Freitag, August 12, 2022

Dieser Tag ist ein Wendepunkt im deutschen Fußball

Der 26. Juni 2022 ist, das kann man schon sagen, ein historischer Tag im deutschen Fußball. An der Spitze der Bundesligisten gab es schon oft Fans. In der Regel besaßen sie dann große Unternehmen, viel Geld oder bekleideten wichtige politische Ämter. Bei Hertha BSC wurde allerdings erstmals ein ehemaliger Ultra zum Präsidenten gewählt: Kay Bernstein, langjähriger Leadsänger in der Kurve, ehemals Stadionverbot und jetzt Inhaber einer Eventagentur. Was bedeutet die Wahl?

Diese Proteststimme seiner Mitglieder hat sich der Hauptstadtklub nach jahrelanger Misswirtschaft redlich verdient. Weit über 300 Millionen Euro haben die Berliner in der jüngeren Vergangenheit von Investor Lars Windhorst ohne sichtbare Wirkung verprasst. Fast wäre der Verein in die zweite Liga abgestiegen. Begleitet wurde der Niedergang von öffentlichen Scharmützeln zwischen wechselnden Protagonisten.

Aus einem Verein, der für den Rest der Liga keine Rolle spielte, wurde einer, über den die Liga lachte. Und spätestens als Bernsteins Gegner feststand, stiegen seine Chancen. Auch Frank Steffel, Politiker in der Berliner CDU, versprach einen Neuanfang – vielen roch das Ganze allerdings zu sehr nach einem anderen Mann an der Spitze, der mehr an einem schönen Job als am Verein interessiert ist.

So nun Bernstein, der nach seiner Rede am Sonntag Standing Ovations erhielt. Seine Wahl ist ein Schlag für das (Hertha-Establishment). Die Frage ist nur: Kann er mehr als das? Der 41-Jährige dürfte es aufgrund seiner Unerfahrenheit selbst nicht wissen. Er hat in den vergangenen Wochen mit Erstaunen gesehen, wie viel „Gift und Ego“ in den Führungskreisen seines Klubs steckt.

Außerdem steht er vor einem gewaltigen Spagat. Im Fußball, einem Millionengeschäft, in dem sich die kaufmännische Schraube dreht, gilt er mittlerweile als Hoffnungsträger der Romantiker, die die ständig neuen Wettbewerbe, die absurden Gehälter und den ganzen Social-Media-Kram längst satt haben. Übrigens muss man kein Ultra sein, um so zu denken.

Holt sich die Kurve jetzt den Fußball zurück? Zumindest wird die gesamte Bundesliga wieder sehr genau auf Hertha BSC schauen. Gut möglich, dass bald wieder alle lachen. Oder vielleicht nicht. Es liegt an Bernstein und dem Willen des Vereins, mit ihm zusammenzuarbeiten. Die Vergangenheit des Präsidenten ist eine Bürde, aber er verdient die Chance nach einer demokratischen Wahl. Setzt er sie ein, könnte er bald Nachahmer in anderen Vereinen finden.

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