Dienstag, Oktober 4, 2022

Das gefährliche Brodeln beim FC Bayern

DDie Aufarbeitung der Krise hat am Sonntagmorgen begonnen. Julian Nagelsmann versammelte seine Spieler am Tag nach der 0:1 (0:1)-Niederlage beim FC Augsburg bei Regenwetter in der Vereinszentrale an der Säbener Straße.

Rund um das Training führte der Trainer zahlreiche Gespräche mit den Profis. Anschließend ging es gemeinsam zum traditionellen Wiesn-Besuch – angesichts der schlechten Stimmung im Verein hätte Nagelsmann gerne darauf verzichtet, aber es gibt Verpflichtungen gegenüber Sponsoren.

„Wenn die Mannschaft geht, dann muss ich mit“, sagte der 35-Jährige am Samstagabend. Der erste Wiesn-Besuch der Mannschaft seit 2019 sei seiner Meinung nach nicht sinnvoll, „das werde ich dem Verein auch mitteilen“, sagte Nagelsmann. „Im Grunde habe ich keine Lust.“ Der Trainer war am Samstagabend sehr sauer und gab auf der Pressekonferenz nach dem Spiel kurze Antworten. Am Sonntagmorgen stand er kurz nach acht Uhr an der Säbener Straße.

Der deutsche Fußball-Rekordmeister steckt nach vier sieglosen Bundesligaspielen in der Krise. Für die Bayern ist es die längste Serie ohne drei Punkte seit mehr als 20 Jahren (Saison 2001/02: sieben Spiele). Erstmals seit 87 Ligaspielen blieben die Bayern ohne Tor. Klubchef Oliver Kahn tobte auf der Tribüne in Augsburg. Nach dem 2:0-Erfolg gegen den FC Barcelona unter der Woche sprach er in der Kabine zur Mannschaft und betonte, wie wichtig ein Sieg in Augsburg sei, um den Erfolg in der Champions League zu vergolden.

Nagelsmanns Bayern haben in dieser Saison bisher nicht einmal die Hälfte aller Ligaspiele gewonnen (drei von sieben) und haben mit nur zwölf Punkten nach sieben Spieltagen das schwächste Zwischenergebnis seit zwölf Jahren (Borussia Dortmund wurde 2010/11 Deutscher Meister). .

Die Vereinsführung schlägt Alarm, der Trainer steht im Fokus. „Jetzt gibt es keine Ausreden mehr. Wir müssen jetzt Spiele gewinnen. Wir sind alle gefragt, nicht nur Julian Nagelsmann“, sagte Sportvorstand Hasan Salihamidzic am Samstagabend in Augsburg. „Die Jungs müssen sich besser konzentrieren und fokussieren, mehr gierig sein, die Spiele zu gewinnen. Die Stimmung sei „natürlich am Boden“.

Es ist nicht die erste Wiesn-Krise: 2017 feuerte der Klub den italienischen Startrainer Carlo Ancelotti – heute bei Real Madrid – nach einem 0:3 in der Champions League bei Paris St. Germain. Auch Niko Kovac hatte auf der Wiesn mehrere Probleme und wurde nach einem durchwachsenen Herbst 2019 entlassen.

Bei Nagelsmann ist man davon weit entfernt. Er hat einen Fünfjahresvertrag, soll eine Ära beim FC Bayern prägen, die Bosse vertrauen ihm, der Rückhalt ist da. Aber die Stimmung ist angespannt. Ex-Bayern-Profi Dietmar „Didi“ Hamann sagte im Interview mit „web.de News“: „Der große Kader, Mané – da gibt es einige Krisenherde, die schnell eskalieren können.“

Es stellt sich die Frage: Wer trägt die Hauptverantwortung in der Krise? Die Bayern sind sich selbst ein Rätsel. „Ich fühle mich machtlos“, sagte Weltmeister Thomas Müller. „Wenn das Spiel geht, stehe ich nackt da.“ Die verpassten Chancen sind nicht nur Pech, es bedarf nun einer genauen Analyse.

Nach den ersten Saisonspielen mit vielen Toren und Rekorden, mit Siegen gegen RB Leipzig und Eintracht Frankfurt, war alles in Ordnung. Die Bayern freuten sich über den besten Saisonstart ihrer Geschichte, Fans und Experten beklagten die Schwäche der „Verfolger“ RB Leipzig und Borussia. Es ist erst etwa drei Wochen her. Die Münchner haben nun drei Punkte Rückstand auf den BVB, auch der SC Freiburg liegt in der Tabelle vor ihnen.

Nach dem 0:1 müssen sie sich nicht nur die Frage gefallen lassen, ob ihnen eine „echte Nummer neun“ wie Robert Lewandowski fehlt. Sondern auch, ob das neue flexible Spielsystem mit vielen Offensivkräften nach dem überragenden Saisonstart und zuletzt mehreren Enttäuschungen entschlüsselt ist.

„Ich weiß nicht, wie es entschlüsselt wurde, aber ich habe ein paar Mal pariert“, sagte Salihamidzic. Weltfußballer Lewandowski, der zum FC Barcelona wechselte, traf an diesem Wochenende beim 3:0-Sieg Barcelonas gegen Elche gleich doppelt. Es war klar, dass die Bayern ohne Lewandowski und mit ein paar neuen Spielern wiederfinden mussten. Aber Geduld ist das eine im Profifußball.

Zuletzt hieß es, einigen Spielern fehle es bei Nagelsmann hin und wieder an Selbstkritik. Eine solche Situation hat der Trainer beim FC Bayern noch nie erlebt. Tatsächlich müssen sich die Spieler (auch) fragen, warum sie sich gegen Teams aus der zweiten Tabellenhälfte wie den VfB Stuttgart und Augsburg quälen. Passqualität, Standardsituationen, Schüsse, Konzentration, die Lücken zwischen den einzelnen Mannschaftsteilen – der FC Bayern hat am Samstag viele Schwächen gezeigt.

In den vergangenen Jahren war die Mannschaft mehrfach sehr schlagkräftig, Nagelsmanns Vorgänger sind vergleichsweise schwach und von den Klubbossen wenig geschützt. Die Mannschaft sei nicht trainierbar, hieß es zeitweise sogar. Jetzt ist die Situation anders. Doch die Vereinsführung muss aufpassen, dass die Eigenverantwortung des Kaders voller Stars und Egos nicht zu klein wird.

„Wir haben in der Bundesliga seit vier Spielen nicht gewonnen, wir haben drei von zwölf möglichen Punkten geholt, da mache ich mir ein bisschen Sorgen“, sagte Salihamidzic bei Sky.

„So wie wir gegen Augsburg gespielt haben, kann man in der Bundesliga nicht gewinnen.“ Der Rekordmeister habe „brutale Probleme mit Mannschaften, die körperlich gegen uns spielen, die uns sozusagen aus den Socken hauen“, sagte Salihamidzic.

Star-Neuzugang Sadio Mané hatte in Augsburg erneut Pech und hat nach fünf Toren in den ersten sechs Spielen seit fünf Spielen kein Tor mehr erzielt.

Experte Hamann glaubt, dass der Superstar auf der falschen Position eingesetzt wird und sich noch nicht richtig bei den Bayern integriert hat. „Ich habe ihn beim FC Liverpool gesehen, wo er durch die Mitte gespielt hat. Das ist nicht seine Position. Jetzt nimmt er diese Position auch beim FC Bayern ein. Er ist am besten, wenn er von außen kommt“, so Hamann weiter.

Im Gegensatz zu anderen Stars mache Mané „keinen wirklich glücklichen Eindruck“, sagt Hamann. „Er wirkt isoliert und nimmt kaum am Spiel teil. Das muss der FC Bayern in den Griff bekommen.“

Der Druck auf Nagelsmann und sein Team steigt. „Wir müssen das Zielwasser trinken und dann diszipliniert, konzentriert und torgierig in die Spiele gehen“, sagte Salihamidzic, „denn so können wir in der Bundesliga keine Spiele gewinnen.“

Nagelsmann wird die meisten seiner Spieler erst in zehn Tagen wiedersehen: Es stehen Länderspiele an, Deutschland trifft in der Nations League in Leipzig auf Ungarn und in London im legendären Wembley-Stadion auf England.

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