Dienstag, August 16, 2022

Einer der berührendsten Triumphe in der Geschichte der Tour de France

Fabio Jakobsen spricht mit ruhiger und monotoner Stimme. Angesichts seines Schicksals wirkt sein Monolog fast beiläufig. Aber jedes Wort passt. „Man kann es sich wie ein Wunder vorstellen. Es ist auf jeden Fall eine besondere Geschichte. Fast schon ein Märchen“, sagt der Radprofi. Am Samstagabend saß der 25-Jährige an der Ostseeküste im dänischen Nyborg und versuchte, sich hineinzuversetzen Was gerade passiert war, ist eigentlich ziemlich profan: Jakobsen hatte die zweite Etappe der 109. Tour de France gewonnen.

Aber es ist nicht so einfach. Vor allem nicht mit Jakobsen. Am 5. August 2020 wäre der Niederländer beinahe ums Leben gekommen. Sein Landsmann Dylan Groenewegen drängte ihn im Sprintfinale zum Auftakt der Polen-Rundfahrt in die Leitplanken – mit satten 80 Stundenkilometern. Jakobsen lag im künstlichen Koma, wurde zigfach operiert und allein sein zerschmettertes Gesicht musste mit 130 Stichen genäht werden. Heute hat er nur noch einen Kiefer, weil die Ärzte ihn aus Teilen seines Beckenknochens umgeformt haben.

Es hätte niemanden gewundert, wenn es den Radsportler Fabio Jakobsen nicht mehr gegeben hätte. Viele Berufskollegen erholen sich nicht von Stürzen dieser Höhe. Und damit waren Jakobsens Gedanken in der Stunde seines größten Triumphs. „Ich bin glücklich, aber der Sturz hat mich noch demütiger gemacht“, berichtet Jakobsen. „Ich denke an die Fahrer, die es nicht zurück geschafft haben. Ich hoffe, ich konnte einige glücklich machen.“

Neben seiner Verlobten, seinen Eltern, seiner Schwester und seinen Teamkollegen gilt sein Dank vor allem seinem Osteopathen. „Er ist 85 Jahre alt, aber ohne ihn wäre ich nicht hier. Viele Muskeln haben aufgehört zu arbeiten. Er wusste genau, was er tat. Ich werde ihm für immer dankbar sein“, sagt Jakobsen weil es nach einer solchen Leidenszeit einfach der richtige Weg ist, jede Silbe von Jakobsen übernommen.

Jakobsen teilte seine Rückkehr ins Leben rational in drei Phasen ein. Erst musste er wieder ein normaler Mensch werden. Schließlich konnte er anfangs kaum laufen. Stufe zwei war der Weg zurück zum Rennrad und der letzte Teil war die Entwicklung zum Top-Sprinter. „Für mich schließt sich der Kreis. Ich bin jetzt einer der besten Sprinter der Welt“, sagt Jakobsen. Er klingt unglaublich stolz, ohne aber prahlerisch zu wirken.

Jakobsen war vor seinem Sturz nicht auf dem Niveau, auf dem er derzeit fährt. Damals war er noch ein junger Bursche – wild, kraftvoll, manchmal ungestüm. Eines seiner Vorbilder war Mark Cavendish. Der Brite ist sein Teamkollege und muss sich die Tour dieses Jahr im TV anschauen, weil Jakobsen besser ist. Eine schwierige Realität für Cavendish, der in diesem Jahr mit seinem 35. Etappensieg einen Rekord aufstellen wollte.

Daher stand Jakobsen unter Druck, Ergebnisse zu liefern und seine Präferenz gegenüber einem der besten Sprinter der Geschichte zu rechtfertigen. Er hat bei der ersten Gelegenheit geliefert. „Diamanten entstehen unter Druck. Damit komme ich gut zurecht“, betont Jakobsen. Es ist die erste Tour de France seines Lebens, die erste richtige Etappe.

Große Ziele hat er sich für den Rest der Tour nicht gesetzt. Er will es Tag für Tag nehmen. In den Sprints trifft Jakobsen wieder auf Groenewegen, der ebenfalls erstmals seit dem schicksalhaften Tag im August 2020 wieder auf der Tour ist. Groenewegen war damals vielen Anfeindungen ausgesetzt und wurde auch für sechs Monate gesperrt: „Das war es Es war nicht die beste Zeit, es war eine harte Zeit.“

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