Dienstag, August 9, 2022

Wie der Boom an Deutschland vorbeizieht

DDer Ansturm war enorm. Zumindest für diese Zeit. 29.092 Zuschauer strömten am Abend des 5. Juni 2005 in das City of Manchester Stadium, die Heimat von Manchester City, um das Eröffnungsspiel der Frauen-Europameisterschaft zu sehen. Gastgeber England besiegte Finnland in der 48.000 Zuschauer fassenden Arena mit 3:2.

17 Jahre später steht am Mittwoch auf der Insel ein weiteres Eröffnungsspiel für das Europaturnier der Frauen an. Und wieder in Manchester, allerdings im Heimstadion von Manchester United, Old Trafford. Wenn diesmal das Spiel zwischen England und Österreich angepfiffen wird, sind die Tribünen voll: 74.000 Zuschauer werden erwartet – das Stadion ist ausverkauft. Es ist nur einer von vielen Beweisen dafür, wie groß die Anziehungskraft des Frauenfußballs mittlerweile auf internationaler Ebene ist.

Beim Europaverband Uefa reibt man sich wegen der gestiegenen Bedeutung und des großen Interesses die Hände. 500.000 der rund 700.000 verfügbaren Tickets für das Turnier mit erstmals 16 Nationen – 2005 waren es noch acht – sind bereits weg, für das Finale in der Londoner Wembley Arena, die Platz für 90.000 Zuschauer bietet, sind bereits alle ausverkauft. Alle großen europäischen TV-Sender haben sich die Übertragungsrechte gesichert, in Deutschland ARD und ZDF, die 2005 Eurosport weichen mussten und ihren Schwerpunkt auf den Konföderationen-Pokal der Männer in Deutschland legen.

Die Uefa schüttet knapp 16 Millionen Euro Preisgeld aus, fast doppelt so viel wie beim letzten EM-Turnier vor fünf Jahren. Und erstmals werden – wie bei Männern längst üblich – auch für die weiblichen Spieler Ablösesummen gezahlt. Der Topf, so heißt es, sei mit 4,5 Millionen Euro gefüllt. Die Vereine sollen pro Spieler und Tag 500 Euro erhalten – einem Verein wird eine Mindestauszahlung von 10.000 Euro für jeden seiner Spieler garantiert.

In jedem Kader stehen 23 Spieler aus den teilnehmenden Ländern, wobei Gastgeber England, Frankreich und Spanien zu den großen Titelfavoriten zählen. Die deutsche Frauen-Nationalmannschaft hatte ihn jahrelang abonniert. Sie gewann zwischen 1995 und 2013 alle sechs Turniere, bevor die Niederlande 2017 die Phalanx durchbrachen. Mittlerweile spielt das Team von Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg eher die Außenseiterrolle. Das Team gewann den letzten EM-Test mit 7:0 gegen die Schweiz und hat Qualität – nur andere Nationen haben den DFB überflügelt. Die Entwicklung und Förderung des Frauenfußballs und die Schaffung noch professionellerer Strukturen gingen dort schneller voran.

Wenn die deutsche Auswahl, die ihr EM-Quartier im Hilton Hotel im Londoner Syon Park bezogen hat, am Freitag mit dem Spiel gegen Dänemark (21 Uhr, ZDF) ins Turnier startet, geht es nicht nur um wichtige Punkte für den Einzug ins Quartier -Finale, was bei den drei starken Gegnern in Gruppe B – neben Dänemark, Spanien (12. Juli) und Finnland (16. Juli) – sowieso nicht einfach wird.

Zurück auf der großen Bühne und damit im Rampenlicht gilt es auch, den Frauenfußball zu fördern. DFB-Präsident Bernd Neuendorf erhofft sich von der Europameisterschaft den dringend benötigten Aufschwung im Frauen- und Mädchenfußball. „Insgesamt müssen wir da noch besser werden. Ich hoffe natürlich, dass die großen Turniere, wie sie jetzt anstehen, der Gesellschaft einen Schub geben und wir da weiterkommen“, betonte der 60-Jährige zuletzt.

Der Verband hat es versäumt, Europa- oder WM-Siege für deutsche Frauen zum Weiterkommen zu nutzen und kämpft seit Jahren mit Jugendproblemen. Der DFB gab kürzlich bekannt, dass sich unter seinen 2,2 Millionen aktiven Mitgliedern nur 187.000 Spieler befinden. In manchen Kreis- oder Landesverbänden ist der Rückgang aktiver Fußballerinnen dramatisch. In der Bundesliga liegt der Zuschauerschnitt noch unter 1000, während andere europäische Top-Ligen in allen Bereichen große Fortschritte machen.

Berater Jörg Neblung, der 40 Fußballer betreut, mahnte kürzlich im Gespräch mit WELT, der DFB müsse endlich ordentliche Strukturen schaffen. „Solange wir Vereinen in Deutschland ohne Flutlicht das Spielrecht einräumen, sind wir von Profibedingungen meilenweit entfernt“, sagte Neblung und berichtete von Spielern, die bis vor Kurzem nicht einmal 250 Euro im Monat bekamen von manchen Vereinen und ohne Versicherung des Berufsverbandes gespielt hätte.

Es brauche eine Liga, so der 54-Jährige, „in der die Bedingungen besser sind und es Mindeststandards gibt. Es geht um die Verträge selbst, Flutlicht, Rasenheizung oder medizinische Versorgung. Hat eine Spielerin in Deutschland eine schwere Verletzung, etwa einen Kreuzbandriss, ist sie oft auf sich allein gestellt und muss oft lange warten, bis sie überhaupt operiert wird. Die Mechanismen funktionieren nicht so wie bei Männern.“

Im Verband weiß man um die Probleme – und verspricht Besserung. Bundespräsidentin Neuendorf, die am Freitag beim Eröffnungsspiel von Deutschlands Kapitänin Alexandra Popp dabei sein wird, hält es für wichtig, „dass der Frauenfußball sichtbarer wird“. Neuendorf weiter: „Unser Ziel ist es, die WM 2027 auch nach Deutschland zu holen. Dafür werde ich hart arbeiten.“

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