Donnerstag, September 29, 2022

Das ist der erste Höhepunkt der „Tatort“-Staffel

EEs gibt eine Fabel, die in Schwaben seltsam beliebt ist. In Stuttgart. Genauer gesagt im Stuttgarter „Tatort“. Die Fabel stammt ursprünglich von Aesop und handelt von zwei Fröschen, die in ihrer Not – manchmal war es schon im alten Griechenland so trocken, dass Amphibien starben – in einen Eimer mit fetter Milch sprangen. Da hatten sie Glück. Und wieder nicht.

Sie wollten wieder raus aus dem Eimer. Aber es hat nicht funktioniert. Die Wände waren zu glatt. Sie traten und traten. Einer gab auf und ertrank. Der andere trat die ganze Nacht durch. Am Morgen hatte er die Milch in Butter getreten. Und wenn er nicht gestorben wäre…

Natürlich kommt der Stuttgarter „Tatort“ ohne Frösche aus, aber in letzter Zeit setzt er gerne Menschen peinlichen Situationen aus und sieht ihnen dann beim Herumtollen zu. „The Man Who Lies“ war so ein Fall. „Anne und der Tod“ ein anderer. Sie sind eigentlich ganz nett, die Mörder. Du kannst sie verstehen. Aber das hilft ihnen nicht.

Sie verstricken sich in ein immer dichter werdendes Netz aus Lügen, das sie schließlich erwürgt. Sie können die fette Milch, in die sie gekippt werden, einfach nicht buttern. Was auch richtig ist, denn sonst würde es unserem Rechtsverständnis widersprechen und unsere Rechtsordnung untergraben. Mörder müssen einfach runter. So sagt das Gesetz. Auch die des Sonntagabendfernsehens.

Und jetzt kommen wir zu einem ganz besonderen Frosch. Sein Name ist Ben. Er hat alles. Ehefrau, Villa, zwei Kinder namens Fritzi und Franz, seine Anwaltskanzlei will ihn zum Partner machen. Er fährt spät in der Nacht durch einen ziemlich apokalyptischen Regen. Sie können nichts mehr sehen. Früher wurden auf der Strecke rund um Schloss Solitude Bergrennen ausgetragen. Man sagt, dass diejenigen, die nicht schnell genug unten ankamen, verhungerten.

Ein Obdachloser schiebt sein Fahrrad den Hügel hinauf zum Schloss. Ben verhandelt, während er in seinem SUV fährt. Er greift zurück. Vorne nimmt er den Obdachlosen mit. Ben hält an, Ben schaut zu, Ben fährt weiter. Der Radfahrer, den sie Foxy nannten, lebt noch fünf oder sechs Stunden im Graben. Dann ist er tot.

Niki Stein hat den „Tatort“ geschrieben. Er führt auch Regie. Man muss ihn sich als ziemlich fiesen Anthropologen vorstellen. Von dem Moment an, als Ben der Mann über das Auto fällt, beobachten wir ihn. Wie er kämpft, wie er sich verheddert. Wie sein Leben auseinander bricht, immer enger wird.

Irgendwann trägt er eine Halskrause, aber das hat nichts mit Strangulation zu tun. Aber mit Symbolik. Und aus Versehen. „Der Mörder in mir“ hat von beidem mehr, als eigentlich für einen Krimi gut wäre.

Nehmen wir einfach die Mütze des Opfers. „Foxy“ steht darauf. Sie ist rot. Foxy wurde der tote Mann genannt. Nach der Detektivtheorie ist „Foxy“ ein klassischer MacGuffin, ein Objekt, das im Wesentlichen bedeutungslos ist, aber mit Bedeutung aufgeladen wird, wenn es von einem Verdächtigen, von einem Ort zum anderen reist, sich wie ein roter Faden durch eine Mordgeschichte zieht und sie zusammenhält.

Dass der Hut in Bens Heckwischer hängen bleibt, ist dank Niki Stein eher unwahrscheinlich. Dann landet sie aus Versehen in der Autowaschanlage, wo Ben sein kaputtes Mobil von allen Spuren reinigen lassen will.

Es ist zufällig eine Frau im Dienst, die früher Stewardess war, also bedürftig und alleinerziehend ist und zufällig die Mutter von Helge ist, der wiederum in die gleiche Klasse wie Franzi, die Tochter von Ben, geht wohnt um die Ecke von Bens Villa. Sie findet Foxys Hut.

Um kurz in die Automobilgeschichte abzuschweifen: Der „Tatort“ von Niki Stein gleicht dem Motorraum eines Oldtimers. Heutzutage werden Motoren oft in eine Art Kapsel verpackt, damit sie nicht so aufheulen.

Die Mechanik von Steins „Tatort“-Motor ist immer offen für alle. Jedes Symbol, jeder Satz, jedes Motiv hat seine Aufgabe. Es gibt keine Kapseln. Und doch wird aus der genialen Konstruktion – man kann sie postmodern nennen – eine berührende Geschichte. Das wiederum hat – abgesehen von den wirklich herausragenden Schauspielern – mit einem Gespenst zu tun. Mit Fuchs.

Sein Gesicht sehen wir kaum. Trotzdem ist er nicht irgendein Opfer im Graben. Stein erzählt ihm eine Geschichte. Dass er auf dem Weg zum Grab seines Sohnes war. Bis zum Todestag. Der Sohn starb an Leukämie. Sein Tod warf ihn aus der Bahn. Er hatte den alten Kuschelhasen dabei.

Foxy entwickelt sich von jemandem auf der Straße zum moralischen Treibstoff für die Ermittlungen von Bootz und Lannert, den nüchternen Detektiven. Sie wollen Ben nicht davonkommen lassen, auch wenn er vielleicht nur einmal falsch abgebogen ist, was jedem passieren kann.

Sie entwickeln einen folgenschweren Rigorismus. Was, fragen sie, was wäre, wenn das, was Ben getan hat, Gesetz werden würde, wenn – womit sie sympathisieren – er entkommen dürfte.

Wie wäre es für einen Detektiv, einen Mörder aus Mitgefühl, Abwägung der Konsequenzen für alle Beteiligten und der Tatsache, dass sein Opfer womöglich sowieso nicht mehr lange gelebt hat, davonkommen zu lassen? Richy Müller (Lannert) und Felix Klare (Bootz) könnten ihren Job in Stuttgart aufgeben, was schade wäre.

Denn nur allzu gerne folgt man den beiden ehrlichen Fröschen im buttrigen Stuttgarter Biotop durch alle Milcheimer Baden-Württembergs, zu all ihrem Getrappel und Trab. Und weil dabei immer ein gutes Stück Butter herauskommt.

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