Dienstag, August 16, 2022

Das Böse ist keine Naturgewalt

Bschlechte helden machen gute geschichten. Sie lügen und stehlen, intrigieren und betrügen wie die dunkelsten Figuren in einem Shakespeare-Drama – immer begleitet von der Frage, in was für einer Welt ein solches Verhalten von Erfolg gekrönt sein kann. Wayne Jenkins ist einer dieser Typen, für die man kaum Sympathien hegt, aber als Zuschauer dennoch eine gewisse Faszination auf einen ausübt. Er ist ein „Dirty Cop“, ein Cop, der seine Rolle so sehr missversteht, dass er von einem Gangster in Uniform nicht zu unterscheiden ist. Drogen und Geld fließen in die eigene Tasche, wie ein Raubritter streift er mit seiner Spezialeinheit durch die Straßen von Baltimore. Beweise werden gefälscht, seine Machenschaften vertuscht und vertuscht. Es ist eine eigene Welt, in der sich Jenkins und seine Kumpane unantastbar und unverwundbar fühlen.

Geradezu brillant verkörpert Jon Bernthal („The Punisher“) die Rolle: als krankhaft ehrgeiziger und nach Anerkennung strebender Charakter, stets bestrebt, die Erwartungen seines Umfelds nicht nur zu erfüllen, sondern zu übertreffen. Schuldgefühle sind ihm fremd, er beharrt auf seinen Leistungen. Und er strahlt sogar so etwas wie Charisma aus, kann andere mitreißen und begeistern. nur für was? Er ist kein mit Drogen vollgepumpter kaputter Typ wie Nicolas Cage in Werner Herzogs „Bad Lieutenant“, kein Aussteiger, sondern ein Aufsteiger, der seine ethische Orientierung seinem Ehrgeiz und Anpassungsdrang geopfert hat. Man könnte sagen: ein Claas Relotius der Polizei, der hoch hinaus wollte und dann tief fiel. Seine Hybris ist sein Untergang.

„We Own This City“, tönt Jenkins vor seinen Kollegen – und gibt der Miniserie damit den Titel. Was kann ihnen passieren? Auch als sich die Beweise einer internen Untersuchung häufen, zeigt sich Jenkins bewusst unbeeindruckt. Sein Vertrauen ist zu groß, um als Polizist das Gesetz auf seiner Seite zu haben, aber selbst außerhalb davon zu stehen. Es ist auch ein Blick auf die Institution der Polizei in den USA. Vor allem die ärmere Bevölkerung sieht sie weder als Freunde noch als Helfer. Immer wieder sterben Menschen durch Polizeigewalt, es gibt Demonstrationen und Forderungen nach teilweise radikalen Reformen. Nach dem Tod von Freddie Gray kam es in Baltimore zu Aufständen und die Straßen brannten. „We Own This City“ greift diese Ereignisse und Diskussionen auf.

Und auch sonst muss die Serie nicht viel Realität erfinden, sondern nimmt sich diese – „basierend auf wahren Fakten“ – als Vorlage. We Own This City ist der Titel eines Buches von Justin Fenton, einem Reporter der Baltimore Sun. Darin schreibt er über den 2017 aufgedeckten Skandal der Gun Trace Task Force des Baltimore Police Department. Viele der Beteiligten wurden zu langen Haftstrafen verurteilt, Jenkins allein zu 25 Jahren. Die Öffentlichkeit war erschrocken und Rufe nach einer grundlegenden Änderung wurden laut. David Simon und George Pelecanos haben daraus ein Drehbuch für sechs Folgen gemacht, und Reinaldo Marcus Green („King Richard“) wurde engagiert, um Regie zu führen.

David Simon kehrt 14 Jahre nach seiner Kultserie The Wire nach Baltimore zurück. In „The Wire“ zeigte der langjährige Polizeireporter der „Baltimore Sun“ den Niedergang der Ostküstenmetropole. Alle Institutionen der Stadt, von der Polizei über die Gewerkschaften bis hin zum Bildungswesen, erweisen sich als korrupt und sind von innerem Verfall bedroht. Eine düstere Gesellschaftsdiagnose, aber auch ein nüchterner Blick auf aktuelle Entwicklungen, der auch in „We Own This City“ vorherrscht. Individuelle Schuldzuweisungen erweisen sich ebenso als wenig hilfreich wie einfache Deutungsmuster, die nur schwarz auf weiß kennen. Ein solcher Realitätscheck ist das beste Korrektiv für Aktivismus im Stil von Black Lives Matter.

Rassismus spielt in „We Own This City“ eine Rolle, aber nicht als quasi-metaphysische Universalformel. Wichtiger ist Simon ein Thema, das er in The Wire angesprochen hat: der sogenannte War on Drugs. Es ist ein verdeckter Bürgerkrieg, der nicht mit polizeilichen, sondern nur mit sozialen Mitteln zu gewinnen ist. Für Simon ist es eine fatale Orientierung, die zu weiteren Fehlanreizen führt. Politiker geben den Polizeinummern, die sie treffen sollen. Die Statistik verschleiert die Sinnlosigkeit des eigenen Handelns. Aber es ist dieser Mangel an wirklicher Bedeutung, der es Charakteren wie Wayne Jenkins ermöglicht, sich in einer zynischen Umgebung wie ein Fisch im Wasser zu bewegen.

„We Own This City“ ist zwar nicht das große Gesellschaftspanorama wie einst „The Wire“, aber ein prägnantes Schlaglicht. Das ausgeklügelte Drehbuch, die dichte Atmosphäre und die großartigen Darsteller, die teilweise sogar aus „The Wire“, einem besonderen Leckerbissen für Fans, bekannt sind, garantieren Spannung und einen vielschichtigen Blick auf die Realität. Und ganz nebenbei beantwortet „We Own This City“ auch die Frage, warum wir die Auseinandersetzung mit dem Bösen in der Kunst suchen sollten. Es ist keine Naturgewalt, die unerwartet über die Menschen kommt. Im Gegenteil: Wie man handelt, hängt ganz banal von den Gegebenheiten ab, die man vorfindet. Was Sie an Charakteren wie Wayne Jenkins fasziniert, ist ihre Durchschnittlichkeit und Normalität.

„We Own This City“ ab 29. Juni auf Sky

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