Dienstag, Oktober 4, 2022

Ein spanischer Wechsel zerstört den deutschen Finaltraum

DEinige feierten ihren alten Meister, die anderen hörten auf ihren Kapitän. Während Spaniens Spieler Rudy Fernandez, 37, singend und tanzend in die Luft warfen, versammelte Dennis Schröder sein Team im Mittelkreis. Der Point Guard, mit 30 Punkten bester Werfer des Spiels, sagte ein paar Worte zu seinen Mitspielern, die nach der Schlusssirene zusammengebrochen waren. Der Traum von Gold bei der EM zerplatzte in einem spannenden Spiel.

„Kopf runter, Jungs. Holt Bronze“, ermutigte Dirk Nowitzki die deutsche Mannschaft nach dem bitteren 91:96 (51:46). Doch in der Mixed Zone war die Enttäuschung bei den Spielern spürbar. Daniel Theis schlurfte an den Reportern vorbei in Flipflops, er wollte nicht reden. Franz Wagner, der in der zweiten Halbzeit mit 15 Punkten Schröders Kumpel gewesen war, suchte verständnislos nach einer Erklärung für die Niederlage gegen Spanien: „Natürlich tut jedes verlorene Spiel weh. Gerade zu Hause. Aber so ist das im Sport. Das gehört dazu und wird uns besser machen“, sagte der 21-Jährige. Dann verschwand er mit gesenktem Kopf in den Katakomben.

„Das hätten wir definitiv gewinnen können. Wir haben Position verloren. Die Spanier waren wirklich hart und haben sehr gut gespielt“, zollte Schröder dem Gegner Tribut und wurde dann seiner Rolle als Anführer der deutschen Mannschaft erneut gerecht: „Das Turnier ist noch nicht zu Ende, wir haben noch ein Spiel vor uns. Mit diesen Jungs in der Kabine trete ich gegen jeden Gegner an. Ich liebe die Jungs.“ Am Sonntag (17.15 Uhr, Magentasport und RTL) trifft Deutschland im Spiel um Bronze auf Polen. Das Ziel, eine Medaille zu holen, sei noch erreichbar, betonte Schröder mehrmals, fast ein wenig trotzig klingend.

Dass das spanische Team, aus dem Lorenzo Brown mit 29 Punkten und vielen wichtigen Toren herausragte, keinen großen Wurf erzielen konnte, lag vor allem an einem taktischen Schachzug von Weltmeister-Trainer Sergio Scariolo. Eine besondere Rolle spielte Alberto Diaz, der nach dem Spiel unter Tränen sagte: „Dieses Spiel hier zu erleben, ist unglaublich.“ Der Rotschopf habe das Herz Spaniens erobert, hieß es kurz nach Erreichen des Endspiels in spanischen Medien.

Das Vorspiel: Die deutsche Mannschaft startete deutlich ruhiger in die Partie als gegen Griechenland. Das lag auch daran, dass Spanien von der ersten Sekunde an aggressiv verteidigte und Deutschland keine Chance auf einen Dreier ließ. Deutschland konnte sich also nicht wieder in Raserei spielen und dem Publikum einheizen. Gegen Ende des ersten Viertels erzielte Deutschland zwei Höhepunkte: Erst bediente Schröder Center Daniel Theis, der den Ball aus der Luft in den Ring drückte (7.), dann traf Maodo Lo beinahe von der Mittellinie zum 24:27 ab eine deutsche Perspektive, da das Quartal zu Ende ging.

Dennis Schröder: Schröder hat einmal mehr bewiesen, dass er sich auf dem Platz weiterentwickelt hat. In der ersten Halbzeit trug der Point Guard das Team auf seinen Schultern, ohne seine Teamkollegen aus den Augen zu verlieren. Egal ob Dreier, Layup oder Assist, Schröder lieferte ab. Zur Pause hatte er sieben seiner neun Schüsse getroffen (19 Punkte). Nach der Pause führte der 29-Jährige einen weiteren 14:0-Lauf für die Deutschen, und von den Rängen ertönten MVP-Rufe. Im Schlussviertel holte Schröder allerdings nur zwei Punkte, was vor allem den Spaniern zu verdanken war.

Deutschland bereitete der spanischen Abwehr bis zur zweiten Halbzeit große Probleme. Entweder deutete Schröder gegen die spanische Zone einen Zug zum Korb an, passte den Ball ins Aus und freute sich über einen Dreier von Andreas Obst, oder der deutsche Point Guard übernahm selbst Korbziehen.

Dann setzte der Spanien-Trainer seinen Point Guard Alberto Diaz auf Schröder. Während der Rest der Mannschaft in einer Zone verteidigte, bearbeitete Diaz den deutschen Spitzenreiter trotz langer drei Fouls aggressiv über das gesamte Feld. Die Deutschen fanden in der Schlussphase keine Antwort. Als Diaz kurz vor Schluss foulte, wurde der Kettenhund von seinen Mitspielern auf der Bank wild gefeiert. Beweis für seine überragende Leistung: In der Zeit, in der der 28-Jährige am Boden lag, erzielte Spanien 25 Punkte mehr als Deutschland.

Spanische Effizienz: Wann immer Deutschland das Spiel unter Kontrolle zu haben schien, spielte Spanien seine Angriffe mit tödlicher Präzision aus und holte wieder auf. Bis weit ins dritte Viertel hinein lag die Schussquote des Scariolo-Teams bei unglaublichen 73 Prozent. Als Deutschland im Schlussviertel bereits auf sieben Punkte davongezogen war, folgten drei perfekt gespielte Angriffe, an deren Ende die Iberer einen Freiwurf versenkten. Zudem behielt Spanien auch in der knappen Schlussphase an der Freiwurflinie die Nerven aus Stahl: Vierzehn Mal ging der Weltmeister an die Linie, vierzehn Mal rutschte der Ball durchs Netz.

In den entscheidenden Spielminuten schien es, als würde die Bedeutung der historischen Chance die deutschen Spieler lähmen. Der Ball wurde hin und her gespielt, aber niemand wollte ihn auf den Korb werfen. Mehr als drei Minuten blieb das Herbert-Team ohne Punkt, während Spanien mit acht Punkten in Folge auf 88:80 davonzog. Vor allem auf den großen Positionen war auf deutscher Seite wenig los: Johannes Voigtmann spielte kaum in der Offensive (zwei Würfe), Theis wirkte in der Schlussphase am Ring in vielen Situationen unglücklich. Nachdem der überragende Diaz mit seinem fünften Foul auf die Bank musste, erzielten Obst und Lo zwei weitere verzweifelte Dreier. Aber ein Dunking von Juancho Hernangomez aus einem weiten Wurf besiegelte Spaniens Sieg.

Noch eine Chance: „Wir müssen uns sortieren und am Sonntag wieder bereit sein“, forderte Gordon Herbert nach dem geplatzten Titeltraum. Die Abwehr gegen Spanien sei „nicht gut genug“. Nun trifft Deutschland im Spiel um Platz drei auf Polen. Das polnische Team hatte sein Halbfinale am frühen Freitagabend mit einer hoffnungslosen Niederlage mit 54:95 verloren. Die Bronzemedaille wäre ein versöhnlicher Abschluss eines aus deutscher Sicht über weite Strecken starken Turniers.

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