Dienstag, August 16, 2022

An der Zapfsäule mit Thomas Gottschalk

EEin Klassiker, würden Zyniker definieren, ist ein Buch oder Film, dessen Titel jeder kennt und gerne im Gespräch verwendet – dessen Inhalt und Bedeutung im Laufe der Zeit jedoch weitgehend verloren gegangen sind. Es dürfte Leser geben, die bei der These, „Two Noses Tank Super“ sei ein moderner Klassiker, qualvoll aufatmen. Schließlich könnte das, woran sie sich erinnern, ein leichtes Schamgefühl hervorrufen. Zumindest können wir, anders als etwa „Krieg und Frieden“, davon ausgehen, dass „Zwei Nasen tanken Super“ auf breite Resonanz stoßen wird. 1984 sahen nachweislich 6,6 Millionen Westdeutsche den Film im Kino.

Selbst dieser Filmtitel wäre heute undenkbar. Diese Betonung auf einem Körpermerkmal! Klarer Lookismus. Das Erste, was man im Film von Thomas Gottschalk und Mike Krüger sieht, sind ihre – auffälligen – Riechorgane im Profil. Zumindest scheinen sie sich nicht diskriminiert zu fühlen, Tommy nennt Mike „Nase“ und Mike nennt Tommy „supernose“ (obwohl Krüger eigentlich die markantere Birne hat). Die beiden nutzen ihre Kolben eher im Sinne von Trademarks, Millionen hatten bereits den Vorgängerfilm „Die Supernasen“ gesehen.

Obwohl der Titel ein selbstreferenzielles Wortspiel ist, hat der Film tatsächlich Super Tanking. Tanken ist heutzutage ein heikles Thema. Du vermeidest es so lange wie möglich. Blickt ängstlich auf die Liter- und Preiszähler. Füllt nicht mehr bis zum Rand.

Was für ein entspanntes Verhältnis haben andererseits Nasen und Supernasen zum Tankvorgang, wenn sie mit ihren Trikes an die Zapfsäulen heranfahren! Das sollte nicht verwundern, denn einerseits verdanken sie ihre motorisierten Dreiräder dem Glück, hunderttausende Besucher auf einer BMW-Messe zu haben (BMW-Messen sind auch keine beliebten Locations mehr). Andererseits lag der Preis für einen Liter Super 1984 bei 1,39 Mark pro Liter; derzeit zahlen wir grob umgerechnet das Dreifache.

Krüger und Gottschalk sind Weltsorger aus der glückseligen Bonner Republik. Sie demolieren den Sportwagen eines Tankstellenkunden (in Laurel & Hardy-Manier), ziehen ihre Chopper-Ketten über verträumt leere bayerische Autobahnen (wie Fonda und Hopper), holen willige Tramper ab (wie Cheech und Chong) und im Restaurant bestellen die Männer ohne gleichzeitig nach den Frauen gefragt zu werden.

Die Witze sind schlecht („Das ist Kaschmir“, erklärt der Sportwagenfahrer seinen Pullover; „Isch aus Ischmir“, antwortet der türkische Tankwart), man spritzt Ketchup in einem frühen McDonald’s und scherzt sich durch die Bettenabteilung eines Kaufhaus.

O heilige Einfalt! Waren wir das wirklich? Oder unsere Eltern? Kommen wir aus dieser Sorglosigkeit? Die besten Klassiker stellen eine Verbindung zur Gegenwart her und laden zur Selbstreflexion ein. In diesem Sinne ist Two Noses Tank Super ein echter Klassiker. Für alle, die es ertragen können, in den Spiegel ihrer Supernase-Vergangenheit zu schauen.

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