Freitag, August 19, 2022

Ana Marwan gewinnt den Ingeborg-Bachmann-Preis

EINna Marwan hat den Ingeborg-Bachmann-Preis 2022 gewonnen. Die 1980 geborene und in Slowenien aufgewachsene Autorin überzeugte die Jury mit ihrer Erzählung „Green Toad“. Es geht um einen Ich-Erzähler, der allein irgendwo weit weg lebt, mit kaum anderen Kontakten als dem Postboten und dem Gärtner. Im Garten ihrer Mietwohnung gibt es einen vergessenen Pool, wo sie eine Kröte entdeckt und sich über Gesellschaft freut. Der Ich-Erzähler bringt das Tier an die Donau und lässt es frei. Dann findet sie heraus, dass sie schwanger ist und stellt sich das Kind vor.

Die Jury sah in der Geschichte den Text eines Einsiedlers, der ein klassisches Motiv der feministischen Literatur sehr kunstvoll variiert. Juror Klaus Kastberger, der den Autor eingeladen hatte, sprach in seiner Laudatio von einem „sehr feinen und delikaten Text“.

Diese und ähnliche Prosa von Kritikern muss man durchgehen, wenn man den dreitägigen Wettbewerb um den heute mit 25.000 Euro dotierten Ingeborg-Bachmann-Preis verfolgt, den Marcel Reich-Ranicki 1977 zum Gedenken an Ingeborg Bachmann ins Leben gerufen hat. Die „Tage der deutschsprachigen Literatur“ sind, was der Name sagt: drei Tage Lesungen und literaturkritische Diskussionen in Folge.

In diesem Jahr fand der Wettbewerb erstmals nach zwei Jahren Pandemie „physisch“ statt, also neben 14 Autoren (darunter WELT-Autor Hannes Stein) und sieben Juroren (darunter Mara Delius, Leiterin des WELT-Feuilletons und Redakteurin der „ Literarische Welt“ ) waren auch zahlreiche Reporter, Verlagsmitarbeiter, Agenten und Groupies angereist. Das Event hat Fans, die jedes Jahr extra dafür Urlaub in Klagenfurt machen. Besser als hier kann sich die Literaturwelt nicht vernetzen.

Kenner halten die „Competition“, wie sie in Österreich heißt, mit all ihrer Folklore ohnehin für die entspanntere Variante der Frankfurter Buchmesse. Man trinkt Grünen Veltliner, geht zum Bürgermeisterempfang und leiht sich ein Fahrrad für eine Spritztour zum See. Die „Tage der deutschsprachigen Literatur“ sind auch in den sozialen Medien unter der Hashtag #tddl Ereignis werden. Der Autor Elias Hirschl, der unter @eliahirschl twitterte und seinen Account angesichts des Wettbewerbs sogar vorübergehend in „Hirschi in Klagenfurt“ umbenannte, gewann damit den mit 7.000 Euro dotierten Publikumspreis, über den die Online-Groupies abstimmen können.

Der von der Jury verliehene Deutschlandfunk-Preis (12.500 Euro) ging an Alexandru Bulucz. Der 1987 in Rumänien geborene und heute in Berlin lebende Autor behandelt in seiner Erzählung mit dem Titel „Einige Landesgrenzen weiter östlich, von hier aus gesehen“ die Themen Herkunft und Heimat, die für die wachsende Zahl von Autoren in Deutschland wichtig sind der deutschsprachigen Literaturszene, die nicht nur deutschsprachig sind, sind seit Jahren ein festes literarisches Thema bei Literaturwettbewerben und -preisen.

Der dritthöchst dotierte Kelag-Preis (10.000) ging an Juan S. Guse, der auf Einladung von Mara Delius, der Leiterin des WELT-Feuilletons und Herausgeberin der „Literarischen Welt“, in Klagenfurt gelesen hatte. Der in Hannover lebende Soziologe und Schriftsteller, der bereits vor einigen Jahren mit seinem Debütroman „Miami Punk“ die deutschsprachige Kritik begeistert hatte, las im Wettbewerb um den Ingeborg-Bachmann-Preis eine lustige Geschichte über eine unbekannte Zivilisation vor, die im Taunus entdeckt wurde Dort ist, von der Welt unbemerkt, der Frankfurter Flughafen samt Duty-Free-Shop nachgebaut.

Der diesjährige 3er-Preis (7500 Euro) ging an Leon Engler. Wer den dreitägigen Wettbewerb um den Ingeborg-Bachmann-Preis in diesem Jahr nur am Rande verfolgt und nicht drei Tage live über Fernsehen (3sat) oder Internet oder gar vor Ort in Klagenfurt am Wörthersee dabei war, kann von drei Dingen des Jahres 2022 profitieren Ausgabe nimm den Smalltalk mit:

Erstens: Die Pandemie ist vorbei, aber Sie spielen immer noch Bildschirmwechsel. Früher saßen im Kärntner ORF-Theater Autoren und Juroren zusammen. Jetzt diskutieren drinnen nur noch die Juroren, während draußen im ORF-Garten die Autoren auf der Lesebühne stehen. Das sorgt einerseits für eine entspanntere Leseatmosphäre, unterbricht aber auch die unmittelbaren räumlichen Schwingungen zwischen Lesen und Kritik. „Auch hier im sterilen Studio hatten wir unseren Spaß“, brachte ein Satz von Jurymitglied Klaus Kastberger den Konflikt zwischen den beiden konkurrierenden Locations auf den Punkt. Mit den beiden realen Veranstaltungsorten hat der ORF getrennt, was eigentlich räumlich zusammengehört – wenn es sich nicht um einen Pandemie-Notfall handelt.

Zweitens: Klagenfurt hat durch die Live-Lesung immer eine performative Dimension. Die 1982 in Bonn geborene Dichterin und Performancekünstlerin Mara Genschel spielte diese Dimension am zweiten Lesungstag mit einem Gimmick aus: Sie trug zur Lesung einen übergroßen angeklebten Schnurrbart und täuschte einen vermeintlichen amerikanischen Akzent vor passt zu ihrer Geschichte. Die Jury war amüsiert, aber auch skeptisch, ob die Leistung nicht die schlechte Qualität des Textes überschattete. Daraufhin beteiligte sich Genschel für einen kurzen Moment an der Jurydiskussion (was in Klagenfurt grundsätzlich möglich ist). Ihr Auftritt sei keine Performance, sondern Stil: „Ich habe nur gelesen und mich angezogen“.

Können und dürfen Habitus und Aussehen in die Bewertung der Jury einfließen? Wenn es um den Bachmann-Preis geht, ist diese Frage so alt wie der Stirnschnitt von Rainald Goetz. Als er 1983 in Klagenfurt las und sich vor laufenden Kameras mit einer Rasierklinge die Stirn aufschlitzte und das Blut auf seinen Text tropfen ließ, ätzte Reich-Ranicki dann: Blut könne nicht in die Wertung einfließen.

Drittens: Es gibt einen neuen Modus der Preisfindung. Früher wurde sonntags live im Fernsehen abgestimmt. Jetzt stimmt die Jury am Samstagnachmittag heimlich ab, und nur der Rechtsberater, der in Klagenfurt immer wichtig war, kennt das Ergebnis. Die Idee ist, dass diejenigen mit einer niedrigeren Punktzahl automatisch den nächst niedrigeren Preis erhalten. In der Vergangenheit wurden Autoren, die im Stechen um den Hauptpreis unterlegen waren, teilweise durchgereicht und blieben am Ende leer. Die gestraffte Siegerehrung am Sonntagmorgen macht das Streaming- und TV-Event dennoch nicht frei von Pannen und Peinlichkeiten. Zum Beispiel, wenn Autoren von 3sat-Moderatoren gezwungen werden, ihre Texte zu kommentieren. Ana Marwan, die frischgebackene Bachmann-Preisträgerin, hatte auf diese Zumutung nur eine richtige Antwort: „Mein Text spricht für sich.“

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