Dienstag, Mai 17, 2022

Zu Hause gehasst – wo die Wähler gegen Macron stimmen


„Weder Macron noch Le Pen“. Mit Farbdosen haben Studenten der Sorbonne den Slogan an die Wände der Universität von Paris gesprüht. In einem der historischen Hörsäle haben sich auf alten Holzbänken mehrere hundert Jugendliche im Halbkreis versammelt, von der Straße aus hört man sie die „Internationale“ singen. Wir sind alle Antifaschisten sie singen auf italienisch, „wir sind alle Antifaschisten“.

Zwischen den beiden Runden der französischen Präsidentschaftswahlen weht diesen April ein Wind des Mai 1968 durch das Quartier Latin. Die Alternative für die Stichwahl lautet wie 2017: Emmanuel Macron oder Marine Le Pen, aber es ist nicht nur ein Déjà-vu: Er ist nicht mehr der Hoffnungsträger, der er war, und sie ist nicht mehr das alte Schreckgespenst.

Der Eingang zur École Normale Supérieure, wo einst Jean-Paul Sartre studierte, ist verbarrikadiert. Streikende einer anderen Eliteuniversität verteilen Flugblätter, auf denen Macron und Le Pen zwei Versionen desselben Feindes verkörpern. Sie wollen nicht noch fünf Jahre „ungezügelten Liberalismus oder autoritären Nationalismus“ erleiden. Weder Pest noch Cholera, sagen sie, als könne man die Demokratie schlagen. Doch die Studentenproteste drücken die Ablehnung einer als unsozial empfundenen Politik des amtierenden Präsidenten aus, die sich durch fast alle Generationen zieht. Macron liegt nur auf Platz eins unter den Rentnern.

Frankreichs Jugend ist ratlos oder wütend. Fast die Hälfte der 25- bis 30-Jährigen hat gar nicht gewählt. Von den unter 25-Jährigen, die gewählt haben, hat ein Drittel für Jean-Luc Mélenchon gestimmt, den Kandidaten mit der Krawatte, die so rot ist wie seine Gefühle.

Der Chef der France-Insoumise-Bewegung, das „unbezähmbare Frankreich“, verpasste die Stichwahl um knapp zwei Prozent. Der Linkspopulist verpasste 421.420 Stimmen. Fast alles hängt nun davon ab, wie sich seine 7,7 Millionen Wähler im zweiten Wahlgang entscheiden. Du kippst die Waage.

Der Rechtspopulist Le Pen buhlt nicht erst seit Kurzem um die linke Wählerschaft. Seit Monaten präsentiert sie sich als Kandidatin der sozial Benachteiligten. „Ich will den Franzosen ihr Geld zurückgeben!“ Das ist der Satz, den sie bei jeder Gelegenheit heraushämmert. Alle, die nicht für Macron gestimmt haben, sollten jetzt für sie stimmen, rät sie. Le Pen weiß auch, dass Macron von breiten Teilen der Bevölkerung abgelehnt wird, weil er die Elite vertritt, die fernab von deren Anliegen und Anliegen regiert.

Seine Bilanz ist beeindruckend. Theoretisch. Die Arbeitslosigkeit war seit 15 Jahren nicht mehr so ​​niedrig. Aber egal, wie viel Geld in die Wirtschaft gepumpt wurde, wie viele Studenten während des Lockdowns für einen Euro essen durften, egal, dass ein Wirtschaftsnobelpreisträger Frankreich zum Sieger der Pandemie erklärte: Macron, der derzeit vorne liegt den Umfragen, ist im eigenen Land vielerorts verhasst.

Macron, der wegen der Pandemie und des Ukraine-Krieges erst spät in den Wahlkampf gestartet ist, hat programmtechnisch nicht viel mehr zu bieten als Le Pen. Er macht viele Worte über viele Projekte, aber sein Plan, das Rentenalter auf 65 anzuheben, fiel auf. Aber kann man in Frankreich Präsident werden mit der Ankündigung, die Menschen länger arbeiten lassen zu wollen?

Am Tag nach dem ersten Wahlgang vor zwei Wochen reiste Macron nach Nordfrankreich, in das Frankreich der Deindustrialisierung und Desillusionierung. Es ist das Territorium von Le Pen. Überall wird er nach der Rentenreform gefragt. Macron nimmt schnell die Linkskurve und rudert zurück. Auch ein Rentenalter von 64 könne er sich vorstellen, dogmatisch sei er nicht.

Am Dienstag ist er in Straßburg. Am Donnerstag in der Hafenstadt Le Havre. Am Samstag in Marseille. Als könnte er noch alles nachholen, als könnte er durch Händeschütteln und regelmäßige Reisen quer durchs Land die Menschennähe und Bodenständigkeit demonstrieren, die ihm seit fünf Jahren fehlt.

Auf die Frage, wohin sie bei einem Wahlsieg zuerst gehen würde, sagte Marine Le Pen: zu den Gräbern der französischen Könige in Saint-Denis. Sie könnte die Pariser Metrolinie 13 nehmen, um dorthin zu gelangen. Saint-Denis, zehn Kilometer nördlich des Stadtzentrums gelegen, ein Vorort mit 100.000 Einwohnern aus 135 Nationalitäten, früher eine rote Arbeiterstadt, heute zu 61 Prozent Mélenchon.

Es ist ein wirklich verwirrendes Panorama: Bevor die Revolutionäre 1793 die Gräber plünderten, wurden alle französischen Könige hier begraben, und einmal im Jahr ist Saint-Denis der Treffpunkt der französischen Royalisten. Gegenüber der Kathedrale sitzen Cécile und Essaïd heute regengeschützt unter der Markise des Bistros „Le Khédive“ und debattieren ihr Dilemma: Weder Macron noch Le Pen.

Essaïd Zemouri, 65, Ingenieur im Ruhestand, engagiert sich bei den Grünen. Macron wählen, den „Präsidenten der Reichen“? fragt Cécile, die ihren Nachnamen nicht nennen will. Trotz Wohngeldkürzungen für Studierende? Trotz Abschaffung der Vermögenssteuer? Trotz der „Milliarden, die er den Führungskräften des CAC-40 in den Rachen geworfen hat“? Und trotz einer Umweltpolitik, die Zemouri als Augenwischerei betrachtet?

Zemouri, glatzköpfiges, freundliches Gesicht, ein locker um den Hals gebundenes Baumwolltuch, muss alle Fragen mit Ja beantworten. Er ist wütend. Aber Le Pen als Präsident? Niemals. Cécile, 43, die nicht geimpft ist, sagt, sie werde niemals „diesen Typen“ wählen, was sie sich geschworen hat, als Macron versprach, „den Ungeimpften auf die Nerven zu gehen“.

Zemouri versucht sie davon zu überzeugen, mit ihrem Kopf zu wählen, nicht mit ihrem Bauchgefühl. Meinungsforscher schätzen, dass etwa ein Drittel der Mélenchon-Wähler für Macron stimmen werden, ein Drittel für Le Pen und der Rest überhaupt nicht.

Macron hatte 2017 seine Kandidatur im Département Seine-Saint-Denis angekündigt. Diesmal präsentierte er sein Programm in den umgebauten Docks von Aubervilliers. Zwischendurch schwärmte er vom jüngsten und buntesten Department mit den meisten Start-ups pro Einwohner: „Da fehlt nur noch das Meer, dann wäre es Kalifornien.“

Cécile und Essaïd müssen über solche Sprüche lachen. Kalifornien? An diesem Mittwochmorgen regnet es in Strömen auf den Flachdächern der Cité Gabriel Perri. Jordan Bardella ist hier aufgewachsen, mit 26 Jahren der junge Star von Marine Le Pens Rassemblement National und Interims-Parteichef. Bardella hat Macron hierher eingeladen, um sich selbst ein Bild von der „Hölle des Drogenhandels, der illegalen Einwanderung und des islamistischen Fundamentalismus“ zu machen.

Er selbst lebt schon lange nicht mehr hier, und die Gegend ist besser als ihr Ruf. Zwei gegenüberliegende Wohnblöcke, dazwischen ein kleiner Platz, die Straßen nach Dichtern benannt: Mallarmé, Lautréamont, Rimbaud.

Teddy ist in der Rue Paul Verlaine unterwegs, seinen Nachnamen verrät er auch nicht. Jogginganzug, Möbelpacker von Beruf. Er versteht nichts von Politik, es interessiert ihn überhaupt nicht. Übrigens würden viele seiner Nachbarn, „auch Araber“, dieses Mal für Le Pen stimmen. „Warum nicht, sagt Teddy. „Warum nicht?“

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