Dienstag, August 16, 2022

Nun schwindet die Hoffnung auf eine schnelle Linderung der Gasknappheit

ichIn Hamburg wurde es diese Woche ernst. Jedenfalls ein bisschen. Das städtische Unternehmen Bäderland hat die Temperatur in den sieben beheizten Freibädern der Hansestadt um drei Grad gesenkt – um Sprit für den Winter zu sparen. Auch in der kalten Jahreszeit soll das Wasser in den Becken nicht mehr auf 28 Grad erhitzt werden, sondern nur noch auf 25.

Ein erster sanfter, überschaubarer Hinweis darauf, was nicht nur Schwimmern passieren könnte. Ohnehin ist die Gefahr groß, dass aufgrund fehlender Lieferungen aus Russland in der kalten Jahreszeit alle Unternehmen, öffentlichen Gebäude und Haushalte in Deutschland nicht mehr ausreichend mit Wärme versorgt werden können.

Deshalb fallen im Hamburger Rathaus schon jetzt ein paar unbequem klingende Sätze. „Wenn wir es nicht schaffen, in den großen Industriebetrieben genügend Gas einzusparen“, sagt der für Energieversorgung zuständige Senator Jens Kerstan (Grüne), „könnten Lieferbeschränkungen drohen, die dann einzelne Stadtteile betreffen könnten.“

Bei akuter Gasknappheit könne „Warmwasser nur im Notfall zu bestimmten Tageszeiten zur Verfügung gestellt werden“. Auch eine „allgemeine Absenkung der maximalen Raumtemperatur im Fernwärmenetz“ wäre denkbar.

Kerstan gehört wie Erster Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) zu jenen Politikern und Experten, die gehofft hatten, dass die vier von Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) frühzeitig gecharterten schwimmenden LNG-Terminals die vielleicht größte Gasknappheit in diesem Jahr lindern könnten sogar verhindern.

Anfang Mai war Tschentscher noch davon ausgegangen, dass „ein solches Terminal“ mit einer Kapazität von acht Milliarden Kubikmetern pro Jahr bereits im Dezember im Hamburger Hafen in Betrieb gehen könnte. Aber daraus wird nichts.

Allenfalls einer der schwimmenden Rettungsanker von Habeck, die für den Standort Wilhelmshaven bestimmte „Hoegh Esperanza“, wird zu Beginn des Winters einsatzbereit und – ganz wichtig – auch per Pipeline an das Ferngasnetz angeschlossen. Vielleicht noch nicht mit voller Kraft, eher mit halber Kraft voraus. Aber zumindest das.

„Wenn alles nach Plan läuft“, sagt ein Sprecher des wirtschaftlich angeschlagenen Gasimporteurs Uniper, der mit dem Betrieb der „Hoegh Esperanza“ beauftragt ist, „kann LNG im Winter 2022/2023 an unserem FSRU in Wilhelmshaven angelandet werden.“ Die Kapazität dieses sogenannten Floating Storage und Uniper gibt die Regasification Unit (FSRU) mit 7,5 Milliarden Kubikmeter Gas an.

Das entspricht etwa 8,5 Prozent des deutschen Jahresgasbedarfs von 90 Milliarden Kubikmetern – und ein Wert, den Wilhelmshaven voraussichtlich nicht voll ausschöpfen kann. Das Bundeswirtschaftsministerium rechnet derzeit mit fünf Milliarden Kubikmetern, die die „Hoegh Esperanza“ pro Jahr liefern könnte.

Auch zum genauen Zeitpunkt, wann das gerade im spanischen Murgados festgemachte LNG-Terminalschiff das erste Gas ins deutsche Netz einspeisen kann, gibt es unterschiedliche Aussagen. Während Niedersachsens Energieminister Olaf Lies (SPD) tapfer den 21. Dezember ausruft, rechnet der Branchenverband Zukunft Gas mit Februar. Wichtigste Voraussetzung ist die Fertigstellung einer 26 Kilometer langen Leitung, die die „Hoegh Esperanza“ im niedersächsischen Dorf Etzel an das Ferngasnetz anbindet. Immerhin wurde gerade die Baugenehmigung erteilt.

Brunsbüttel ist noch nicht so weit. Das zweite vom Bund gecharterte Schwimmterminal, die „Hoegh Giant“, soll im schleswig-holsteinischen Elbhafen festmachen. Sie soll in ähnlichem Maßstab wie die „Hoegh Esperanza“ angeliefertes Flüssiggas verarbeiten. Dies erfordert jedoch den Bau von zwei Pipelines. Eine drei Kilometer kurze, über die das Gas zunächst in das bestehende Gasnetz eingeleitet werden kann.

Allerdings ist seine Kapazität begrenzt, sodass zum erhofften Betriebsstart im Winter nur die Hälfte der Terminalkapazität genutzt werden kann. Eine zweite, 55 Kilometer lange Leitung wird benötigt, um das Gas nach Hamburg voll auszulasten. Laut Gasunie, dem für den Bau der Leitung verantwortlichen Gasnetzbetreiber, kann das Werk Brunsbüttel erst dann voll ausgelastet werden – frühestens zum Jahreswechsel 2023/2024.

Wenn alles gut geht, besser als derzeit realistisch erwartet, werden zwei staatlich bestellte LNG-Terminals mit einer jährlichen Gesamtkapazität von acht bis neun Milliarden Kubikmetern Gas im Winter mehr oder weniger in Betrieb sein. Allerdings sieht Timm Kehler, Chef von Zukunft Gas, eine düsterere Perspektive. Aus seiner Sicht werden „die ersten LNG-Mengen Deutschland erst mitten im Winter erreichen“.

Die beiden anderen vom Bund gecharterten schwimmenden LNG-Terminals, die „Transgas Force“ und die „Transgas Power“ der griechischen Reederei Dynagas, sind ohnehin erst für Mai 2023 bestellt – auch weil die Standorte Hamburg, Rostock und Stade dafür vorgesehen sind dieser wird nicht früher verfügbar sein wäre anschlussfertig. In Hamburg wird derzeit geprüft, ob ein Liegeplatz vor dem stillgelegten, aber noch ans Gasnetz angeschlossenen Kohlekraftwerk Moorburg mit vertretbarem Aufwand ausgebaggert werden kann, damit Gastransporter hier anlegen könnte im Notfall auch bei Ebbe wieder andocken.

Auch ein alternativer Standort im gegenüberliegenden Kattwyker Hafen wird geprüft. Eine Entscheidung soll Ende Juli fallen. Der früheste Start in Hamburg wäre jedoch erst Mitte 2023, fast ein Jahr nach der erwarteten, möglicherweise endgültigen Stilllegung der noch wichtigsten Gasversorgungspipeline Nord Stream 1 durch Russland.

Der Standort Lubmin, für den Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) für dieses Jahr die ersten Flüssiggaslandungen angekündigt hatte, ist alles andere als sicher. Die Behörden prüfen derzeit, ob der winzige und flache Hafen am Greifswalder Bodden, der dank der Nord Stream-Projekte über eine ideale Pipeline-Infrastruktur verfügt, der geeignete LNG-Standort wäre. Oder besser gesagt der größere Hafen Rostock, der für Gastanker geeignet ist.

Robert Habeck fasst den Stand der Bemühungen in enger Zusammenarbeit mit den beteiligten Ländern zusammen: „Alle stehen dahinter, denn am Ende müssen wir ein Tempo vorgeben, das es so in Deutschland noch nie gegeben hat.“

Immerhin: In Lubmin hat sich neben dem Staat auch ein Start-up auf den Weg gemacht, um den Gasnotstand abzuwenden. Die Deutsche Regas will hier einen temporären LNG-Terminal für 4,5 Milliarden Kubikmeter stationieren. Möglicher Eintrittstermin laut Firmenchef Stephan Knabe: 1. Dezember 2022.

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