Dienstag, August 16, 2022

Das ungleiche Duell der deutschen Niemande

UAllein ein Blick auf ihr Preisgeld könnte genügen, um die Dimension dieser Partie im Viertelfinale von Wimbledon für Jule Niemeier abzuschätzen. Niemeier ist 22 Jahre alt. So hat sie schon einige Zeit auf der Tennistour verbracht, hat es versucht, ist oft früh gescheitert, hat bisher keine großen Triumphe gefeiert. Bis zu diesem Sommer war ihr Name nur Experten bekannt. Aber dieses Match an diesem Dienstag gegen Tatjana Maria, dieses deutsche Duell, bringt ihr auf einen Schlag mehr Preisgeld ein, als sie in ihrer gesamten Karriere eingesteckt hat. Es sind 360.000 Euro.

Aber das scheint für beide im Moment nur Beifang zu sein. Gut für die Planung der nächsten Monate. „So kann ich mit einem Physio reisen“, sagt Niemeier. Aber im Grunde ist im Moment alles zu groß und unglaublich, was um die beiden herum passiert. Zu viel Sensation und Emotion, um lange über den eigenen Account nachzudenken. Zwei Frauen sind derzeit in London zu beobachten, die die wunderbaren Dinge, die sie vollbracht haben, nicht zu verstehen scheinen.

Der eine ist ehemaliger Fußballer und als Dortmund-Fan des BVB. Von dort kamen Glückwünsche nach dem 6:2, 6:4 im Achtelfinale gegen die Britin Heather Watson. Borussias Abwehrchef Mats Hummels würdigte Niemeier in seiner Instagram-Story, Teamkollege Nico Schlotterbeck schrieb ihr eine Nachricht. „Ich hatte vor dem Turnier nicht damit gerechnet, dass ich hier sitze und dass so viele Leute meinen Namen kennen“, sagt sie.

Die andere ist zweifache Mutter, 15 Monate nach der Geburt ihrer zweiten Tochter Cecilia spielt Maria erstmals wieder den Rasenklassiker. Bei ihrem letzten Auftritt in Wimbledon war die 34-Jährige aus Baden-Württemberg bereits schwanger. Sie wird von ihrem Mann Charles-Edouard trainiert, während die achtjährige Charlotte gerne mit einem Schläger über den Platz huscht.

Am Tag des Achtelfinals hatte Charlotte zunächst um halb neun Hallentraining, danach stieg ihre Mutter in ihr Spiel ein. Und nach dem 5:7, 7:5, 7:5 gegen die an Nummer zwölf gesetzte und ehemalige French-Open-Siegerin Jelena Ostapenko holte sie ihre beiden Töchter aus der Kinderbetreuung des Turniers ab und war wieder Mama. „Für beide hat sich nichts geändert, egal ob ich gewinne oder verliere“, sagt sie.

Maria ist zum 35. Mal bei einem Grand-Slam-Turnier dabei, sie hat es nie auch nur bis ins Achtelfinale geschafft. Für Niemeier ist es nach den French Open im Frühjahr und dem Aus in Runde eins erst der zweite Auftritt bei einem der vier große Turniere. Sie weiß immer noch nicht genau, wohin sie auf dem Gelände von Wimbledon gehen soll, gab sie zu.

Niemeier gilt seit langem als eines der größten Talente der zweiten Generation nach Kerber, Petkovic und Görges. Ihr Abitur, mehrere Verletzungen und der Stopp der Sportwelt zu Beginn der Corona-Pandemie bremsten ihren Aufstieg jedoch zeitweise.

„Sie stand kurz vor Corona kurz vor dem Abheben“, sagt Frauen-Bundestrainerin Barbara Rittner: „Sie hat die Spiele vermisst. Ich habe immer gesagt, wenn sie ruhig bleibt und weiterarbeitet und nicht den Kopf verliert und unruhig wird, wird sie.“ wird ihren eigenen Weg gehen.“ Dies führte dazu, dass die Nummer 97 der Welt im Achtelfinale Kontaveit aus Estland souverän die Weltranglisten-Dritte Anett schlug.

Auch Maria, die in Florida lebt, weiß, wie man kämpft. Vor 14 Jahren wurde eine Thrombose am Bein entdeckt, sie war einige Zeit in Lebensgefahr. Ihr Vater, der sie zu Turnieren begleitet hatte, starb wenig später. „Mir sind ein paar Dinge passiert, die dich automatisch stärker machen“, sagt sie über ihre Schicksalsschläge, „und wenn du Kinder hast, musst du auch stark sein.“

Die englische „Daily Mail“ schrieb jedenfalls verwundert: „Es stellt sich heraus, dass eine ältere Mutter noch die Geschichte dieser Meisterschaften sein könnte.“ Eigentlich wäre diese Rolle der früh gescheiterten Serena Williams zugedacht gewesen, die Marias Nachbarin in Florida ist.

Die Frage ist nun, wer von den beiden Deutschen an diesem Dienstag ab 14.30 Uhr im All England Lawn Tennis and Croquet Club stärker sein wird. Siegt die Jugend über die Erfahrung? So richtig kennst du Niemeier noch nicht, berichtet Maria. Beide spielten in diesem Jahr gemeinsam beim Tennisclub Bredeney in Essen in der Bundesliga. „Ich habe sie aber nie wirklich spielen sehen“, sagte Maria.

Niemeier kann gut aufschlagen, gestaltet das Match variabel, hat eine druckvolle Vorhand, den Rückhand-Slice, sie kann ans Netz gehen und hat viel Gefühl in der Hand. An guten Tagen kann sie sich auf jedem Untergrund gegen die Besten behaupten. Gut möglich, dass sie durch ihren im Vergleich zu Maria stärkeren Aufschlag ihren Gegnern ihr Spiel mehr aufzwingen kann. Was ihr in ihrer bisherigen Karriere allerdings fehlte, war Konstanz. „Spieltechnisch ist sie für mich eine absolute Top-20-Spielerin. Das weiß sie, das sage ich ihr sieben- bis achtmal am Tag“, sagt ihre Doppelpartnerin Andrea Petkovic.

Maria hingegen verunsichert ihre Gegner vor allem mit ihrer unkonventionellen Spielweise, die im modernen Tennis aus der Mode gekommen ist. Sie spielt sowohl mit der Rückhand als auch mit der Vorhand viele unterschnittene Bälle, die vor allem auf Rasen flach abprallen. Mit diesen Slice-Bällen kommt Maria beim gegnerischen Aufschlag gerne schnell ans Netz, um Druck aufzubauen.

„Ich weiß, dass alle wegen meiner Spielweise gestresst sind, schon vor dem Match“, sagt sie: „Deshalb ist es für mich gerade hier auf Rasen von Vorteil, dass ich weiß, dass ich definitiv wehtun kann und jeder mich wehtun kann behandle sie mit Respekt als Gegner.“ Und dann ist da noch Tochter Charlotte: „Sie liebt das Lebensgefühl auf der Tour“, berichtet Maria: „Sie sagt mir immer: Ich will hier bleiben, also musst du heute gewinnen.“

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