Samstag, August 20, 2022

Antisemitismus könne nicht per Dekret beseitigt werden, sagt der Minister

EAuf der Documenta in Kassel herrscht eine entspannte Atmosphäre. Gruppen von Kunstliebhabern drängen sich durch die Ausstellungsräume. Immer wieder sitzen Menschen im Kreis, massieren sich, halten Fäden oder hämmern etwas, getreu dem offiziellen Motto „make friends not art“. Kollektive Praxis ist das Stichwort der diesjährigen Weltkunstschau.

Und man wundert sich, dass das Ergebnis oft nicht mehr als eine Sitzkreisatmosphäre ist – mit wenigen Ausnahmen, wie der Videoarbeit von Hito Steyerl. Dazu gehört auch, dass die Kritik an den Brutalitäten des globalen Kapitalismus oft mit dem Rückgriff auf Kultur, Tradition und Kollektiv einhergeht, sodass ein paar antisemitische Darstellungen in der Mischung aus Übungsfetischismus, Do-it-yourself-Verherrlichung kaum weiterkommen und als Widerstand bezeichneter Ethno-Kitsch stechen hervor.

Auf dem zentralen Friedrichsplatz meldet sich nicht einmal mehr das Gerüst der antisemitischen Installation „People’s Justice“ (2002) des indonesischen Künstlerkollektivs Taring Padi, mit dem alles begann. Alles aufgeräumt, alles gut? Im Hinterhof des Fridericianums werden die rund um den Platz aufgestellten Pappfiguren gesammelt.

Auch hier geht es entspannt zu. Der indonesische Kaffee schmeckt gut, die Tassen spült man selber. Der Skandal scheint weit weg, als hätte er sich ausschließlich in den Medien abgespielt. In den sozialen Medien überbieten sich die Kommentatoren zwar noch, doch vor Ort ist die Lage weitaus weniger aufgewühlt. Nur hundert Meter entfernt, an der Fassade eines C&A, hängt ein weiteres großformatiges Bild von Taring Padi, auf der anderen Seite der Fulda im Hallenbad Ost hunderte weitere ihrer großformatigen, figurenreichen Gemälde und Pappausschnitte.

Der viel kritisierte Auftritt des Kollektivs Subversive Film im Hübner-Areal zeigt heute ohne Erklärung Filmpropaganda der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) aus den 1970er und 1980er Jahren. Einige Jugendliche kichern, schauen aber nicht einmal auf den Bildschirm, andere nutzen den kühlen, dunklen Raum für ein kurzes Nickerchen. Währenddessen erklärt Arafat im Hintergrund den faschistischen Charakter des imperialistischen Zionismus. Dass sich Performer eines Kollektivs vor einigen Tagen lautstark mit Besuchern darüber gestritten haben sollen, ob die Israelis den Palästinensern dasselbe antun wie die Nazis den Juden, wird zwar berichtet, ähnliche Szenen sind aber nicht zu beobachten.

Ruhig war es in den vergangenen Tagen auch, weil alle Veranstaltungen im Documenta-Team wegen zahlreicher Corona-Fälle abgesagt wurden. Der Betrieb wurde erst am Abend des 29. Juni wieder aufgenommen. Jetzt soll es zur Sache gehen. Unter dem Titel „Antisemitismus in der Kunst“ luden die Documenta und die Bildungseinrichtung Anne Frank zu einer Diskussion ein.

Die Erwartungen waren hoch. Was seit Wochen und Monaten erfolglos gefordert oder abgesagt wird, soll nun stattfinden: eine Debatte mit allen Beteiligten. Und tatsächlich versammelten sich einige von ihnen auf dem Podium – andere wichtige Protagonisten des Skandals aber nur im Publikum. Und so zeigte der Abend vor allem, wie kompliziert die Situation geworden ist.

Man wolle zuhören und lernen, sagte ein Vertreter des Kuratorenkollektivs Ruangrupa in einer spontanen Rede aus dem Publikum, zu dem auch Documenta-Generaldirektorin Sabine Schormann gehörte. Zuhören und lernen, das war auch der Tenor der Begrüßung durch die Hessische Ministerin für Kunst und Wissenschaft, Angela Dorn.

Und auch der Philosoph Nikita Dhawan als Vertreter der postkolonialen Theorie und Adam Szymczyk als Vertreter der Kunstwelt und Kurator der vorangegangenen Documenta waren sich einig. Meron Mendel vom Bildungszentrum Anne Frank und insbesondere Doron Kiesel als Vertreterin des Zentralrats der Juden mussten daraufhin darauf aufmerksam machen, dass der Dialog nicht gesucht und nicht geführt werde.

Dorn fand klare Worte. Bereits im Januar schlug sie zusammen mit Claudia Roth einen Auftrag vor, erfolglos. Nun müsse ein „Klärungsprozess“ beginnen. Der Minister rief zu einer gemeinsamen Anstrengung auf. Antisemitismus kann nicht per Dekret beseitigt werden. Und vor allem muss man sich die Situation hier anschauen, denn der Antisemitismus in Deutschland ist nicht überwunden. Es gebe keinen Grund zur Überlegenheit, so Dorn weiter, die Welt habe sich nie von der deutschen Prägung erholt. Vieles wurde in dem umfassenden Statement des Ministers angesprochen, von den Strukturen bis zu den Inhalten. Doch im Folgenden blieb es weitaus unverbindlicher.

Hortensia Völckers von der Kulturstiftung des Bundes hielt sich merklich zurück. Die Bundesregierung zog sich 2018 – nachdem die Documenta mit einem finanziellen Desaster von Szymczyk endete – aus dem Aufsichtsrat zurück und eine angekündigte Reform ist bis heute nicht zustande gekommen. Eine weitere Baustelle, die nicht weiter vertieft wurde.

Es sei auch nicht möglich, alle geförderten Kunstprojekte zu überprüfen, so Völckers weiter, der Kampf gegen Antisemitismus sei nicht nur eine bürokratische Herausforderung. Das stimmt zwar, aber als Kommentar zu den weit verbreiteten Fehlschlägen der letzten Wochen war es wenig brauchbar. Der Wille, sich mit der Öffentlichkeit zu arrangieren, wurde zwar proklamiert, aber nicht umgesetzt.

Antisemitismus in der Kunst, gibt es etwas? Dhawan und Szymczyk verwendeten abstrakte Konzepte wie Intersektionalität und Multidirektionalität, hielten sich aber ansonsten bedeckt. Als Kiesel die These wagte, dass die postkoloniale Theorie trotz unbestreitbarer Erkenntnisse Israel immer wieder als imperiales Kolonialprojekt verurteilte, warnten die Angesprochenen vor einer Verallgemeinerung und Dämonisierung des Postkolonialismus – aber sie gaben keine Antwort. Es war ein ständiges Ausweichen. Deutlich angegriffen hielten sie an ihren geübten Abwehrreflexen fest. Kiesel war entmutigt, als er erklärte, dass ein Dialog unmöglich schien.

Auch Mendels Bemerkung, die Kunstwelt sympathisiere nicht nur mit „Boycott, Divestment and Sanctions“ (BDS), sondern es werde bereits vielfach ein „stiller Boykott“ praktiziert, um möglicher Kritik aus dem Weg zu gehen, verpuffte. An diesem Abend fragte sich niemand, wie wir dieser Entwicklung gemeinsam entgegentreten könnten. Der Mann aus Frankfurt wies den Weg, aber niemand folgte ihm.

Das Bündnis gegen Antisemitismus in Kassel, das BDS auf Flugblättern als antisemitisch kritisiert und Verbindungen zur Documenta aufzeigt, demonstrierte mit einem Banner und israelischen Fahnen vor dem Veranstaltungsort. Ein weiteres Beispiel für die Parallelwelten der Debatte. Der viel gepriesene Beginn der großen Debatte war enttäuschend. Das mag daran liegen, dass das Bedürfnis nach Schadensbegrenzung und Ausgewogenheit deutlich zu spüren war.

Unbeantwortet blieb jedoch die Frage, die Kiesel aufgeworfen hatte: Was bedeutet es für das Selbstverständnis einer Gesellschaft, wenn sich Antisemitismus in einer Form äußert, die in Kreisen, die sich als aufgeklärt verstehen, offensichtlich als ehrenhaft gilt, solange der „kulturelle Kontext“ ist richtig ?

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