Dienstag, Oktober 4, 2022

Unter den Besten der größte Gentleman

Wir Menschen sind krankhaft neugierig – zum Beispiel zerbrechen wir uns ständig den Kopf über die Geschmacksfrage: Wer ist der Beste? War Mozart virtuoser als Beethoven? War Pelé kniffliger als Maradona? War der dicke Ronaldo (Brasilien) besser als der hübsche Ronaldo (Portugal)?

Es ist einfacher, einem Hamster das Laufradfahren beizubringen, als auf solche Fragen eine vernünftige Antwort zu finden. Oder welchen Spitzenplatz Roger Federer im ewigen Geschichtsbuch des Tennis verdient. Eines ist jedoch sicher: Auch wenn der Schweizer nicht der Beste war, unter den Besten war er definitiv der größte Gentleman und das tadelloseste Model.

Andy Roddick, sein langjähriger amerikanischer Widersacher, nannte diese außergewöhnliche Qualität nach einer Niederlage im Wimbledon-Finale einst: „Eine Klasse für sich“. Ja, Federer war eine Klasse für sich, weit über seine Leichtigkeit im Spiel oder seine Gabe hinaus, den Ball mit Genauigkeit über den Kopf zu schlagen. Klasse sei mehr, sagte Roddick, deutete auf seinen Bezwinger und verriet: „Das ist wieder einer, der bitte und danke sagt, auch zu Putzfrauen, Kellnern und Balljungen und nicht nur zu den Sponsoren.“

Roger Federer tritt zurück – und sein Verlust trifft die Tenniswelt härter als viele andere Bleibende. Beim Laver Cup in London gibt der Basler in den kommenden Tagen seine Abschiedsshow, es ist sein letzter Auftritt auf der ATP-Tour. Die Melancholie der Fans ist so groß wie der Andrang, an den Kassen droht Überfall, und Boris Becker kann den Schweizern zumindest vor dem Fernseher in seiner Londoner Zelle ein paar Ecken weiter die Daumen drücken.

Vor drei Jahren wurde Boris einmal gefragt, was den Hamburger Alexander Zverev daran gehindert habe, die Nummer eins im Tennis zu werden. Und Becker antwortete: „Dafür gibt es drei Gründe: Nadal, Djokovic und Federer.“ Vor allem Federer.

Er war damals richtig gut gelaunt und zeigte, wie begabt er ist, gesegnet mit der nötigen Kraft und Athletik und mit dieser leichten Hand, die die schwierigsten Schüsse zum Kinderspiel macht. Er konnte alles tun. Er hatte – aus lokaler Sicht – nur einen Fehler: Er ist kein Deutscher.

Roger Federer wurde auf der falschen Seite der Barriere geboren. Nur ein paar Straßen weiter hätte dieser Junge vor 41 Jahren gebären sollen, und heute würde der deutsche Sport nicht nur stolz von Schmeling, Beckenbauer, Graf, Becker oder Schumacher schwärmen. Als sich Federer Ende der 1990er-Jahre zum Gott des Sports entwickelte, kursierte unter Tennisfans im alemannischen Grenzgebiet der dubiose Witz: Die Wiedervereinigung sei richtig, aber es müsse unbedingt die DDR sein – warum nicht die Schweiz?

Angefangen hat alles in Basel. Und am Anfang, behauptet Federer manchmal, sei er ein Lümmel und ein Lümmel gewesen. „Das ist peinlich!“ Vater Robert und Mutter Lynette, eine Südafrikanerin, sollen sich geschämt haben, als er den Schläger wegwarf und fluchte. Doch die gute Erziehung setzte sich schließlich durch, so dass ihm irgendwann Langeweile vorgeworfen wurde. Wie der bereits erwähnte Andy Roddick es ausdrückte: „Roger macht seinen Job und geht nach Hause. Das reicht den Menschen nicht.“

Vor allem die von vorgestern, die John McEnroe noch kannten. Oder Jimmy Connors. Oder ihr Kumpel Ilie Nastase. Alle drei waren früher die Nummer eins und ziemlich knallhart, wenn auch recht unterhaltsam. Jimmy, Big Bad John und Nasty machten Tennis neben den Schwergewichtskämpfen des Jahrhunderts zum größten Zirkus; was Ali, Frazier und Foreman im Boxring waren, waren die drei auf dem Centre Court. Später, auf der Veteranentour, geriet ihre Show aufgrund von Gebrechlichkeit ins Stocken, aber sie hatten immer noch den Trost, den Dartlegende Phil Taylor einmal beschrieb: „Meine Groupies verlieren ihre Zähne, aber sie sind immer noch da.“

Federer hatte noch nie Groupies, und tatsächlich ist er immer noch mit der ersten Frau verheiratet. In diesen Tagen bedankte er sich zum Abschied von seiner Karriere bei Mirka und „meinen wunderbaren vier Kindern“ für alles, aber auch bei seinen Gegnern, die ihn zu dem getrieben haben, was er ist. „Ich betrachte mich“, sagt er, „als einen der glücklichsten Menschen der Welt.“ An dieser Stelle denkt man an den Dichter Alexander Roda Roda, von dem die Frage stammt: „Als Schweizer geboren zu sein, ist ein großes Glück. Aber es ist auch schön, als Schweizer zu sterben. Aber was machst du zwischendurch?“ Du spielst Tennis.

Am besten wie Federer. Er hat alles gewonnen, war fünfmal Weltsportler des Jahres und 310 Wochen lang die Nummer eins der Weltrangliste.

Noch vor drei Jahren war Federer so gut in Form, dass er an Brad Pitt in „Der seltsame Fall des Benjamin Button“ erinnerte, er wurde jeden Tag jünger. Der Schriftsteller hier bewunderte ihn an den Miami Open, mit 37 Jahren tanzte der Schweizer im dortigen Hard Rock Stadium federleicht zum Sieg. Eine alte Waffe könnte nicht fitter sein. Höchstens Mick Jagger.

Er war zufällig auch in der Stadt, 75 Jahre alt, und daraus resultierte ein mediales Duell in Sachen ewige Jugend. Während Federer sein Tennisturnier nicht weit entfernt am Strand gewann, brachte sich der Rolling Stone mit einem fantastischen Warm-up in Topform für ein Konzert, das einige Tage später im selben Stadion stattfinden sollte. Doch dann, über Nacht, der Schock: Alterskollaps, Herzklappenoperation. „It’s all over now“ sang statt Jagger die Schlagzeilen.

Drei Jahre später hat Mick Jagger endlich das Duell gegen die andere alternde Größe gewonnen. Er rockt wieder. Der Tenniskönig hingegen hat die große Bühne verlassen, er ist abgestiegen, sein Körper hat nach mehr als zwei Jahrzehnten auf der Profitour und drei Knieoperationen seit 2020 kapituliert. „Die Botschaft meines Körpers“, weiß Roger Federer , „ist sehr klar.“

Es ist jetzt alles vorbei.

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