Dienstag, August 9, 2022

Der Trainer, den sich BVB-Fans immer gewünscht haben

REntlang der Adi-Preißler-Allee, die zum Trainingsgelände von Borussia Dortmund führt, befinden sich rechts und links einige Parkbuchten. Sie sind ein ideales Refugium für Autogrammjäger. Von hier aus können Sie den BVB-Profis zuwinken, die mit ihren Autos vom Training nach Hause fahren. Meistens halten sie für eine Unterschrift oder ein Selfie an.

Am Mittwochabend waren die Fans wieder hier. Sie warteten vor allem auf den Trainer – obwohl er auf so ziemlich alles, was ihm vorher hingehalten wurde, seine Unterschrift gesetzt hatte.

Egal, welchen Star der BVB auch verpflichten sollte: Es ist schwer vorstellbar, dass selbst ein besonders prominenter Profi die Anhänger wie Edin Terzic elektrisieren würde.

Der 39-Jährige, der Dortmund vor zwei Jahren als Interimstrainer in den DFB-Pokal und in die Champions League führte, ist nach nur einem Jahr zurück. Und mit seiner Rückkehr an die Seitenlinie scheinen sich die dunklen Wolken, das Murren und das Unbehagen rund um den Verein verzogen zu haben.

Das erste öffentliche Training im Rahmen der Saisonvorbereitung entpuppte sich als Happening. Mehr als 1.300 Zuschauer durften aus Sicherheitsgründen nicht in das kleine Stadion im Stadtteil Brackel, wo Terzic seine Spieler arbeiten ließ. Der Stimmung tat das keinen Abbruch.

Es gab Applaus, sobald das Team auftauchte. „Edin, Edin“-Rufe brachen immer wieder aus. „Es fühlt sich gut an, den Ball und das Gras wieder zu spüren. Das ist ein ganz besonderer Tag“, sagte Terzic. Er freut sich, wieder in dem Beruf arbeiten zu können, der für ihn immer mehr Berufung als Job war.

Früher oder später wäre der gebürtige Sauerländer ohnehin wieder als Trainer tätig gewesen. Auch nach der Saison 2020/21, als er sich vereinbarungsgemäß von dem eigens für ihn geschaffenen Posten des Technischen Direktors zurückzog und seinem Monate zuvor verpflichteten Nachfolger Marco Rose Platz machte, war für Terzic stets klar, dass er dorthin zurückkehren würde die Bank. „Aber dass es dann so schnell gehen wird und dass es im Folgejahr beim BVB sein wird – das war natürlich nicht so klar“, sagte er.

Wenn es nach der großen Mehrheit der Fans gegangen wäre, hätte es das Intermezzo mit Rose nie gegeben. Spätestens nach dem 4:1-Sieg im DFB-Pokalfinale gegen RB Leipzig im April 2021 hatten sie Terzic ins Herz geschlossen.

Einerseits war es der Kampfstil, in dem die Mannschaft plötzlich unter ihm spielte, mehr aber noch seine Art: Terzic freute sich nach Toren mehr wie ein Fan als wie ein Trainer. Einen so emotionalen Trainer, der seine Gefühle auf der Linie auslebt, hatten sich die Anhänger seit dem Abgang von Jürgen Klopp im Jahr 2015 immer gewünscht.

Und nun gab es endlich wieder so jemanden, der ebenfalls aus dem eigenen Verein kam und als Jugendlicher selbst auf der Südtribüne stand. Aber die Bosse bekommen trotzdem noch einen? Das hat kaum jemand verstanden.

Vielleicht war die Vereinsführung damals nicht mehr überzeugt, ob sie das Richtige tut. Doch zwei Monate vor dem Pokalsieg wussten Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke und Sportvorstand Michael Zorc noch nicht, ob Terzic der Aufgabe gewachsen ist. Der ehemalige Jugendtrainer übernahm im Dezember 2020 schließlich das Amt von Lucien Favre. Und Rose war die am besten geeignete Kandidatin, die es gab.

Rose ist nun Geschichte. Gründe dafür waren sicherlich Terzics Ausstrahlung und Erfolg. Watzke und Zorc konnten so sehr appellieren, die beiden so unterschiedlichen Trainertypen nicht zu vergleichen – die Fans taten es trotzdem.

Zudem zeigte die Mannschaft unter Rose immer wieder Leistungsschwankungen, die eine alte Debatte entfachten: die über die unzureichende Mentalität der BVB-Spieler. Die Chancenlosigkeit im Titelkampf wurde aufgrund des immer größer werdenden wirtschaftlichen Vorsprungs der Bayern noch in Kauf genommen.

Der sing- und lautlose Ausfall in den Pokalwettbewerben hingegen nicht mehr. Am Ende der Saison gab es einen Knall und die Trennung von Rose. Möglicherweise auch, weil die Bosse wussten: Terzic haben sie noch im Ärmel, aber vielleicht nicht mehr lange.

Jetzt steht in Dortmund alles auf Null. Mit Terzic soll die gegen Ende der vorletzten Saison vorherrschende Aufbruchsstimmung wieder aufleben. Die Fans dürften wieder euphorisch sein. Terzic hat bewiesen, dass er seinen Teil dazu beitragen kann.

„Wir wollen die Menschen glücklich machen – nicht nur einmal, sondern regelmäßig alle drei Tage, damit wir hoffentlich das große Ding feiern können“, sagte er. Spekulieren wolle er aber nicht darüber, „was im Mai nächsten Jahres passieren wird“. Er hat gelernt, nicht zu euphorisch zu sprechen.

Terzic ist sich bewusst, dass Fußball-Deutschland von ihm und seinem Team erwartet, dass es an der Spitze der Liga nach zehn bayerischen Meistertiteln endlich wieder spannend wird. Das verspricht er natürlich nicht. Aber „die Entwicklung der Mannschaft vorantreiben“ – das ist es, was er und sein Co-Trainer „wirklich wollen“.

Um allen Anforderungen gewachsen zu sein, brachte Terzic einen reichen Erfahrungsschatz in seinen Trainerstab ein. Neben seinem Vertrauten Christian Geppert (38), der ihm bereits in seiner Interimszeit assistiert hatte, war Peter Hermann (70) der dienstälteste Co-Trainer aller Zeiten.

„Peter hat schon die halbe Bundesliga bereichert, da hätte er nicht einfach aufhören können, ohne bei uns anzuhalten“, sagte Terzic. Er überredete Hermann persönlich, nach Dortmund zu kommen. Von unerfahrenem Personal könne jedenfalls keine Rede mehr sein: „Jetzt sind wir im Schnitt 50 Jahre alt.“

Terzic beeinflusste auch die Kaderplanung. Niklas Süle, Nico Schlotterbeck, Salih Özcan, Karim Adeyemi und Sébastien Haller sind Transfers von Sebastian Kehl, dem neuen Sportdirektor. „Ich war in jede Entscheidung eingebunden“, sagte Terzic mit Blick auf seine bisherige Position als Technischer Direktor. Niemand sollte denken, dass er nicht beteiligt war.

Terzic will auch Talente wie Jamie Bynoe-Gittens (17), Tom Rothe (17) und Lion Semic (18) ins Team holen. Youssoufa Moukoko (17), der in der vergangenen Saison unter Rose kaum eine Chance hatte, soll sich unter dem ehemaligen Jugendtrainer, den er kennt und schätzt, durchsetzen.

Related Articles

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

- Advertisement -

Latest Articles