Dienstag, Oktober 4, 2022

Jede Woche ein Tag Distance Learning – und das hat nichts mit Corona zu tun

FDer neue Plan ist die letzte Chance für Hans-Reiner Homann. „Wenn wir damit scheitern, müssen wir nicht mehr antreten“, sagt der Leiter der Realschule am Burgtor in Aken an der Elbe. Homann arbeitet derzeit an einem Konzept, nach dem seine Schüler vier Tage die Schule besuchen und an einem Tag Lernaufgaben in hybrider Form bearbeiten. Dies sollte hauptsächlich zu Hause erfolgen.

„Der Wissenserwerb soll selbstständig und weitestgehend selbstbestimmt erfolgen“, sagt Homann. „Wir wollen das Konzept ab den kommenden sechs Monaten erproben.“

Der bundesweite Lehrermangel trifft Sachsen-Anhalt besonders hart. In der jüngsten Ausschreibung des Landes war nicht einmal für jede zweite Stelle ein Bewerber zu finden. Rund 1.000 Lehrer gehen jedes Jahr in den Ruhestand – aber nur rund 400 schließen ihre Ausbildung ab. Ein Drittel aller neuen Lehrkräfte sind Quereinsteiger.

Jedes Bundesland bereitet nun eine eigene Strategie gegen den Mangel vor. Die Klassenstärke wird erhöht, der Stundenplan verkürzt, Randstunden gestrichen. Berlin macht seine Lehrer wieder verbeamtet, und Sachsen zahlt angehenden Lehrern an ländlichen Schulen 1.000 Euro Zuschuss – vorausgesetzt, sie verpflichten sich, mindestens fünf Jahre nach dem Abschluss zu bleiben. Und in Sachsen-Anhalt wird derzeit an einem neuen Lehrkonzept gearbeitet, das im kommenden Februar starten soll. Die Studierenden arbeiten in der Regel einen Tag pro Woche in einem Unternehmen oder am heimischen Schreibtisch.

Vor rund einem Jahr zog Schulleiter Homann die Notbremse und beklagte öffentlich den massiven Klassenrückgang. „Wir konnten nur die Hälfte des Stundenplans unterrichten, meine Kollegen haben viele Überstunden gemacht, um den Stundenplan auch nur ansatzweise zu erfüllen“, sagt Homann. „Es war eine Bankrotterklärung.“ Fächer wie Französisch, Kunst, Geschichte, Sozialkunde und Ethik wurden für die Klassen 5 bis 9 noch gestrichen. Erst für die Abschlussklasse 10 war ein weitgehend normales Unterrichtsangebot gewährleistet. Schüler und Eltern gingen gegen den massiven Stundenausfall auf die Straße.

Homann wurde daraufhin Anfang des Jahres zu einer Anhörung in den Magdeburger Landtag geladen. „Ich habe ein Konzept skizziert, um digitale Lerninhalte in den Wochenplan einzubauen“, sagt er.

Drei Monate später richtete Kultusministerin Eva Feußner (CDU) einen Brief an alle Leiterinnen und Leiter der Realschulen und Gemeinschaftsschulen in Sachsen-Anhalt. Darin wurde die viertägige Präsenzwoche zu einem offiziellen Angebot im Land. Feußner kündigte an, den Schulleitern „zusätzliche Freiheiten in der konzeptionellen Unterrichtsplanung und Unterrichtsdurchführung“ zu gewähren.

„Das klang wunderbar, nach einer ganz neuen Idee“, sagt Homann, „aber ich weiß natürlich, dass es auch darum geht, den Lehrermangel zu überwinden, der mindestens bis zum Ende des Jahrzehnts andauern wird.“

Neben der Schule am Burgtor arbeiten derzeit elf weitere weiterführende Schulen an einem neuen Konzept. An manchen soll es einen Tag in der Woche praxisorientiertes Lernen geben: beim Friseur, im Kindergarten oder im Pflegeheim. An anderen wird die Doppelstunde von 90 Minuten um zehn Minuten gekürzt, damit die Lehrer anders eingesetzt werden können.

Alle Modelle werden mit dem Schulamt und dem Landesinstitut für Schulqualität und Lehrerbildung abgestimmt und nach der ersten Jahreshälfte evaluiert. „Das 4+1-Modell ist eine mögliche Form der Unterrichtsgestaltung“, sagt Bildungsministerin Feußner WELT. „Die Schüler lernen zum Beispiel einen Tag in der Woche woanders.“ Denkbar sind digitale oder hybride Formate. Aber erst nach der Bewertung sollte entschieden werden, was in das Kontrollsystem aufgenommen wird.

An Homanns Schule gehen bald vier weitere Lehrer in den Ruhestand. Das Durchschnittsalter der Mitarbeiter der Burgtorschule liegt bei 59 Jahren – trotz der fünf Quereinsteiger unter den 31 Kollegen. „Das neue Konzept ist jetzt unsere letzte Chance, die letzte Anpassung vorzunehmen, um die Misere zu lindern“, sagt er. Doch das neue Schulkonzept ist für Homann nicht nur eine Antwort auf den Mangel.

„Wir brauchen einen Paradigmenwechsel in der Rolle der Lehrer in den Schulen“, sagt er. „Wir haben eine Arbeitswelt 5.0. Aber die Schule hat bei 2,0 aufgehört.“ An dieser Diskrepanz muss gearbeitet werden. „Die Gesellschaft schreit nach anders gebildeten jungen Menschen. Und niemand kann mir sagen, dass 80 Prozent des Frontalunterrichts heute gut ausgebildete junge Leute hervorbringen.“ Man sollte den Lehrer nicht mehr als Informationsübermittler, sondern als Coach sehen und muss verstärkt auf die Eigenverantwortung der Schüler setzen.

In Homanns Konzept soll es für den fünften Lerntag fünf Module geben, einige obligatorisch, andere optional. „Die Kinder können bestimmte Module zu Hause erledigen, etwa Aufgaben mit der digitalen Lernplattform Sofatutor“, sagt Homann. „Wenn wir den Lehrer nutzen, um digitale Formate anzuleiten und die Ergebnisse zu kontrollieren, sparen wir zwölf Lehrerstunden pro Woche.“

Auf jeden Fall sollte der digitale Lerntag mitten in der Woche stattfinden, damit erst gar nicht der Gedanke an ein langes Wochenende aufkommt. Aber weitere Probleme sind noch ungelöst. Wie soll die Benotung aufgebaut sein? Wie gehen Sie mit Schülerinnen und Schülern mit besonderen Bedürfnissen um? Wie verknüpfen Sie die digitalen Lerninhalte mit dem restlichen Unterrichtsstoff?

Daran arbeiten Homann und die Fachlehrer der siebten Klasse noch. Auf jeden Fall, sagt Homann, soll es auch ein verpflichtendes Sportprogramm geben. Dann lacht er: „Das ist nötig, wenn ich mir die Coach Potatoes so anschaue.“

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