Dienstag, August 9, 2022

Claudia Roth, lass die Documenta sterben!

CLaudia Roth hat ihr Amt als Kulturstaatsministerin erst wenige Monate vor Beginn dieser documenta angetreten. Und so könnte man zu dem Schluss kommen, dass sie persönlich keine Schuld an der antisemitischen Katastrophe in Kassel trägt. Sie trägt jedoch die Verantwortung dafür, wie es weitergehen soll. Ihr Fünf-Punkte-Plan hilft jedoch nicht, die documenta aus der Krise zu führen – im Gegenteil. Es gibt nur eine Möglichkeit: Die Bundesregierung muss dringend jegliche Unterstützung für die Documenta einstellen. Oder werden Sie aktiver Aktionär. Alles andere ist unverantwortlich.

Von außen stellt man sich die Documenta immer als einen großen, schweren Tanker vor, der kaum zu wenden ist – ein Prestigeprojekt von großer nationaler Bedeutung, über das das Kultusministerium regelmäßig informiert wird. Das Gegenteil ist der Fall, wie 2017 deutlich wurde, als sieben Millionen Euro Schulden nach Adam Szymczyks größenwahnsinniger Documenta zurückblieben, Geldkoffer nach Athen getragen wurden – und nun nicht mehr zu übersehen sind. Schon die Documenta 14 war eine organisatorische Katastrophe – und grundlegende Veränderungen wurden versprochen. Was passierte dann? Nichts.

Dafür stehen die Gesellschafter, die Stadt Kassel und das Land Hessen. Sie entscheiden – und haben alles dafür getan, dass das so bleibt. Der Bund darf Geld geben, aber mehr will man von Berlin in Kassel nicht sehen und hören. Aber Sie sind der Aufgabe nicht gewachsen. Dies ist nun das zweite Mal in Folge. Und im Mittelpunkt dieses Skandals steht: Oberbürgermeister und Aufsichtsratsvorsitzender Christian Geselle.

Zwei Plätze im Aufsichtsrat waren bisher Vertretern der Kulturstiftung des Bundes vorbehalten. Aber warum saßen die Vorstände Hortensia Völckers und Alexander Fahrenholz? seit März 2018 nicht mehr da? Man kann es so deutlich sagen: Sie wollten keine Verantwortung mehr übernehmen, wollten nicht mehr als Feigenblatt dienen, ohne Macht und Einfluss. Die Kulturstiftung hat sich – wie Kassel jetzt suggeriert – nicht heimlich aus der Affäre zurückgezogen: Sie schmetterte 2018 mit Pauken und Trompeten. Ganz einfach: Sie hatte die Nase voll. Am 15. März 2018 legte sie ihre Begründung schriftlich fest.

Das waren die Monate nach dem desaströsen Ende der Documenta 2017. Geselle entgegnete mit dem Hinweis, dass es keiner Abberufung der Gesellschafter bedürfe und laut Gesellschaftsvertrag nun zwei Aufsichtsratssitze vakant seien, die der Bundeskultur Stiftung könnte füllen. Völckers antwortete am 26. April 2018, dass sie diese Aufgabe nicht übernehmen wolle – und forderte Geselle auf, die Satzung anzupassen. Das geht problemlos – ja, das war sein Job. Am 31. Mai 2019 hat die Kulturstiftung des Bundes ihre Entscheidung schriftlich bekräftigt. Von der fristlosen Kündigung der damaligen Geschäftsführerin Annette Kulenkampff erfuhr sie erst aus der Zeitung. Der letzte Brief blieb unbeantwortet.

Diese Entscheidung der Kulturstiftung des Bundes kann als unbeaufsichtigt oder als Eingeständnis gewertet werden, dass die Bundesregierung die Entwicklung der documenta, die – man muss es so hart sagen – in einer antisemitischen Veranstaltung endete, nicht länger unterstützen wollte Bilder. Warum die finanzielle Unterstützung damals aufrechterhalten wurde, ist eine Frage, die jetzt geklärt werden muss. Aber wie ist es möglich, dass die Bundesregierung so machtlos agiert, machtlos ist?

Das erlebte auch Claudia Roth bei Geselle im Frühjahr, als ihr Büroleiter Andreas Görgen einen Vorschlag machte, wie man selbstkritisch mit Antisemitismus-Vorwürfen gegen die Documenta umgehen könnte: ein Expertenbeirat für die Aufsicht Vorstand in Kassel. Es heißt so viel wie: Hilfe holen, damit umgehen. Doch Christian Geselle flippte laut mehreren Quellen sofort aus und bellte, die Kunstfreiheit sei in Gefahr. Dieses Theater führte er bis zu dem denkwürdigen 18. Juni fort, als die antisemitischen Zeichnungen in Kassel gefunden wurden.

Und nun tue Geselle so, als hätte die Bundesregierung jederzeit eingreifen können, „an Sitzungen des Aufsichtsrats der Gesellschaft teilnehmen und entsprechende Informations- und Kontrollfunktionen wahrnehmen“. Es sieht so aus, als hätte sich Geselle nie darum gekümmert, die Tafel nach den Abgängen zu organisieren, sondern sie einfach leer gelassen. Allein das ist ein Skandal.

Umso wichtiger ist es, dass Claudia Roth jetzt klar Position bezieht. Aber es bringt nichts, alte, gescheiterte Strukturen wiederzubeleben, etwa jemanden aus der Bundesregierung in den Aufsichtsrat zu schicken. Es ist jetzt noch schlimmer, über Inhaltskontrollen nachzudenken. Zunächst müssen in Kassel Konsequenzen gezogen werden. Die Verantwortung muss Christian Geselle als Hauptverantwortlicher tragen. Sabine Schormann soll anbieten, ihren Lehrstuhl zum Ende der Documenta im September freizugeben. Sie war es, die 2018 von Oberbürgermeister Christian Geselle mit den Worten ins Amt geholt wurde, dass sie die Documenta neu aufstellen, dass sie die Organisationsstrukturen und die Ausstattung der Weltkunstausstellung komplett neu denken werde.

Der nächste Schritt muss eine grundlegende Strukturreform der Documenta sein. Es sollte immer und ausschließlich um Strukturreformen gehen. Inhaltlich muss sich die Politik raushalten. Die Documenta braucht eine Verantwortungsstruktur, auf die man sich verlassen kann, wie ein guter Museumsdirektor.

Wie erreichen Sie das? Entweder die Bundesregierung und damit die im Juli zu bestellende Nachfolgerin von Hortensia Völckers bekommt wirklich Einfluss und Macht, sie wird also Anteilseignerin – oder die Bundesregierung soll sich ganz aus Kassel zurückziehen. Und 100 Prozent: kein Geld, keine Unterstützung, keine Mandate. Es gibt keine andere Möglichkeit, sonst gibt es in fünf Jahren einen weiteren Skandal. Und das wäre einfach fatal.

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