Donnerstag, Mai 26, 2022

Tödliche Sorglosigkeit Wie Smartphones in der Ukraine Positionen preisgeben


Im Internet wird ein Kartenausschnitt diskutiert, der offenbar die russischen Truppenkonzentrationen in der Ukraine anhand der Smartphone-Ortung zeigt. Woher die Daten stammen, ist nicht bekannt. Sicher ist jedoch, dass die Handyortung im Krieg eine wichtige Rolle spielt.

Auf Twitter sorgte ein Kartenausschnitt für Aufsehen, der angeblich zeigt, wo russische Soldaten mit den SIM-Karten ihres Landes im ukrainischen Mobilfunknetz registriert sind. Wo die Truppenkonzentration besonders hoch ist, leuchtet die Karte gelb bis rot. Unter anderem könnte das ukrainische Militär genau sehen, wo Russland Einheiten zur Vorbereitung von Angriffen und damit der Verteidigung zusammenstellt.

Allerdings ist die Herkunft der Karte fragwürdig und weist einige Ungereimtheiten auf. Unter anderem passen die roten und gelben Bereiche nicht zu den aktuellen Kampfzonen. Aber das lässt sich wohl relativ einfach erklären: Im Originalpost steht, dass die Karte wohl die Situation im März zeigt.

Prinzipiell ist es Betreibern eines Mobilfunknetzes möglich, anhand der Basisstationen, an denen sich Smartphones anmelden, ihre Position zu bestimmen. Sie können auch feststellen, ob es sich um eine ausländische SIM-Karte handelt. Ein Twitter-Nutzer verweist jedoch auf die Nachricht eines Freundes, der beim ukrainischen Mobilfunkanbieter Kyivstar arbeitet. Er schreibt, in den von Russland besetzten Gebieten seien die ukrainischen Stationen zerstört oder abgeschaltet worden, lokale Mobilfunkanbieter hätten solche Daten also nicht mehr. Die Karte muss also eine Fälschung sein.

Zudem sperrten ukrainische Anbieter nach Angaben der ukrainischen „Prawda“ unmittelbar nach Beginn der Invasion ihre Netze für russische und weißrussische SIM-Karten. Dies ist auch einer der Gründe, warum russische Soldaten den Ukrainern ihre Smartphones abgenommen und sie gezwungen haben, ihre Geräte- und SIM-PINs herauszugeben.

Dies wiederum ermöglichte es in vielen Fällen, die Positionen von Plünderern zu bestimmen. Denn sowohl iPhones als auch Android-Smartphones haben die Möglichkeit, gestohlene oder verlorene Geräte orten zu lassen. Es besteht auch die Möglichkeit, Smartphones zu sperren, allerdings ist dies in diesem Fall erst nach Abzug der Besetzer ratsam.

Viele russische Soldaten sollen in ihren Smartphones ukrainische SIM-Karten verwenden, oft aus dubiosen Quellen. Dies macht es den Ukrainern leicht, sie zu belauschen, insbesondere wenn sie ihnen die Tickets selbst verkauft haben.

Eine andere Art des Smartphone-Trackings ist von großer militärischer Relevanz, und es spielt keine Rolle, ob eine SIM-Karte gesperrt ist. Denn ihnen reicht es, dass die Geräte versuchen, eine Mobilfunkantenne zu kontaktieren.

Dieser Umstand wird genutzt, indem Empfänger in Drohnen oder Fahrzeugen untergebracht werden, die Sendemasten simulieren (Cell Site Simulators). Verbindet sich ein Smartphone mit einem solchen Lockvogel, können Angreifer unter Umständen direkt auf GPS-Daten oder andere Informationen zugreifen.

Anhand der Signalstärke kann der Simulator auch die Entfernung zu einem Smartphone bestimmen. Geschieht dies aus mehreren Richtungen, kann der ungefähre Standort ermittelt werden. Es ist auch möglich, dass Köder die Position eines Smartphones bestimmen, indem sie die Signalstärken verschiedener echter Mobilfunkmasten in der Nähe eines Smartphones abrufen.

Laut „Sky News“ ist bekannt, dass die Russen das elektronische Kampfsystem Leer-3 einsetzen, das aus einem Kommandolastwagen und zwei Flugdrohnen (Orlan-10) besteht. Es ist auch in der Lage, feindliche Netzwerke zu stören.

Laut „Inform Napalm“ wurde Leer-3 2015 im besetzten Donezk gesichtet. Das System soll mehr als 2.000 Telefone im Umkreis von sechs Kilometern empfangen können. Laut „Sky News“ wird davon ausgegangen, dass die ukrainische Armee eine ähnliche Technologie einsetzt.

Wegen der Smartphone-Problematik hatte die ukrainische Armee bereits vor der Invasion vom 24. Februar entsprechende Anweisungen für Soldaten herausgegeben, die gegen russisch geführte Separatisten im Donbass eingesetzt wurden. Unter anderem sollten sie keine eigene SIM-Karte verwenden, sondern vor Ort eine kaufen. Beim Telefonieren sollten sie sich weit von den Truppen entfernen und möglichst in Städte mit vielen Zivilisten gehen. Ansonsten sollten Sie Ihr Telefon immer ausgeschaltet lassen.

John Scott Railton von der University of Toronto sagte Sky News jedoch, dass Angreifer auch den Drohnenzugang nutzen könnten, um ein Smartphone zu hacken, sodass es ausgeschaltet erscheint, aber tatsächlich ein Leuchtfeuer auf dem Schlachtfeld ist. Das Entfernen des Akkus ist eine Lösung, die bei aktuellen Smartphones jedoch praktisch nicht möglich ist.

Angesichts der Bedrohung durch Smartphones im Feld fragt man sich, warum die russische Armee die Mobilfunknetze der Ukraine nicht vollständig angegriffen hat. Sam Cranny-Evans vom Verteidigungs-Thinktank RUSI sagte gegenüber Sky News, dass die Zerstörung eines zellendichten Mobilfunknetzes nicht einfach sei. Selbst in Mariupol gab es nach wochenlangen Kämpfen noch Empfang.

Womöglich brauchen die Russen das ukrainische Mobilfunknetz auch selbst. Ihre Kommunikationsprobleme sind bekannt, offenbar haben sie nicht einmal genügend digitale Militärfunkgeräte. Entsprechend Christo Grozev von der Forschungsplattform „Bellingcat“ legten sie Anfang März das Netz in Charkiw faktisch lahm, was auch die Nutzung ihrer Era-Kryptophone unmöglich machte, die auf bestehende 3G/4G-Netze angewiesen sind.

Dieser Umstand könnte zum Tod von Generalmajor Vitali Gerasimov geführt haben. Laut durchgesickerten Aufzeichnungen eines abgehörten Gesprächs zwischen zwei russischen Offizieren über den Tod des Generals, die vom ukrainischen Geheimdienst veröffentlicht wurden, arbeitete Era nicht. Laut Grozev verwendeten die Beamten ukrainische SIM-Karten.

Um weitere Verluste durch die Nutzung von Smartphones zu verhindern, hat Präsident Putin am 6. Mai ein Dekret unterzeichnet. Darin heißt es laut „Radio Free Europe“, Militärangehörige sollten keine Geräte besitzen, die Standorte bestimmen und Audio- und Fotomaterial übertragen können. Ein Verstoß gegen die Regel gilt als grobes Disziplinarvergehen.



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