Dienstag, August 9, 2022

„Wir erleben jetzt die Folgen jahrelanger Sparmaßnahmen“

QUADDEL: Warum befinden wir uns im Berliner Rettungsdienst jetzt jeden Tag im Ausnahmezustand?

Oliver Mertens: Wir haben ein Angebots- und Nachfrageproblem. Die Erwartungen der Menschen entsprechen nicht den tatsächlichen Aufgaben der Notfallrettung und den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln. Die Stadt wächst, die Bürokratie wächst, gleichzeitig sinkt die Fähigkeit zur Selbsthilfe. Wir haben längere Fahrten, stehen im Stau, die Krankenwagen sind auch länger gefesselt durch erhöhten bürokratischen Aufwand bei der Dokumentation, bei der Transportverweigerung, bei der Krankenhausübergabe. Wir sind jetzt Zeugen der Folgen jahrelanger Sparmaßnahmen.

QUADDEL: Rufen die Leute zu schnell die 112 an oder hat das System Fehler?

Mertens: Menschen rufen in Notsituationen die 112 an, aber dies wird unterschiedlich wahrgenommen. Aufgabe der Notfallrettung ist es, das Leben oder die Gesundheit von Notfallpatienten zu erhalten, transportabel zu machen und unter professioneller Betreuung in eine für die weitere Versorgung geeignete Einrichtung zu transportieren. Notfallpatienten sind Personen, die sich in einem lebensbedrohlichen Zustand befinden oder denen schwere gesundheitliche Schäden drohen, wenn sie nicht umgehend angemessen medizinisch versorgt werden. Oft werden wir aber auch als Dienstleister wahrgenommen, sind leichter erreichbar und mit weniger Aufwand verbunden als der Gang zum Arzt oder zur Rettungsstelle. Wir sehen Menschen, die mit gepackten Koffern auf der Straße stehen, auf den Krankenwagen warten und ihre Angehörigen mit dem eigenen Auto nachfahren.

QUADDEL: Was muss passieren, um die Situation zu entspannen?

Mertens: Es gibt keine Patentlösung, aber wir haben Ideen, die die Situation zeitnah und nachhaltig verbessern würden. Wir müssen das Rettungsdienstgesetz ändern, die Eigenverantwortung der Menschen stärken und wegkommen von der Ein-Personen-Konstellation des ärztlichen Leiters, der allein die Verantwortung trägt. Denkbar wäre auch, dass der Standort der Einsatzfahrzeuge zukünftig über ein Ortungssystem erfasst und das verfügbare Fahrzeug schnellstmöglich entsendet wird.

QUADDEL: Wenn Sie die 112 anrufen, landen Sie in der Leitstelle der Feuerwehr in Berlin. Dort wird anhand eines standardisierten Abfrageprotokolls entschieden, ob ein Notfall vorliegt oder nicht. Kritisiert wird, dass Krankenwagen schon bei Kleinigkeiten mit Blaulicht durch die Stadt fahren und auch die Feuerwehr aus Haftungsgründen auf Nummer sicher geht. Muss dieser Prozess in der Zentrale geändert werden?

Mertens: Ja, das muss angepasst werden. Qualitativ ist letztlich jeder Einsatz von der Notrufnummer 112 bis zur ärztlichen Untersuchung des Patienten im Krankenhaus zu betrachten. War der Patient ein Notfallpatient oder nicht? Welche Angaben wurden beim Notruf gemacht, wie wurde die Situation vor Ort nach der ersten Untersuchung eingeschätzt und was hat die Untersuchung im Krankenhaus ergeben? War der Aufwand gerechtfertigt oder nicht? Mit diesen Erkenntnissen können das Abfrageprotokoll und die Folgemaßnahmen angepasst werden.

QUADDEL: Die Alarmcodes in der Leitstelle müssen also aktualisiert werden?

Mertens: Wir brauchen Rückmeldungen von Krankenhäusern, damit wir wissen, wie eine Operation verlaufen ist, und anhand dieser Daten die Alarmcodes in der Leitstelle anpassen können. Wir brauchen verbindliche Erste-Hilfe-Kurse in den Gymnasien und einen Ausbau des Netzes der Ersthelfer, also der Teams, die zuerst vor Ort sind. Notwendig ist auch eine gemeinsame Krankentransportleitstelle der privaten Krankentransportunternehmen, die unter anderem telefonische Ersthilfeberatung leisten kann. Wir brauchen in jedem Fall die Möglichkeit, die Krankenwagenbeladung nach Auflagen zu priorisieren.

QUADDEL: Muss die Kassenärztliche Vereinigung stärker eingebunden werden? Wenn kein Notfall vorliegt, handelt es sich eigentlich um einen Krankentransport.

Mertens: Ja. Die Serviceleistungen müssen attraktiver und vielleicht auch verpflichtender gestaltet werden, weil wir oft wetten wollen, es aber nicht tun. Alleine kann die Feuerwehr die Probleme dieser Stadt nicht lösen.

Quaddel: Wie bewerten Sie das Krisenmanagement der Berliner Feuerwehr und des Innensenators?

Mertens: Der Innensenator und die Berliner Feuerwehr reagieren auf die aktuelle Situation im Rahmen ihrer Möglichkeiten innerhalb des gesetzlichen Rahmens, was jedoch nicht wirklich verwundert. Leider lässt sich die über Jahrzehnte aufgebaute Krise nicht mit einem Federstrich überwinden. Doch Berlins Politiker müssen ressortübergreifende kurzfristige Lösungen finden, bevor die letzten Feuerwehrleute verbrannt sind. Wer ständig im roten Geschwindigkeitsbereich fährt, kommt nicht weit.

QUADDEL: München kennt die Berliner Probleme nicht. Muss die Berliner Feuerwehr als letztes Mittel aus dem Rettungsdienstgeschäft aussteigen?

Mertens: Ich bezweifle, ob der Münchner Weg eine Lösung für Berlin sein kann, den Rettungsdienst auszulagern. Mit der Privatisierung von Wasserversorgung, Stromnetz, Krankenhäusern, Sicherheitsaufgaben und anderem hat Berlin nicht unbedingt gute Erfahrungen gemacht. Betrachtet man den Rettungsdienst als Business, dann mag es für den einen oder anderen attraktiv sein, aber wohin wollen wir uns mit unserer Gesellschaft entwickeln? Wird nur befördert, wer eine Gesundheitskarte vorweisen kann?

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