Freitag, August 19, 2022

2500 km Flucht aus Moskau im Auto mit dem Schäferhund

EEndlich wieder Basketball. Endlich wieder auf dem Boden mit Teamkollegen. Für Johannes Voigtmann sind die beiden anstehenden WM-Qualifikationsspiele am Donnerstag in Estland und drei Tage später in Bremen gegen Polen zwei ganz besondere.

Nicht, weil die deutsche Nationalmannschaft auf dem Weg zur WM im nächsten Jahr eine gute Ausgangsposition für die zweite Gruppenphase sucht. Auch nicht, weil die Begegnungen bereits ein erster kleiner Schritt in der Vorbereitung auf die EM in diesem Sommer mit einer Vorrunde in Köln und der Endrunde in Berlin sind. Allein wegen des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine hat Voigtmann seit Ende Februar kein Basketball mehr gespielt.

Als Wladimir Putin am 24. Februar den Befehl zum Einmarsch in die Ukraine gab, stand Voigtmann noch beim russischen Spitzenklub ZSKA Moskau unter Vertrag. Der 29-jährige Center war mit seinem Team in München, wo das für den Abend angesetzte Euroleague-Spiel beim FC Bayern kurzfristig abgesagt wurde. Wegen der schrecklichen Bilder aus der Ukraine konnte niemand an Basketball denken – und auch nicht an einen Verbleib in Russland.

„In der aktuellen Situation kann ich es mir nicht leisten, Wettkämpfe für ein russisches Team durchzuführen, bei denen es am Ende um Sieger und Verlierer geht“, sagte Voigtmann Anfang März in einem Interview mit „Kicker“: „Auch wenn Es geht nur um Basketball, es enthält eine Symbolik, die meiner Meinung nach derzeit nicht angebracht ist.“

So schnappte sich Voigtmann nach seiner Rückkehr von München nach Moskau und nach Gesprächen mit den ZSKA-Beamten seinen Schäferhund, leerte die Wohnung und machte sich mit dem Hund auf dem Beifahrersitz im Auto auf rund 2500 Kilometer nach Deutschland, wo sich seine Familie bereits aufhielt auf ihn warten.

„Der russische Präsident ist verantwortlich für einen brutalen Angriffskrieg, durch den unschuldige Menschen in der Ukraine sterben, Millionen Menschen aus ihrer Heimat fliehen müssen und vor allem Kinder ihr Zuhause oder sogar ihr Leben verlieren. Ich konnte einfach nicht in Russland bleiben und weitermachen, als wäre nichts gewesen“, sagte Voigtmann.

Zurück in Deutschland galt es zunächst, das abrupte Ende in Moskau mental zu verarbeiten. Danach stand Voigtmann auch mit Blick auf die Heim-EM vor der Frage: Kurzfristig zu einem anderen Verein wechseln, um Spielpraxis zu sammeln, oder dem Körper nach vielen Jahren ohne große Pausen etwas Erholung gönnen? Voigtmann entschied sich für Letzteres, auch weil die Gespräche mit ZSKA über eine Vertragsauflösung nicht so einfach waren. Offiziell steht er in Moskau noch bis Sommer 2023 unter Vertrag.

Doch zunächst liegt der Fokus in diesem Sommer auf der Nationalmannschaft. Vor zwei Wochen war Voigtmann Teil einer kleinen Gruppe, die in Frankfurt/Main mit dem Training begann. Bundestrainer Gordon Herbert hat seit vergangenem Freitag seine gesamte Mannschaft um sich versammelt und freut sich, dass Voigtmann dabei ist. „Jo ist eine sehr wichtige Rolle“, sagte Herbert. „Wir müssen jetzt sehen, wie schnell er seinen Rhythmus wiederfindet.“

Zusammen mit NBA-Profi Dennis Schröder soll Voigtmann das Team in diesem Sommer führen. Im vergangenen Jahr, als Schröder fehlte, war Voigtmann einer der Führenden. Sein Standing im Team machte der Thüringer auch mit klaren Aussagen zum Anliegen von Joshiko Saibou deutlich, der sich in der Corona-Zeit nicht klar von Verschwörungstheorien distanzierte.

„Ich bin seit acht, neun Jahren hier und habe mich dort zu einer Rolle entwickelt“, sagte Voigtmann: „Bei uns ist nicht so, dass einer der Chef ist. Wir haben viele, die auf höchstem Niveau spielen und deshalb haben das Recht, etwas zu sagen. Und ich glaube, ich bin einer von ihnen.“

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