaffnet den Konzertsaal betraten, das Feuer eröffneten und wahllos in die Menge schossen.

Lola, später identifiziert durch drei auf ihren Knöchel tätowierte Zitronenscheiben, befand sich direkt in der Schusslinie der Terroristen. Salines hat nur einen Trost: Lola hat nicht gelitten. Sie hat den Tod nicht kommen sehen.

„Ich wollte definitiv kein professionelles Opfer werden“, sagt Salines im Interview mit WELT AM SONNTAG. Selbstmitleid ist nicht sein Ding. Salines ist ein Lehrbuchbeispiel für das, was Psychologen Resilienz nennen. Hass habe er nie empfunden, sagt er. Er wollte verstehen. Von Anfang an.

„Ich entschuldige Krebs auch nicht, wenn ich ihn erforsche, aber heilen kann man ihn nur, wenn man versteht, wie er entsteht.“ Er hat Trauerarbeit geleistet, ein Buch veröffentlicht – „Das Unaussprechliche von A bis Z“ – dann noch eins zusammen mit dem Vater des Attentäters Samy Amimour, der möglicherweise der Mörder seiner Tochter ist.

Salines geht in Schulen und Gefängnisse und leistet Präventionsarbeit. Manchmal habe er das Gefühl, „mit einem Teelöffel den Ozean auszuschöpfen“, sagt er. Er war in der Klasse von Lehrer Samuel Paty, der ebenfalls von Islamisten ermordet wurde. Er starb 2020, fast fünf Jahre nach dem Bataclan-Angriff.

„In unseren Herzen war so viel Traurigkeit, dass kein Platz für Hass war.“ Salines zitiert diesen Satz von der Schwester des katholischen Priesters Jacques Hamel, der 2016 während eines Gottesdienstes in Rouen von Terroristen ermordet wurde. Er findet diese Formulierung zutreffend. Warum sind manche Menschen von ihrem Trauma am Boden zerstört, andere nicht?

Es mag einfacher sein, sich in Trauer und Hass niederzulassen, betont Salines, als vorwärts zu gehen. Er sieht die anderen, denen es nicht gelungen ist, voranzukommen. Einige haben sich in Hass aufgelöst, einen Kreuzzug gegen den Islam in Frankreich geführt und Politiker für das Verbrechen verantwortlich gemacht. Salines hingegen ist ein Ritter der Menschheit.

Er hätte gerne einen Opferorientierten Justiz nach kanadischem Vorbild eine Art Restorative Justice, „wo Täter und Opfer einander gegenüberstehen, wo Täter zu ihren Motiven befragt werden können, wo sie Reue zeigen und um Vergebung bitten können“.

Andere Eltern, die ein Kind verloren haben, können das Leben nicht mehr genießen, ins Kino gehen, in ein Restaurant gehen oder reisen, sagt Salines. Glücklich tritt er aus dem Justizpalast auf die Pont au Change, den „schönsten Platz von Paris“, und bewundert den Sonnenuntergang.

Natürlich vergeht kein Tag, an dem er nicht an seine Tochter denkt. Aber er will sich an das Positive erinnern: „Lola war ein glücklicher Mensch, durch und durch positiv. Sie hatte ein kurzes, aber glückliches Leben.“ Lola Salines starb im Alter von 28 Jahren.

Terrorprozesse finden oft in Abwesenheit der Täter statt, etwa weil sie sich in die Luft gesprengt haben. Salah Abdeslam hat das nicht getan. Er ist der einzige überlebende Attentäter jener Nacht im November 2015. Salines hat die Verwandlung des Terroristen im Laufe der Monate beobachtet, während er den Hunderten von Opfern zugehört hat: „Er hatte Zweifel an seiner Ideologie, aber es reicht nicht für Reue. Er bleibt eingeholt in seinen Widersprüchen.“

Die Staatsanwälte fordern eine lebenslange Haftstrafe für den Haupttäter ohne Bewährungsmöglichkeit. Doch für Salines bleibt ein Dilemma: „Weil man die Toten nicht beurteilen kann, gibt es eine Tendenz, mit den Lebenden noch eins draufzusetzen.“ In den sozialen Netzwerken wurde er oft beleidigt. Ihm wurde vorgeworfen, Sympathie für die Täter zu haben oder Vergebung zu predigen. „Unsinn“, sagt er.

Diese Frage hat er sich nie gestellt. „Ich kann im Namen meiner toten Tochter niemandem vergeben!“ Georges Salines sucht keine mildernden Umstände für eine ungeheuerliche Tat, er weiß, dass das Urteil nicht „auf Augenhöhe mit dem Massaker“ stehen kann. Er will Gerechtigkeit, keine Rache.

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