Freitag, August 12, 2022

Zwei Kinder, 34 Jahre alt – in der Form ihres Lebens

Die Karriere voller Kuriositäten und Wendungen hat auf der Zielgeraden noch viele weitere Geschichten zu erzählen, die eigentlich für ein ganzes Sportlerleben reichen würden. Tatjana Maria ist jetzt 34 Jahre alt, sie hat zwei Kinder auf der Tour, sie spielt immer noch Tennis auf Weltklasse-Niveau, sie steht nun erstmals in ihrer Karriere im Halbfinale eines Grand-Slam-Turniers und trifft auch noch eine ihrer besten Freundinnen dort. Dass Maria zwischenzeitlich fast an einer Lungenembolie gestorben wäre und so etwas wie die Stand-up-Frau der Branche ist, passt in den Lebenslauf des Profispielers aus Bad Saulgau.

Für die Protagonistin, die unter ihrem Mädchennamen Malek an den Start ging, bis sie 2013 ihren spanischen Trainer Charles-Edouard Maria heiratete, muten diese Tage im Londoner Stadtteil Wimbledon fast wie ein Märchen an. „Es ist ein Traum, mit meiner Familie und meinen zwei kleinen Töchtern zu leben“, sagte Maria nach ihrem Viertelfinal-Erfolg über ihre Landsfrau Jule Niemeier. „Ich habe vor ungefähr einem Jahr ein Kind zur Welt gebracht. Es ist verrückt.“

Tatsächlich ist es erstaunlich, wie stark die Slice-Spezialistin gerade jetzt nach der Geburt ihrer zweiten Tochter Cecilia ist. Sie scheint in der besten Form ihres Lebens zu sein – und erlebt, was schon einige andere berühmte Tennis-Mamas vor ihr berichtet haben: Wer viel Sport gemacht hat, kann schneller ein Comeback feiern als „normale“ Mütter. Serena Williams etwa fand nach der Geburt ihrer Tochter vor fünf Jahren schnell wieder zu ihrer Weltklasseform, Kim Clijsters gewann sogar drei ihrer vier Grand-Slam-Titel, nachdem sie 2008 zum ersten Mal Mutter geworden war.

Ein Phänomen, das auch Profis wie Marion Sulprizio beschäftigt. Es gebe noch keine Studien, die belegen würden, dass Frauen nach der Geburt besser abschneiden als vorher, sagt die Sportwissenschaftlerin. „Wir wissen aber, dass Frauen, die vorher Sport getrieben haben, die Geburt besser bewältigen können, weil der Geburtsvorgang, seine Dauer und sein Aufwand eine gewisse Fitness erfordern“, sagt Sulprizio, der als wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der Kölner Sporthochschule tätig ist Universität auf dem Komplex der Sport- und Schwangerschaftsforschung.

Der Experte erklärt, dass diejenigen, die viel Sport getrieben haben, sich eher damit abfinden. Das ist auch der Grund, warum viele Sportler relativ schnell und erfolgreich zurückkommen. „Diese Frauen waren bereits vor der Geburt in einem sehr guten Fitnesszustand und müssen dann nicht mehr so ​​lange warten, bis ihr Körper wieder in dem Zustand ist, in dem sie vor der Schwangerschaft waren.“

Was Maria nach ähnlichen Erfahrungen noch alles kann, ist eine spannende Frage. Zunächst trifft sie am Donnerstag (14.30 Uhr, im WELT-Sportticker) im Halbfinale des Tennisklassikers auf ihren Freund und Weltranglisten-Zweiten Ons Jabeur. „Ich liebe Tatjana so sehr, ihre Familie ist großartig. Sie ist meine Freundin“, sagte die an Nummer drei gesetzte Tunesierin nach ihrem Erfolg im Viertelfinale gegen die Tschechin Marie Bouzkova.

„Es wird schwierig, gegen sie zu spielen. Ich freue mich sehr, dass sie im Halbfinale steht.“ Sie wünscht sich, andere würden zu Maria aufschauen. „Sie ist Halbfinalistin und hat zwei Kinder. Das ist eine unglaubliche Geschichte“, sagte Jabeur. „Ich freue mich sehr für sie, dass sie bekommt, was sie verdient“, sagte die 27-Jährige. „Sie hatte sehr zu kämpfen. Es ist nicht einfach, nach zwei Babys zurückzukommen. Es wird ein großartiges Match zwischen uns, mit viel Respekt.“

Dass Maria nach dem deutschen Duell mit Niemeier nun so etwas wie ein Familienduell mit Jabeur bestreiten muss, ist im Profitennis ungewöhnlich. „Wir kennen uns schon ewig, sie liebt die Kinder“, beschrieb Maria das Verhältnis zu ihrer Kollegin. „Sie sieht meine Kinder fast als ihre Kinder an, also ist sie eigentlich ein Teil unserer Familie. Immer wenn sie Charlotte sieht, spielt sie Tennis mit Charlotte. Wenn sie Ceci sieht, ist das ihr Baby. Wir verstehen uns wirklich gut.“

Die Freundschaft wird wohl kurz ruhen, wenn sich beide Kontrahenten auf dem Centre Court gegenüberstehen. Nach dem größten Triumph ihrer Karriere kann Maria nun auch Historisches erreichen: In der 138-jährigen Geschichte des Damentennis in Wimbledon haben nur vier Mütter den Titel gewonnen, nach dem Ersten Weltkrieg war es nur die Australierin Evonne Goolagong-Cawley 1980 Die englische Presse hat für Maria, die von Freunden „Tadde“ genannt wird, bereits einen respektvollen Spitznamen gefunden: Angesichts der vielen Aufholjagden in ihrem Leben im Allgemeinen und in Wimbledon im Besonderen gilt sie als die „ Mutter aller Comebacks“.

Dass Tatjana Maria auch heute noch Tennis spielt, ist alles andere als selbstverständlich. Als sie 20 Jahre alt war, wurde bei ihr eine Thrombose im Bein diagnostiziert. Maria schwebte in Lebensgefahr, weil ihr nach einer Lungenembolie ein Herzstillstand drohte. Es folgten mehrere Operationen, die letztendlich dafür sorgten, dass sie ihre Karriere fortsetzen konnte. Ihr Vater, der sie zu Turnieren begleitet hatte, starb wenig später. „Mir sind ein paar Dinge passiert, die dich automatisch stärker machen“, sagte sie in Wimbledon.

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