Dienstag, August 9, 2022

Beeindruckende Szenen auf dem Podest nach Wellbrocks Triumph

EINAls die Preisverleihung vorbei war, umarmten sie sich. Sie blieben stehen, sie hielten fest. Es war eine sehr berührende Szene, voller Emotionen, voller Kraft. Schwimmer Florian Wellbrock, der sich kurz zuvor den Weltmeistertitel über die fünf Kilometer im offenen Wasser gesichert hatte, stand am Montagnachmittag neben Mykhailo Romanchuk aus der Ukraine, der im Lupa Lake in Budapest Dritter geworden war.

Die beiden Schwimmer – Silber ging an den Italiener Gregorio Paltrinieri – sind Freunde, in den letzten Monaten mehr denn je. Auf Wellbrocks Initiative stieß der in Rivne in der Nordwestukraine geborene Romanchuk Anfang März, kurz nach Beginn des russischen Angriffskrieges, zu Wellbrocks Magdeburger Trainingsgruppe. Denn das letzte Schwimmbad seiner Heimat mit einem 50-Meter-Becken, in dem er sich auf die WM hätte vorbereiten können, wurde bombardiert.

Wellbrock hat dem Ukrainer in den vergangenen Monaten beim Einkaufen geholfen, ihn zum Friseur geführt oder ist mit ihm essen gegangen oder spazieren gegangen. Entsprechend dankbar zeigte sich Romantschuk in Budapest für die Unterstützung der Magdeburger Gruppe und sagte: „Ohne sie wäre ich nicht hier.“

Bei 26,7 Grad im sehr warmen Lupa-See vor den Toren Budapests fühlte sich Wellbrock vom Start des Rennens am Montag an wohl. „Das sind meine Voraussetzungen, ich habe gemerkt, dass etwas möglich ist“, sagte der 24-Jährige später.

Trainer Bernd Berkhahn betonte, dass die Taktik zu 100 Prozent aufgegangen sei. „Mischa sollte die ersten Meter Gas geben, Florian sollte aus seiner ungünstigen Ausgangsposition schnell auf ihn und Gregorio zuschwimmen und dann sollte Druck gemacht werden. Ich habe es auf fünf Kilometern noch nie erlebt, dass es ein Ausscheidungsschwimmen war“, lobte er der Trainer, für dessen Schützling es die vierte Medaille bei Weltmeisterschaften war: Wellbrock hatte zuvor Silber im Becken über 800 Meter Freistil und Bronze über 1500 Meter Freistil gewonnen – sowie Gold mit der 4×1500-Meter-Mixed-Staffel im Freiwasser mit Lea Junge, Oliver Klemet und Leonie Beck.

Wellbrock freute sich am Montag nicht nur über seinen persönlichen Erfolg, sondern auch über die Erfolge der anderen Medaillengewinner. Wie die Bronze von „Mischa“ Romantschuks, seinem Freund aus Urkaine, der von Mutter, Schwester und anderen Familienmitgliedern aus der Heimat frenetisch gefeiert wurde.

„Um ehrlich zu sein, waren genau die Leute da, mit denen ich auf dem Podium stehen wollte“, sagte Wellbrock, der am See nur seine Frau Sarah vermisste. „Sie muss auf unseren Hund aufpassen“, sagte er lachend.

Drei Medaillen, davon zwei Goldmedaillen, innerhalb von 38 Stunden – viel mehr geht nicht. „Wenn er die 1.500 Meter im Becken so mutig und so entspannt geschwommen wäre, hätte es dort auch anders laufen können“, sagte Berkhahn und sagte, man habe auch psychologisch mit Wellbrock gearbeitet: „Wenn man ihn vor dem Rennen in die richtige Stimmung bringt , vieles ist möglich.“

Wegen der vielen Starts war von stressigen Tagen die Rede. Aber Wellbrock hat das mental gut verkraftet. „Als Trainer schaut man sich an, welche Belastungen bei einer WM auf einen warten und wie dann die Leistungsanforderungen gestellt werden. Und das wird dann im Training simuliert.“

Er sei „nah an einem perfekten Rennen“ gewesen, sagte Wellbrock am Montag nach seinem Sieg. Aber etwa zur Hälfte des Rennens führte er einen Ausreißer aus fünf Mann an. In der letzten Runde zog er mit Paltrinieri davon und gewann leicht. Der zweite deutsche Starter, Niklas Frach, schwamm auf Platz 13. „Ich habe meine Geschwindigkeit auf einem sehr hohen Niveau gehalten. Das hat funktioniert“, sagte Wellbrock: „Jetzt ist es okay, ein bisschen müde zu sein.“ Am Dienstag hat er wettkampffrei. Wellbrock will am Mittwoch seinen WM-Titel über die olympischen zehn Kilometer verteidigen.

Sein Trainer Berkhahn und Wellbrock selbst sehen dafür jedenfalls sehr gute Chancen. „Als Titelverteidiger und Olympiasieger sollte man zu den Favoriten gehören“, sagte Wellbrock, dessen WM-Vorbereitung etwas gestört war. „Mir mussten die Weisheitszähne gezogen werden und ich durfte zehn Tage nicht trainieren. Das ist vor einer WM natürlich nicht optimal“, sagte der 24-Jährige.

Von mangelnder Fitness war im Freiwasser nichts zu spüren. Wellbrock kann diese Disziplin für die kommenden Jahre definieren. „Freiwasserschwimmen ist ein reiner Ausdauersport. Ich denke, wir werden noch viele Meisterschaften erleben. Vorausgesetzt, Flo will das auch“, kündigte Berkhahn für die Zukunft noch ein paar Wellbrock-Medaillen an.

Related Articles

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

- Advertisement -

Latest Articles