Dienstag, August 16, 2022

Moskau meldet die Einnahme von Lysychansk und der gesamten Region Luhansk

DNach Angaben der russischen Armee hat sie die ostukrainische Stadt Lysychansk erobert. Nach Berichten russischer Nachrichtenagenturen erklärte das Verteidigungsministerium in Moskau am Sonntag, die gesamte Donbass-Region Luhansk sei „befreit“. Lysychansk war seit Tagen erbittert umkämpft.

Schon vor dem Bericht mehrten sich Hinweise darauf, dass sich die ukrainischen Soldaten bewusst aus Lysychansk zurückgezogen hatten, woraufhin die russische Armee die seit Wochen umkämpfte Schlüsselstadt im Osten des Landes einnahm. Videoaufnahmen zeigten russische Soldaten, die gemächlich durch die nördlichen und südöstlichen Teile der Stadt schlenderten, was darauf hindeutet, dass nur wenige oder keine ukrainischen Streitkräfte dort geblieben sind.

Die Filmsequenzen wurden in der Nacht zum Sonntag von der unabhängigen US-amerikanischen Denkfabrik Institute for the Study of War (ISW) analysiert und können daher per Geolokalisierung eindeutig dem Gebiet Lysychansk zugeordnet werden. Die Aussagen eines ukrainischen Beamten gegenüber WELT-Reporter Alfred Hackensberger am Samstagabend untermauern diese Angaben.

Der Offizier, der namentlich nicht genannt werden wollte, sagte dem WELT-Journalisten, der sich im Großraum Lysychansk aufhielt, er habe sich „mit allen anderen Soldaten“ aus Lysychansk zurückgezogen. Um Gewicht zu verlieren, ließen sie ihre Ausrüstung – Munition, Westen und sogar Helme – zurück und gingen mehr als 50 Kilometer zu Fuß.

Die russische Armee hatte daher Lysychansk mit beispielloser Feuerkraft beschossen. Es hatte also keinen Sinn, dort zu bleiben. Der Offizier sagte, dass die ukrainische Armee den Kampf um die Stadt immer noch als Erfolg betrachte. Die russische Seite verlor viel Munition, Ausrüstung und Soldaten. Die ukrainische Armee kann sich nun auf vorbereitete Stellungen zurückziehen.

Von ukrainischer Seite gab es zunächst keine offizielle Stellungnahme zu einem möglichen Untergang der Stadt. Der ukrainische Innenminister Wadym Denysenko erklärte lediglich, es bestehe eine „hohe Wahrscheinlichkeit“, dass russische Truppen Lysychansk einnehmen könnten. Dementis kamen aus anderen ukrainischen Quellen. Die Experten des Instituts für Kriegsforschung, die täglich die verfügbaren Informationen zum Krieg akribisch auswerten, vermuten jedoch, dass die Dementis veraltet oder falsch sein könnten.

Der tschetschenische Führer Ramsan Kadyrow behauptete am Freitag, die russische Armee habe Lysychansk inzwischen umzingelt – und bereite sich auf Straßenkämpfe und einen Großangriff vor, um die Stadt vollständig einzunehmen. Laut ISW deuten die Äußerungen darauf hin, dass Russland mit großem Widerstand rechnete, die Stadt aber freiwillig aufgegeben wurde. Anführer pro-russischer Truppen hatten ähnliche Erklärungen abgegeben.

Lysychansk war seit Tagen erbittert umkämpft. Die Nachbarstadt Siewjerodonezk wurde vor einer Woche nach wochenlangen Kämpfen von russischen Truppen eingenommen. Beide Städte gehören zur Region Luhansk, einer der beiden Subregionen des Donbass.

Das russische Verteidigungsministerium behauptete unterdessen, Stabschef Valery Gerasimov habe am Freitag russische Truppen in der Ukraine inspiziert. Das russische Verteidigungsministerium veröffentlichte Bilder, die angeblich beweisen sollen, dass Gerasimov immer noch seine Position als Stabschef innehat und dass er kürzlich in der Ukraine war, aber sie enthielten kein Videomaterial der angeblichen Truppeninspektion. Wie die Analysten des ISW weiter berichten, könnte der Bericht eine Reaktion auf jüngste Spekulationen sein, Gerasimov sei wegen eines Scheiterns im Ukraine-Krieg freigelassen worden.

Angesichts der massiven Zerstörungen in der Ukraine hat Präsident Wolodymyr Selenskyj nach mehr als vier Monaten Krieg internationale Hilfe beim Wiederaufbau seines Landes gefordert. „Es ist notwendig, nicht nur alles zu reparieren, was die Besatzer zerstört haben, sondern auch eine neue Grundlage für unser Leben zu schaffen: sicher, modern, komfortabel, barrierefrei“, sagte er in einer Rede am Sonntagabend.

Dazu brauche es „kolossale Investitionen, Milliarden, neue Technologien, Best Practices, neue Institutionen und natürlich Reformen“. Der ukrainische Staatschef verwies in diesem Zusammenhang auch auf ein Treffen von 40 potenziellen Geberländern an diesem Montag im schweizerischen Lugano. Bei der Veranstaltung will die ukrainische Regierung erstmals ihre Prioritäten für den Wiederaufbau des kriegszerrütteten Landes vorstellen.

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