Freitag, August 19, 2022

Zwei Siege, wie vom Schicksal

DYlan Groenewegen saß erschöpft auf einem kalten Bordstein, von Emotionen überwältigt. Der Niederländer weinte nach seinem Sieg auf der dritten Etappe der Tour de France in Sonderburg. Wie seinen Landsmann Fabio Jakobsen am Vortag überwältigten ihn die Emotionen. Unter Tränen fiel er seinem Teamchef in die Arme, konnte nicht sprechen, schluchzte und schüttelte ungläubig den Kopf.

Jakobsen und Groenewegen haben vor zwei Jahren für eines der größten Sturzdramen im Radsport gesorgt. Sturzopfer Jakobsen kämpfte nach dem Sturz um sein Leben. Er lag im künstlichen Koma, wurde zigfach operiert und allein sein zerschmettertes Gesicht musste mit 130 Stichen genäht werden. Heute hat er nur noch einen Kiefer, weil die Ärzte ihn aus Teilen seines Beckenknochens umgeformt haben. Bad Boy Groenewegen ist seit Monaten gesperrt. Jetzt feierten alle einen Etappensieg am Wochenende wie Schicksalssiege.

„Fabio war sehr, sehr stark. Ich gratuliere ihm zu seinem Sieg, jetzt habe ich auch gewonnen. So ist das auf der Tour“, sagte ein sichtlich angeschlagener Groenewegen. „Es war ein langer Weg. Ich kann mich nur bei meinem Team, meiner Familie und meinen Freunden bedanken. Es war mental eine harte Zeit, nach allem, was passiert ist.“ Der 29-Jährige widmete seinen Erfolg seiner Frau und seinem Sohn.

Anfang August 2020 hat Groenewegen seinen Kontrahenten Jakobsen auf der ersten Etappe der Polen-Rundfahrt im Sprint mit 80 Stundenkilometern in die Leitplanken gedrängt. Danach galt er lange Zeit als persona non grata und wurde für mehrere Monate gesperrt.

Das Gelbe Trikot des Gesamtführenden wird der Belgier Wout van Aert, erneut Zweiter, nach Nordfrankreich bringen, wo die Tour nach dem Transfer am Dienstag fortgesetzt wird. Titelverteidiger Tadej Pogacar, der sich am Samstag bei einem Massensturz leicht an der Hand verletzt hatte, befindet sich in einer komfortablen Ausgangsposition, hat aber einige Sekunden Vorsprung auf seine Hauptverfolger Primoz Roglic und Jonas Vingegaard. Die deutschen Etappenjäger Lennard Kämna, Nils Politt und Maximilian Schachmann werden noch ihre Chancen bekommen.

Die Schlagzeilen gehören vorerst Jakobsen und Groenewegen. Mit dem Etappensieg am Samstag in Nyborg hatte Jakobsen bereits etwas geschafft, was ihm vor gut zwei Jahren niemand zugetraut hätte. Immerhin entging er an diesem schicksalhaften Tag in Polen nur knapp dem Tod. „Man kann denken, es ist ein Wunder. Es ist definitiv eine besondere Geschichte. Fast ein Märchen“, sagte Jakobsen knapp 700 Tage später als Tour-Etappensieger.

Der Profi vom Team QuickStep-AlphaVinyl lag zu diesem Zeitpunkt im künstlichen Koma. „Ich hoffe, dass mein Sieg viele Leute zu Hause glücklich gemacht hat“, sagte der 25-Jährige. Seine Verlobte, seine Schwester, seine Eltern und sein Team gaben ihm die Kraft, diese Tortur zu überstehen.

Jakobsens Erfolg ließ auch Kritiker verstummen, die lieber seinen britischen Teamkollegen Mark Cavendish als ihn auf der Tour gesehen hätten. Immerhin hätte der 37-Jährige mit einem Tagessieg auf der diesjährigen Rundfahrt seinen 35. Etappensieg und damit einen Rekord feiern können.

Doch Teamchef Patrick Lefevere hatte andere Pläne. „Ich bin alt und weise, und der Gewinner hat immer Recht. Also habe ich im Moment Recht“, sagte Lefevere und fügte hinzu: „Ich muss mich nicht vor Leuten rechtfertigen, die nicht klug genug sind, einige Dinge zu verstehen. „

Mit dem Auftakterfolg in Kopenhagen und dem Sieg in Nyborg gewann das belgische Team zwei von drei Etappen. Ob das Team weitere Siege feiern kann, hängt auch von den Corona-Tests ab.

An den ersten beiden Tourtagen mussten zahlreiche Betreuer aufgrund positiver Tests die Heimreise antreten. Unter ihnen waren der Sportdirektor Tom Steels, ein Ernährungsberater und der Pressesprecher. „Wir können uns nur so gut wie möglich schützen. Ich habe genauso Angst vor dem Coronavirus wie vor dem Zeitlimit“, sagte Jakobsen. Bis das in den Bergen eine Rolle spielt, hat der Sprinter noch eine gute Woche Zeit.

Related Articles

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

- Advertisement -

Latest Articles