Dienstag, August 16, 2022

Die Torschützen und Ballmagier sind verärgert

DDass Frauen auch im Fußball auf dem Vormarsch sind, wissen wir spätestens seit drei Jahren. Damals wurde Imke Wübbenhorst Trainerin der Oberliga-Herren beim BV Cloppenburg und verriet: „Ich bin Profi. Ich stelle nach Schwanzlänge auf.“ Der Satz wurde zum Spruch des Jahres gewählt und der Preisträger mit 5.000 Euro belohnt.

Dafür muss eine Frau meist lange gegen den Ball treten, Millionäre in kurzen Hosen sind selten. DFB-Geschäftsführer Oliver Bierhoff hat diese Realität nun ungeschminkt beschrieben und mit Blick auf das nahende EM-Turnier der Frauen in England gesagt: „Wir haben ein Preisgeld ausgehandelt, das Rekord ist, aber nicht an das heranreicht, was die Männer bekommen. “ Beim Weltmeistertitel 2014 waren es 300.000 Euro pro Kopf. Die Frauen sind billiger, bei 60.000 nickten sie.

„Ist das fair?“, wurde Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg gerade in der „Welt am Sonntag“ gefragt. Sie dachte darüber nach und knirschte mit den Zähnen, und als sie keine Antwort erwarten konnte, sagte sie: „Manche Dinge brauchen Zeit.“

Wie bei Männern. Der Dank des Vaterlandes floss ihnen nicht von Anfang an in Form von gebratenen Tauben in den Mund, und doch leuchteten ihre Augen bei der Überreichung der Geschenke. Als die Berner Helden von ihrem WM-Triumph 1954 mit dem Zug aus der Schweiz heimkehrten, spitzte sich die Präsentkorb-Situation an der Mittelstation am Bahnhof Kaufbeur so zu, dass Kapitän Fritz Walter es später packend beschrieb: „Von der Aus dem schrecklichen Nebeneinander von Allgäuer Käse, Porzellanfiguren, Aschenbechern wurde bald ein Durcheinander aus Pralinen, Weinflaschen und Kuhglocken.“ Kölns Linksaußen Hans Schäfer staunte: „Dass es so etwas gibt, da schütteln wir den Kopf.“ Außerdem bekamen alle einen bayerischen Löwen aus Nymphenburger Porzellan, einen Kühlschrank und einen Rasierer, und der DFB machte das Glück der Helden mit einem Fernseher und 2.500 Mark extra komplett.

Werden sie Europameister, können sich die DFB-Frauen mit den 60.000 Euro bald jede Menge Pralinen kaufen. Der Bundestrainer freut sich: „Die Verhandlungen sind super gelaufen.“ Weltmeister von 1974 hätte sich die Finger geleckt. Viele halten noch immer den Atem an, weil der Laden damals fast in die Luft gesprengt wäre. Fünf Tage vor WM-Start versicherte Kapitän Beckenbauer DFB-Unterhändler Hans Deckert, dass die Mannschaft natürlich Weltmeister werde, aber nur, wenn die Gegenleistung 100.000 Mark pro Kopf betrage. „Er hat mich angeschaut wie ein Bankräuber“, erinnerte sich der Kaiser später.

In jener dunklen Nacht zog der DFB sein Angebot – 30.000 Mark – schrittweise zurück. Gegen drei Uhr morgens, bevor er sich in seinem Zimmer einschloss, beschimpfte Bundestrainer Helmut Schön den bärtigen Verteidiger Paul Breitner als „Rädelsführer“ und „Maoist“. Das spätere deutsche WM-Glück war stark bedroht. Torschütze Gerd Müller lief mit der Hiobsbotschaft durchs Viertel: „Paul will weg. Er packt gut.“ Im Morgengrauen einigten sie sich irgendwie auf 70.000 Mark, dann erzielte der Bankräuber Breitner im Auftaktspiel gegen Chile aus rund 30 Metern das Tor des Tages, Dreiangel, und wenig später war Deutschland Weltmeister, seitdem gibt es keinen Bonus mehr Theater für Männer: „Wir legen noch 50.000 drauf, okay?“, fragt der DFB vor jedem Turnier, dann nicken die Männer und schieben ihre Kontonummer über den Tisch: Ende des Jahres, bei der WM in Katar , wird voraussichtlich erstmals ein Blankoscheck verwendet.

Die Frauen sind noch nicht da. Der DFB weist auf die geringere Fluktuation im Frauenfußball hin, und ein paar alte, weiße Machos reden noch vom Männersport: Der Fußball, der Pfiff, der Pfosten, der Konter, der Torschuss, der Eckstoß, der Schiedsrichter, alles männlich . Nur eines ist weiblich: die Pfeife.

Aber das Blatt wendet sich. Die Frauen machen Tag für Tag, Schritt für Schritt Boden gut. Es begann, als Mehmet Scholl in einer Talkshow verriet: „Unser Mannschaftsbus beim FC Bayern wird von einer Frau gefahren.“ Mittlerweile hält selbst ein Teammanager beim FC Bayern die Auswechseltafel hoch, immer mehr Frauen führen die TV-Interviews, und als Bibiana Steinhaus hat die Zudringlichkeit Pep Guardiola einst mitten im Spiel eiskalt gelassen, so die „Bild“ jubelte Strahl hoch über das blonde Schiedsrichter-Gift: „Die starke Frau in der Macho-Liga.“

Die Torschützen und Ballmagier sind verärgert. Über Nacht ist die deutsche EM-Prämie im Vergleich zum letzten Turnier um rund vierzig Prozent gestiegen, auch bei den Frauen nimmt der erste Ferrari Gestalt an – obwohl sie früher laufen mussten.

Martina Voss-Tecklenburg ist das beste Beispiel. Der Schriftsteller hier hat sie im letzten Jahrhundert einmal besucht, als sie noch keine Bundestrainerin, sondern Rechtsaußen war, und sie hat so einen Wurf gemacht wie Pierre Littbarski, dass alle sie „Litti“ nannten. Reich wurde sie jedoch trotz diverser EM-Titel und 125 Länderspiele nicht, auch nicht in der Werbung. Einmal wollte sie mit ihren Duisburgerinnen beim Pokalfinale mit „London“ auf der Brust für Kondome werben, aber ein paar DFB-Männer wurden rausgeschmissen – Pariser? Yuck! – auf den fehlenden Gummiabsatz und nein gesagt.

Vor der EM 1989 hatte sie auch die Chance, sich im „Playboy“ als nackte Waffe ablichten zu lassen. Das hätte in das damalige Männerbild des Frauenfußballs gepasst, jedem alternden Macho läuft das Wasser im Munde zusammen, wenn er sich erinnert, wie der ARD-Charme Ernst Huberty einst die jamaikanische Stürmerin Beverly Ranger nach ihrem „Tor des Monats“ im Studio der „Sportschau“ gesehen hat. schwärmte: „Wie schön und kaffeefarben sind all die Frauen aus Kingstontown.“ Jedenfalls veröffentlichten Fußballerinnen aus gutem Grund immer wieder einen Kalender, in dem sie nicht mit langen Trainingshosen und Norwegerpullovern bekleidet waren.

Doch Martina Voss kündigte dem „Playboy“ dann doch, verzichtete auf die 15.000 Mark Gage – und tröstete sich mit dem schönen Kaffeeservice, das der DFB dann 1989 um den EM-Titel springen ließ. „Wir sind auf dem richtigen Weg“, sagte sie Bundestrainer am Wochenende über die aktuelle Situation.

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