Samstag, August 20, 2022

Der deutsche Romantiker, der Weltruhm erlangte

NNatürlich hat Novalis recht. Von ihm stammt die romantische Weltformel. Dort heißt es bekanntlich: „Der geheimnisvolle Weg führt nach innen.“ ETA Hoffmann, einer seiner größten Fans, hätte dem nie zu widersprechen gewagt. „Der unerschöpfliche Diamantenschacht unseres Inneren“ war ihm auch heilig. Aber der Weg dorthin? Nun, er ging lieber zuerst in den Tiergarten. Umwege erhöhen die Ortskenntnis. Und der Mann verstand etwas von Umwegen. War er nicht in erster Linie ein ausgezeichneter Anwalt? Wollte er nicht vor allem ein genialer Komponist werden? Zur Literatur kam er jedenfalls über einen sehr verschlungenen Weg. Im Grunde dauerte seine literarische Karriere nur ein gutes Dutzend Jahre. Und ja, der Zoo spielt dabei eine nicht unerhebliche Rolle.

„Der Berliner Spätherbst hat meist noch ein paar schöne Tage“: So beginnt en passant das große, überschwängliche, unvergleichliche Werk des einzigen deutschen Romantikdichters von Weltrang. So lautet der erste Satz seiner ersten Geschichte – übrigens mit einer kleinen Verbeugung vor Diderot, einem weiteren seiner literarischen Hausgötter. Wer wollte nicht mehr lesen? Wer möchte nicht wissen, was der Spätherbst in Berlin für den Erzähler bereithält? Wer würde ihn nicht gleich auf seinem Spaziergang zum Tiergarten begleiten, wo es ihn in die (nicht mehr existierende) Vergnügungsmeile „In den Zelten“ zieht. Dort erwartet ihn eine ganz besondere Begegnung.

Es ist ein Mann, der dem Erzähler wegen seines veralteten Anzugs sofort ins Auge fällt. Scheinbar versteht er etwas von Musik, denn er beschwert sich wortreich und gehässig über die Band, die unter freiem Himmel produziert. Der Erzähler lässt den Fremden lange Zeit sein Geheimnis bewahren. Schließlich sind sie beide urbane Menschen, sie lieben die Anonymität der Stadt. Und beide neigen zum Scherz, zur Pointe, was man schon daran erkennt, dass der Fremde den Erzähler zunächst verstehen lässt: „Ich kenne dich nicht, aber du kennst mich auch nicht.“ Nach mehreren zufälligen Begegnungen im darauffolgenden Spätherbst In den Tagen in Berlin findet der Erzähler schließlich heraus, mit wem er es zu tun hat. „Ich bin der Ritter Gluck“: So schließt der Text, der Hoffmanns literarischen Durchbruch markiert, souverän und nicht ohne ein leichtes Schaudern. Seit ihrem Erscheinen im Jahr 1809 folgten in rascher Folge literarische Veröffentlichungen. Bis Hoffmann am 25. Juni 1822 im Alter von nur 46 Jahren in seiner Wohnung Taubenstraße/Ecke Charlottenstraße am Gendarmenmarkt starb. Er ist der meistgelesene deutsche Schriftsteller seiner Zeit.

Und der Ritter Gluck? Nun, dieser Erneuerer der Oper, Vorläufer von Hoffmanns geliebten Mozart und Beethoven, Christoph Willibald Gluck, er war zum Zeitpunkt des Treffens im Berliner Tiergarten schon mehr als 20 Jahre tot. Aber waren nicht zwei niederländische Naturforscher des 17. Jahrhunderts, Leeuwenhoek und Swammerdam, alle 1820 in Frankfurt? Zusammen mit dem Langzeitstudenten George Pepusch, der glaubhaft behauptet, die Distel Zeredith zu sein?

Wer ist schon in der bürgerlichen Charaktermaske versunken, die er sich aufgesetzt hat? Zumindest nicht der hoch verdienstvolle Archivarius Lindhorst, von dem der aufstrebende Dichter Anselmus bald erfährt, dass Lindhorst eigentlich ein Feuersalamander ist. Deshalb ist auch seine kleine Tochter Serpentina, in die sich Anselmus Hals über Kopf verliebt, eine veritable kleine Schlange. Und doch zieht er Serpentina der nicht minder hübschen Veronika vor, die er dann gerne dem Standesbeamten Heerbrand überlässt, bei dem sie Frau Hofrat werden kann. Anselmus träumt lieber von einem „Herrenhaus in Atlantis“.

Waren wir nicht auf dem Weg nach drinnen? Aber ja, und wir sind immer noch, haben sogar gute Fortschritte gemacht. Denn das Wissen um die „innere Welt“, die sich Hoffmann natürlich als die „Höhere“ vorstellt, beinhaltet die Erkenntnis, dass wir alle multiple Wesen sind, nicht nur identisch mit unserer Alltagsausstattung im Hier und Jetzt, sondern auch in längst vergangene und ausgedehnte Zeiten in weit entfernte Zonen. Allerdings versichert ETA Hoffmann seinen „lieben Lesern“ immer wieder, dass „jenes herrliche Reich“, das sich erst auf dem Weg nach innen auftut, „viel näher ist, als man sonst denkt“.

Das war es, Hoffmanns ureigene Entdeckung, auch zum „serapiontischen Prinzip“ erhoben: Die Innenwelt beginnt in der Außenwelt. Hoffmann benannte dieses Prinzip nach dem frühchristlichen Märtyrer Serapion, den der Dichter um 1810 in einem Wäldchen bei Bamberg entdeckt haben will, wo der Einsiedler, der sich in der „Thebaischen Wüste“ bei Alexandria wähnte, den Gast nach seinem Empfang gerne empfängt hatte gerade Besuch von Dante und Ariosto. ETA Hoffmann zögert nicht, diesen Serapion einen Verrückten zu nennen.

Er kennt die psychiatrische Literatur seiner Zeit wie kein anderer romantischer Schriftsteller und ist zudem mit dem Bamberger Arzt und Direktor des „Irrenhauses“ Albert Friedrich Marcus befreundet, der Serapion das Leben als Einsiedler im Hain und damit ermöglichte in erster Linie außerhalb seiner Institution. Aber Hoffmann weiß auch, dass dieser irreversible, wenn auch friedliche Wahnsinn nur der Höhepunkt einer langen Reihe von Ausflügen in das Reich des Imaginären ist, Ausflüge, die jeder sensible und kreative Mensch unternimmt.

Die verschiedenen Lebensabschnitte im Wahnsinn werden schnell zum Hauptthema von ETA Hoffmann. Sie haben sich nicht selten mit dem Grausamen und Unheimlichen in Verbindung gebracht. Das brachte dem Autor dann die Zuordnung zur „schwarzen Romantik“, das Label „Ghost Hoffmann“. Und tatsächlich sieht man den Goldschmied Cardillac aus dem Kriminalroman „Miss de Scuderi“ oder den Mönch Medardus, den Helden der Gothic-Roman „Die Elixiere des Teufels“, diesem Genre zuzuordnen. Die zerstörerischen Energien beider, die übrigens aus frühkindlichen Traumatisierungen stammen, die Hoffmann auch als erster zu einem strukturbildenden Merkmal seiner Protagonisten machte, führen schließlich zu Mord und Totschlag. Bei einer anderen berühmten Figur, Nathanael aus der Erzählung „Der Sandmann“, führen frühkindliche Traumatisierungen zur Selbstzerstörung: Der Held stürzt am Ende von einem Turm in den Tod.

Keine Frage: Diese Spielarten des Wahnsinns, die auch mit anderen Störungen wie Persönlichkeitsspaltung, Doppelgängertum und dem, was der große Germanist und Romantiker Jochen Schmidt „isolationistische Selbstbezogenheit“ nannte, kombiniert werden, sind diejenigen, die besonders häufig vorkommen die internationale Rezeption von ETA Hoffmann spielte dabei die Hauptrolle. Sie greifen ein romantisches Gesamtmotiv auf. Aber Hoffmann gestaltet diese Spielarten so vielfältig und differenziert, weil er selbst für manche empfänglich war.

Ja, anders als Novalis, Ludwig Tieck oder später Joseph von Eichendorff war ETA Hoffmann der Zerrissene unter den Dichtern der deutschen Romantik. Es war schon seine Position, es war (letztendlich) ein Mitglied des Obersten Gerichtshofs mit sehr angemessenem Gehalt, es war ein langjähriger Musikdirektor auf verschiedenen Bühnen, der einen der großen Opernerfolge seiner Zeit landen konnte mit seiner „Undine“. Aber natürlich lag es in erster Linie an seinem Charakter. Der quirlige, hektische, exzentrische kleine Mann, für manche ungeheuer unterhaltsam, ziemlich unheimlich und zudem, wie sein Freund, der Verleger Hitzig, behauptete, mit einem „Auftritt, der um nichts weniger als Annäherung bat“, war er geradezu von immer neuen Ideen heimgesucht die er nur zu einem Bruchteil realisieren konnte.

Zumal er sich im Laufe der Zeit und vor allem in seinen letzten Berliner Jahren angewöhnt hat, seine Ideen in Gesellschaft seiner Saufkumpane, allen voran des Schauspielers Ludwig Devrient, in die stickige Luft des Weinlokals „Lutter und Wegner“ zu werfen . Hier schlug er sein Quartier auf, hier empfing er seine Freunde, hier saß er jeden Abend bei Wein und Punsch bis in die frühen Morgenstunden, redete, fantasierte, probierte Geschichten aus, die er dann am nächsten Tag ebenso atemberaubend schnell schrieb und fieberhaft, als er sie niederschrieb, wie er sie zuvor artikuliert hatte – falls er sich noch an sie erinnerte.

Denn ja, zur ganzen Wahrheit über den großen Autor ETA Hoffmann gehört auch, dass seine Texte manchmal nicht durchgearbeitet und stilistisch nicht immer ausgefeilt sind. Ganz zu schweigen davon, dass er manchmal den Überblick verlor und dann seinen Verleger fragen musste, was es mit dieser oder jener Figur eigentlich auf sich hatte.

Keine Frage, hier spielt auch die Flucht vor sich selbst eine Rolle, und ein selbstzerstörerischer Zug macht sich bemerkbar. Führt der mysteriöse Weg nach innen? Das stimmt. Aber es bringt auch einen Blick in die eigenen Abgründe mit sich. Drohungen von außen störten Hoffmann nicht. Er erlebte die Schlacht um Dresden 1813, sah Eingeweide aus toten Soldatenkörpern quellen, blickte mit einem Glas Wein in der Hand neugierig auf die Leichen. Was damals entstand, war die Novelle „Der goldene Topf“, zweifellos die leichteste seiner Geschichten. Doch als er ins Innere blickte, stieß der Dichter auf Dämonen: Ängste, Schamgefühle, nicht zuletzt Hass auf seinen schmächtigen Körper, unter dem er ganz ungewöhnlich litt.

Dennoch blieb er dem internen Weg treu. Was hielt die Außenwelt seiner Zeit für ihn bereit, wenn man sich ganz auf sie beschränkte? „Höllische Teequalen“ und Salons, deren Kunstanspruch ihn so langweilte, dass er sein „Weinhausleben“ entschieden vorzog. Oder die reaktionären Tendenzen der Zeit mit ihrem Herumschnüffeln aus Angst vor „Demagogen“ – davon zeugt seine Demontage des Berliner Polizeipräsidenten von Kamptz in Hoffmanns letzter „Meister Floh“-Novelle. Entstanden ist das Porträt eines „Verdachtsphilologen“, wie Rüdiger Safranski es nannte, also: eines „schrecklichen Juristen“, der der Ansicht war, wer den Verbrecher zuerst findet, könne ihn schnell „aufdecken“. ein Verbrechen.

Er machte sich aber auch über die sogenannten Progressiven lustig – etwa im Märchen „Der kleine Zaches, genannt Zinnober“. Dort regiert ein Prinz, der mit seiner „Aufklärungspolizei“ Wunderglaubende verfolgen lässt und vor allem Feen „in das kleine Land Dschinnistan“ verbannt. Selbst eine Naturwissenschaft, die den Anspruch erhebt, alle Phänomene rational erklären zu können, stieß bei ETA Hoffmann auf Hohn und Spott. Also blieb er bei dem alten Mann aus Weimar, der ihn um zehn Jahre überleben sollte. Denn die große Schlussrede von Peregrinus Tyss in „Meister Floh“ gipfelt in der Goetheschen Maxime: „Das höchste Glück des denkenden Menschen ist es, das Erforschbare zu erforschen und das Unerforschliche still anzubeten.“ Aber das geht nur, wenn man den Weg hinein geführt hat.

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