Samstag, August 20, 2022

Das Gedächtnis ist ein lausiger Verräter

Da Zwei Personen sitzen sich in einem blau getönten Raum gegenüber. Die Tür ist offen. Die Frau, sie ist Kommissarin, würde es sonst in diesem Raum nicht aushalten. Sie sind beide behindert. Auch verzweifelt.

Sie, Brasch heißt sie, wird im neuen Magdeburger „Polizeiruf“ in rotstichigen, körnigen Filmszenen ständig heimgesucht, von Erinnerungen daran, wie ein Pärchen aus der Hölle sie eingesperrt, gedemütigt, gequält hat, bis sie erstochen wurde.

Er, Adam heißt er, ein bleicher junger Mann mit Haaren, die kaum zu zähmen sind, Blutspritzer über Hemd und Gesicht, und sein Gedächtnis lässt ihn im Stich. Er tötete einen Mann im Zug. Und er weiß nicht warum.

Sie waren so glücklich gewesen, er und sein Freund, auf dem Weg zu seinen Eltern. Dann kam der Mann, rief in sein Handy. Und dann stand der Junge auf und schnappte sich den Nothammer von der Abteilwand. Und schlug immer wieder wie verrückt zu. Bis das Blut spritzte, bis er den Mann überwältigte.

Vieles zieht sich wie ein roter Erzählfaden durch diese Sonntagabend-Krimisaison, die nun mit dem neuen Magdeburger „Polizeiruf 110“ zu Ende geht. So ziemlich alles findet sich in der „Black Box“ von Zora Holtfreter (Drehbuch) und Ute Wieland (Regie).

Die Ermittlerinnen in „Tatort“ und „Polizeiruf“ haben ihre männlichen Kollegen nicht nur zahlenmäßig eingeholt (was höchste Zeit ist), sie haben auch bei der psychischen Konditionierung und Störung eine mit zwölf vergleichbare Komplexität erreicht -Ebene Kommissar Faber-in-Dortmund Skala bleibt nicht selten bei satten zehn hängen. Ihre Biografien und ihre Traumata wüten in ihnen herum. Sie werden von sehr alten oder kaum überholten Geistern, Geschichten heimgesucht.

Unter anderem deshalb, und weil der Gegenwart insgesamt nicht mehr zu trauen ist, hat die Erinnerung eigentlich alle irgendwie gesellschaftsrelevanten Themen ersetzt, die sonst – mühselig und abwechslungsreich mindestens dreimal hintereinander – bis zum Erbrechen erzählt wurden. Der Sonntagabend-Krimi „Theme Night“ ist Geschichte. Politisch wird es selten. Flüchtlinge, Nazis – überall. Die Erinnerung spricht. Oder nicht. Und wenn sie spricht, tut sie es so, wie sie es im wirklichen Leben gerne tut. Anarchisch. Kunstvoll chaotisch.

Was wiederum Konsequenzen für das Storytelling hat. Der klassische No-Nonsense-Ermittlungsthriller – Mord, Verhör, Wo warst du Sonntag, tot? Mein Mann? Schuss? Mein Mann“, jagen, wegführen, Wurststand, alles ist im Gleichgewicht in der deutschen Justiz – funktioniert nicht mehr, wenn man sich nicht mehr auf Erinnerungen verlassen kann. Das Zeitkontinuum ist ausgesetzt, die Chronologie.

Es gibt einen solchen Sprung zwischen den Zeitebenen, dass man manchmal nicht genau weiß, wo man steht und was – zum Teufel – die eigentliche Geschichte ist. Die neuen Retrospektiven-Spiele sind so komplex, dass Sie mehr als früher zum wahren Erleuchter des Abends werden. Wer den Sonntagabend-Krimi im linearen Fernsehen sieht, was nur die wenigsten tun, darf das Wohnzimmer anderthalb Stunden nicht verlassen. Du hast einen Flashback verpasst und bist verloren.

In die „Black Box“, eine Art Fahrtenschreiber in der Luftfahrt, der alles aufzeichnet, was am Ende vielleicht zu einer Katastrophe geführt hat, führt Brasch das zweite Beinlabyrinth, in das sie ihre überdimensionale Intuition und ihren noch größeren Widerstandsgeist einsetzt alle von den Behörden erlassenen Denk- und Untersuchungsverbote, nach und nach bis zu Adams Anfängen.

Die beiden Behinderten aus dem bläulichen Anfang dieser Geschichte erkennen sich wieder. Und Brasch lässt nicht locker. Kann nicht abgelenkt werden, kann nicht kalt gelassen werden. Nicht von dem fürsorglichen, devoten Chef, der sie zurück zum Polizeipsychologen schicken will, solange sie geschlossene Räume nicht ertragen kann. Es heißt bräunlich. Brasch: „Ich gehe zu niemandem, der Bräunlich heißt.“

Nicht von Adams Eltern – er, der frühere LKA-Chef, der noch genau weiß, wo die Knöpfe sind, um subalterne Kommissare größtmöglich unter Druck zu setzen, sie war früher der Gigant der Gedächtnisforschung, der genau weiß, wie man Gehirne manipuliert und manipuliert Erinnerungen. Überall auf dem Weg bauen Holtfreter und Wieland wechselnde Rückblenden auf. Sie können nichts verpassen, was darauf steht.

Die Farbdramaturgie der einzelnen Geschichtsschichten ist äußerst fein abgestimmt. Alles wird mit einer beängstigenden Intensität gespielt. Was Sie von Claudia Michelsen, der Extremsportlerin des Minimalismus, als Brasch gewohnt sind. Eloi Christs Adam ist nicht viel hinter ihr. Sven-Eric Bechtolf und Corinna Kirchhoff sind die perfekten liebevollen Eltern aus der Hölle in der klirrenden Kälte, zu der sie fähig sind.

Black Box ist ein würdiges Staffelfinale bis zum Schluss. Und dann sind da noch die letzten zehn Sekunden. Wo so etwas wie Befreiung stattfindet in Räumen, die fortan nicht mehr offen bleiben müssen. Und wo Claudia Michelsen als Brasch, dieses immer etwas störrische Einfühlungsmonster, etwas tut, was man in dieser labyrinthischen Kältekammer nicht mehr für möglich gehalten hätte. So lange muss man durchhalten. Unbedingt. Und dann ist Sommerpause. Uff.

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