Dienstag, August 9, 2022

Der unbekannte Autobauer

vn seinem Büro im ersten Stock des Glaspalastes der McLaren-Zentrale blickt Andreas Seidl auf die erfolgreiche Geschichte des Rennstalls zurück, den er heute leitet. Ayrton Senna, Alain Prost, Niki Lauda und Lewis Hamilton. Die Liste der Formel-1-Fahrer, die mit McLaren Weltmeister geworden sind, ist lang. Ihre Rennwagen parken in der Eingangshalle der Firmenzentrale in Woking am Rande Londons – und im Blickfeld von Seidls Büro. Neben den Autos sind kleine Informationstafeln angebracht, auf einer steht: „1988, Ayrton Senna, Fahrer- und Konstrukteurstitel“. Das Team gewann 15 der 16 Rennen in diesem Jahr.

Die Autos sind unbewacht, niemand würde es merken, wenn Seidl abends von seinem Schreibtisch ins Erdgeschoss schleicht, um sich ans Steuer zu setzen. Jucken seine Finger nicht manchmal? „Nein, das mache ich nicht“, sagt der McLaren-Teamchef lachend und folgt dann, für seine Verhältnisse ernsthaft: „Dafür habe ich viel zu viel Respekt vor diesen Autos.“ Hat er sie nicht einmal berührt? „Nein!“ Nicht einmal der Reifen? „Nun, vielleicht das.“

Steht er neben den Autos von Senna, Prost oder Lauda, ​​hält Seidl respektvoll Abstand. Für Leute wie ihn sind die Dinger da unten vor seinem Büro mehr als nur ein Haufen Blech und Metall. Sie sind Geschichte. Sie sind Tradition und Verpflichtung. Der Bayer ist seit 2019 Teamchef des erfolgreichsten britischen Rennstalls in der Formel 1. „Diese Tradition liegt mir sehr am Herzen. Sie gibt mir zusätzliche Motivation. Ich möchte diese Geschichte weiterschreiben“, sagte der 46-Jährige.

Die Rennwagen von damals sehen nicht nur aus wie aus einer anderen Zeit, sie sind es auch. Sie haben keinen Schnickschnack. Weder zur Fahrerassistenz noch zur Sicherheit der Piloten. Wer in die Raketen geriet, Sennas von 1988 wurde von einem Honda Turbo V6 angetrieben, riskierte sein Leben – und verlor es oft auch. Der Brasilianer starb 1994, als er Williams in der Tamburello-Kurve in Imola fuhr. Zuvor hatte er mit McLaren drei Weltmeistertitel gewonnen.

Wenn Ferrari in der Welt des Motorsports Real Madrid ist, ist McLaren wohl der FC Liverpool. „Im Fußball hat man vielleicht 25 Leute in seinem Kader plus Betreuer. Ein Formel-1-Team ist ein Sportteam mit 750 Mitarbeitern“, sagt Seidl. Angeführt von Coach Andreas. Damit ist er so etwas wie der Jürgen Klopp seiner Mannschaft.

Doch während FC-Trainer Klopp ein Superstar ist und unzählige Werbeverträge hat, hält sich Seidl eher im Hintergrund. Während er von sich und den erzielten Erfolgen erzählt, dauert es nicht lange, bis der Ingenieur die Rolle des Teams hervorhebt. „Ich möchte Teil der Generation sein, die es schafft, mit dieser Mannschaft wieder um Siege und Titel zu fahren. Das treibt uns alle hier an, das wäre einfach das Größte“, sagt er.

Seidls Leidenschaft für die Formel 1 begann mit dem Mann, der in Deutschland für einen Boom des Rennsports sorgte: Michael Schumacher. Als Kind hat er zu Hause vor dem Fernseher mitverfolgt, wie der Kerpener ab 1991 seine ersten Schritte machte. Seidl hat jedes freie Training, jedes Qualifying und natürlich jedes Rennen verfolgt – und war sich sicher: Da will ich auch hin. „Sein Fokus und sein kompromissloser Erfolgsansatz haben mich schon immer fasziniert. Und das seit so vielen Jahren“, schwärmt er.

Der Traum, als Teammitglied in Monaco auf der Strecke zu stehen, wächst. Aber warum nicht als Fahrer? „Ich kannte meine Talente. Ich habe immer Fußball gespielt, bis ich Junior war“, gibt Seidl zu. Er beginnt ein Maschinenbaustudium in München. Klares Ziel: Formel 1. Als BMW 1999 ankündigte, als Motorenhersteller in die Rennserie einzusteigen, sah er seine Chance.

Statt abzuwarten und zu hoffen, nahm der damalige Student aus München sein Schicksal selbst in die Hand: „Ich habe gerade versucht, den Motorsportchef anzurufen. Das war damals noch möglich. Ich rief so lange an, bis er aufhörte, mich abzuwimmeln. Einfach, weil ich zeigen wollte, dass ich etwas beitragen kann.“ Irgendwann seien ihm die Anrufe von BMW „zu dumm“ geworden, wie Seidl sagt, er bekommt erst einen Job als Praktikant und nach dem Studium beginnt er beim Motorenhersteller zu arbeiten. Er sei „unendlich dankbar“ für diese Chance. Auch deshalb setzt er sich jetzt mit den richtigen Leuten bei McLaren in Verbindung, als er eine E-Mail von einem jungen Menschen bekommt, der denselben Traum hat wie einst Seidl.

2003 ging sein Wunsch in Erfüllung, er begleitet das Team als Motoreningenieur zu den Rennen. Seidl arbeitet zwar nicht mit seinem Idol Schumacher zusammen, wohl aber mit seinem Bruder Ralf, der damals für Williams fuhr, die mit BMW-Motoren ausgestattet waren. „Es war die Erfüllung eines großen Traums. Etwas ganz Besonderes“, schwärmt er von dem Moment, als er zum ersten Mal in der Startaufstellung steht. Doch 2009 beendete BMW sein Engagement in der Formel 1. Und auch für Seidl war es das Aus: „Das war natürlich ein Riesenschock!“ Er habe gedacht, „dass ich ohne die Formel 1 nicht leben kann“.

BMW bietet ihm einen interessanten Job außerhalb, und es folgt die bisher erfolgreichste Zeit seiner Karriere. Zunächst arbeitet er für den bayerischen Autobauer in der DTM. Dann zog es ihn zum Wettbewerb, als Teamchef bei Porsche gewann Seidl dreimal in Folge eines der wichtigsten Rennen der Welt: die 24 Stunden von Le Mans. Spätestens zu diesem Zeitpunkt sicherte sich Seidl Respekt in der Welt des Motorsports.

Alte Weggefährten von damals berichten, was noch heute im Fahrerlager der Formel 1 zu beobachten ist: Seidl ist ein Teamplayer. „Andi ist sehr fokussiert und zielstrebig und hatte ein hervorragendes Standing bei Porsche. Mit dem ganzen Team“ sagt Nico Hülkenberg, der 2015 als Porsche-Fahrer gemeinsam mit Seidl das Langstreckenrennen gewann. „Andreas ist ein echter Arbeiter. Er stand gefühlte 48 Stunden an seinem Platz und hat alles miterlebt. Ein reinrassiger Rennfahrer.“ Seine Empathie gibt ihm die Möglichkeit, Menschen wirklich anzupacken und zu führen.

Und trotz der Erfolge außerhalb der Formel 1 war für Seidl immer klar: Er will zurück in die Königsklasse. Beenden Sie, was unvollendet geblieben ist: Holen Sie sich einen Titel. „Das war ein Dauerthema“, sagt er heute. Aber McLaren ist zum Zeitpunkt der Vertragsverhandlungen noch nicht einmal ein Mittelfeldteam. Den letzten Titel holte Hamilton 2008, den letzten Sieg gab es 2012. Noch avanciert Seidl damals vom Serienmeister zum Serienverlierer. In der Saison 2019 wurde er zum Teamchef ernannt.

Seidl ist zurück, wo er immer sein wollte. Und jetzt hat er einen ganz neuen Job. In der Glitzer- und Glamourwelt der Formel 1 steht er heute mehr denn je im Blickpunkt der Öffentlichkeit. In Meetings mit den anderen Chefs wird oft nach dem Politiker in ihm gefragt, nicht nach dem Ingenieur. Manchmal hat man das Gefühl, Seidl passt mit seiner unprätentiösen und kumpelhaften Art nicht so recht.

Als Formel-1-Boss Stefano Domenicali im April beim Grand Prix in Imola seine Kollegen aus den Rennställen in ein schickes Sternerestaurant einlud, erschien Seidl im Team-Outfit: Poloshirt und Weste aus Funktionsstoff. Fast alle anderen haben sich nach ihrem Tag auf der Rennstrecke umgezogen, die meisten entschieden sich für gebügelte Hemden. Gehen Ihnen solche Termine auf die Nerven? „Was mich reizt, ist die Abwechslung, die diese Position mit sich bringt“, sagt Seidl. „Der schönste Ort an der Strecke ist die Garage. Kurz vor dem Qualifying oder kurz vor dem Rennstart, wenn die Spannung steigt und alle voll konzentriert sind.“

Seit Seidl bei McLaren ist, geht es für den Rennstall steil bergauf. In seiner ersten Saison wurde er Vierter bei der Teamweltmeisterschaft, 2020 sogar Dritter. Im vergangenen Jahr war es der erste Grand-Prix-Sieg seit 2012, beim Großen Preis von Italien profitierte McLaren vom Unfall der WM-Konkurrenten Hamilton und Max Verstappen und sogar gelang mit Daniel Ricciardo und Lando Norris ein Doppelerfolg. Das ist laut CEO Zak Brown auch dem Deutschen zu verdanken, den er einst als besten Teamchef der Formel 1 bezeichnete.

Die Pokale und das Siegerauto aus Monza stehen auch in der Eingangshalle der Firmenzentrale in Woking. Anders als die Oldtimer sitzt Seidl beim Termin bei WELT am SONNTAG auf einem Reifen. Nicht aus Respektlosigkeit, der Bayer baute das Auto mehr oder weniger mit seinen eigenen Händen, also kann er es mit Zuversicht tun. Er und das Team haben bereits einen Grand-Prix-Sieger hervorgebracht. Beruhigt wird Seidl aber erst, wenn er eines Tages von seinem Büro aus auf einen Rennwagen blicken kann, der unter seiner Führung Weltmeister wurde.

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