Freitag, August 19, 2022

„Schule ist nicht so schwer in Deutschland“

Der Bürgermeister des Berliner Bezirks Neukölln hat in der Mittagspause eine seiner angenehmen Aufgaben zu erledigen: Er ehrt 23 Mädchen und Jungen, die in seinem für Konflikte berüchtigten Hauptstadtbezirk ihr Abitur bestanden haben, mit Bestnoten: 1,0 und 1,1. Rund die Hälfte der Jugendlichen hat einen Migrationshintergrund.

Kurz nachdem alle der Reihe nach von ihren Plänen erzählt und eine Powerbank geschenkt bekommen haben, will Martin Hikel (SPD) eigentlich gemeinsam ein Foto machen. Eine letzte Frage: „Meine Eltern sind Syrer und kommen aus einem Dorf, das man als Problemviertel bezeichnen könnte“, sagt ein junges Mädchen. „Ich selbst habe noch nie Diskriminierung durch meine Lehrer erlebt, aber viele meiner Freunde schon. Was wollen Sie tun, um dies in Zukunft zu verhindern?“

Hikel räuspert sich und gibt dann zu, dass es manchmal lange dauert, Vorurteile aus dem Kopf zu bekommen. Aber man achtet auf ein Kollegium in den Schulen, das die Vielfalt unter den Schülern widerspiegelt. Das Mädchen nickt und fügt hinzu, dass man ihnen entnehmen könne, dass es auch viele Lehrer gebe, die Kinder fördern, deren Eltern aus einem anderen Land stammen – mit Erfolg.


Yujiachen Wang, 20 Jahre alt

„Wir sind erst mit 15 nach Deutschland gezogen, weil wir ein Stipendium der Deutschen und Chinesischen Kulturstiftung bekommen haben. Sonst hätten es sich unsere Eltern nie leisten können, uns nach Deutschland zu schicken. Die ersten zwei Jahre lebten wir bei einer Gastfamilie und seit wir 17 Jahre alt waren, lebten wir in einer eigenen Wohnung.

Unser Tagesablauf war bisher relativ ähnlich. Nach der Schule machen wir Mittagessen, dann Hausaufgaben, dann machen wir uns fertig für den nächsten Tag. Das Ganze hat nie länger als zwei Stunden gedauert. Schule ist in Deutschland nicht so schwer. Außerdem haben wir uns immer gegenseitig geholfen.

Für unser Abitur haben wir ein Jahr lang untersucht, ob Elektroautos wirklich umweltfreundlicher sind. Ein klares Ja ist die Antwort. Der Effekt wird in Zukunft noch zunehmen, solange der Strom umweltfreundlicher erzeugt wird. Wir wollen jetzt Informatik studieren. Vielleicht auch, um Konzepte für eine umweltfreundlichere Stromerzeugung technisch weiter auszubauen.“


Anfal Bahri, 18 Jahre alt

„Für mein Abitur habe ich untersucht, wie weit Anspruch und Wirklichkeit bei der Emanzipation der Frau auseinandergehen – auf Französisch. Mein Vater stammt aus Algerien, daher habe ich eine Affinität zur französischen Sprache.

Das Bild, das in französischen Frauenzeitschriften wie „Elle“ vermittelt wird, ist immer noch stark klischeehaft. Da müssen Frauen noch fast perfekt aussehen. Bei der Gleichstellung der Geschlechter hat Deutschland noch einen weiten Weg vor sich. Insbesondere Männer müssen sensibilisiert werden, zum Beispiel dafür, dass Genitalverstümmelung in vielen Ländern immer noch praktiziert wird.

Ich möchte Psychologie studieren und werde nun schauen, in welcher Stadt ich einen Studienplatz bekommen kann. Freunde, die nach der Pandemie Panikattacken oder andere psychische Probleme hatten, haben mir gesagt, dass ich sehr gut zuhören und mich einfühlen kann.

Meine Mutter ist Deutsche, sie ist zum Islam konvertiert. Religion ist mir selbst nicht so wichtig, aber das hat mit meinen schulischen Leistungen genauso wenig zu tun wie mit meiner Herkunft. Jeder hat die Chance zu zeigen, was er kann.“


Elizabeth Kendzia, 18 Jahre alt

„Mein Hauptfach war Sport und mein Nebenfach Biologie. Ich habe beide Fächer kombiniert und untersucht, wie sich körperliche Aktivität auf neurobiologische Erkrankungen auswirkt. Radfahren zum Beispiel entlastet die Motorik und kontinuierliche Bewegung beugt Bewegungsblockaden vor, unter denen Menschen mit Parkinson leiden.

Ich habe in den letzten Jahren viel gelernt, auch Dinge, die ich nicht so spannend fand, wie zum Beispiel Mathe. Aber ich wollte sehen, wie weit ich komme, wenn ich mein Bestes gebe. Jetzt möchte ich etwas machen, was mich wirklich interessiert und Islamische Theologie studieren.

Meine Eltern sind nicht religiös, mein Vater ist Deutscher, meine Mutter kommt aus Kanada. Ich selbst bin vor einigen Jahren zum Islam konvertiert, diese Religion ist einfach sehr spirituell und meine Erfüllung.

Seit meinem 15. Lebensjahr trage ich ein Kopftuch. Es ist für mich ein Zeichen, dass ich den Islam repräsentiere und eine Erinnerung daran, dass ich jeden Tag die beste Version meiner selbst sein möchte. Wohin mich mein beruflicher Weg genau führen wird, ist für mich noch offen.“

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