Donnerstag, September 29, 2022

Der Mann mit dem goldenen Phallus

ichn Bayreuth ist nun drei Jahre nach den Festspielen vor den Festspielen gewesen. Während auf dem Grünen Hügel die Leere gähnt, weil das Wagner-Team bereits in den Urlaub geflüchtet ist, sind unten im Markgräflichen Opernhaus, vergoldet nicht nur mit dem Status als UNESCO-Weltkulturerbe, die Darmsaiten gespannt und die Naturhörner warm -geblasen. Vor allem die Countertenöre werden fit gemacht.

Denn der Bayreuther Barockregisseur (und Countertenor) Max Emanuel Cencic versammelt seingleichen gerne im prachtvollen hölzernen Theatersaal der komponierenden Markgräfin Wilhelmine zu seinem neuen Festspiel, das bereits seine eigene, märchenhaft schillernde Inszenierung ist. Doch Cencic, der elf Tage lang besondere Raritäten der hier einst gespielten neapolitanischen Oper kultivieren will, weiß ganz genau, wie er sich als Regisseur, der dem visuellen Spektakel nicht abgeneigt ist, angesichts des alten Glanzes behaupten muss .

Hier auf der Bühne quietschen also die Farben und quietschen die Gummibrüste. Ein goldener Phallus (zu finden in Metastasios Original-Libretto) wird für die Belcanto-Schlacht verwendet, ebenso wie Elefanten, Kamele und Pferde als Fahrzeuge.

„Alessandro’nelle Indie“ des Neapolitaners Leonardo Vinci (1690 bis 1730), uraufgeführt kurz vor seinem (vermeintlichen) Vergiftungstod durch einen Liebesrivalen, stellt den weinenden indischen König Poro dem griechischen Krieger Alexander dem Großen vor, der nicht sehr begabt ist heroisch hier, vor allem aber seine Schwester und eine benachbarte Königin als eifersüchtige Schlangen gegenüber. Natürlich werden alle Schlachten in erster Linie mittels Stimmschmuck ausgetragen.

Dieses „dramma per musica“ stellte schon im Barock Geschlechterverhältnisse und Machtpositionen satirisch auf den Kopf. Hier ist alles Stimmengold was glänzt, natürlich irren sich die Frauen. Denn die Oper wurde für Rom komponiert, wo damals keine Frau auf der Bühne singen durfte, sondern nur die Kastratenfavoriten der verschiedenen Geistlichen.

Deshalb heißt es jetzt – Willkommen in der neuen, vielfältigen, schillernden Welt! – in Bayreuth die einzige Frau im Graben: Die Dirigentin Martyna Pastuszka führt ihr polnisches Orkiestra mit packender, lauter und leiser Musikdramaturgie durch die fast fünf nie langweilig werdenden Stunden Spielzeit.

Der Weltherrscher Alexander wird hier nur am Rande thematisiert, er ist eher ein Wurm als ein wütender Bastard. Der schlaue Max Cencic setzte ihn auch stilistisch mit dem extravagant extravaganten König Georg IV. (reg. 1820-1830) gleich. Was Mayaan Licht gerne in smarter Regency-Klamotte und mit bequemer Kehle tut.

Rotgoldenes Pseudo-Indien-Ambiente à la Royal Pavilion in Brighton mischt sich mit bewusst kolonial klischeehaften Exotismus-Fantasien. Darin sind sogar die haarigen Bayaderes Kerle (mit eigenem Drag-Make-up-Berater!). Und es gibt ein sonderbares Feuerwerk an Bollywood-Hopfenkapriolen, wenn die Sixpack-Bäuche ebenso wackeln wie die Hüften und Ärsche.

Es wird nie nur eine üppige, alberne Schwulenshow, der Regisseur bremst geschickt die Unterhaltung. Es gibt auch intime Momente der Liebe wie Selbsterkenntnis in der Dämmerung.

Doch dann wieder verweisen halbnackte Königskobras, opulente Loungesessel und immer schriller glitzernde Outfits auf ein weiteres Mini-Theater im Palastzimmer, das sich fremde Kulturen aneignet: In ihm wird eine dritte Ebene der Verfremdung eingeführt, wenn die pathetische Formelnatur des barocken Musiktheaters weicht ebenfalls augenzwinkernd einer in aller Inbrunst der Sängerinnen zitternden Bosom Up Opera verwandelt.

Das ist vor allem das Geschäft des sonst so rassigen Countertenors Jake Arditti (Sohn des Hardcore-Modern-String-Quartett-Principals Irving), der als zickige Erissena mit falschen Wimpern unter dem Strass-Diadem schadenfroh empört klimpert und wie eine Diva gekonnt seine Soundflakes abfeuert. Übertroffen wird er darin nur von der eigentlich fast perfekten Frau, der brasilianischen Sopranistin Bruno de Sá als machtmanipulierende Cleofide.

De Sá glänzt derzeit auch mit einem hinreißenden Erato-Album mit weiblichen Arien für Kastraten dieser sehr musikalischen Roma-Travestita (das Programm wird auch in Bayreuth zu hören sein). Aber live steigert er sich zu einer fabelhaften Schauspielwunder-Madame von intimen und virtuosen Tönen. Viele Frauen würden angesichts dieser perfekt gefälschten Operndame morden.

Der permanent extrovertierte Franco Fagioli, der schon bei den beiden anderen Cencic/Vinci-Extravaganzen („Artasere“ 2013 in Nancy mit fünf Zählern, „Catone in Utica“ 2015 in Wiesbaden mit vier) mitwirkte, ist nicht nur eine Inderin Carmen Miranda als Poro mit tuttifrutti-turban. Er stürmt und flüstert glaubhaft verzweifelt mit sanften Gurrkaskaden und beherrscht natürlich auch das große Arsenal an fioriture guns.

Der fünfte Countertenor ist der listige Nicholas Tamagna als der bucklige Intrigant Timagene. Und als Tenor steht Stefan Sbonnik mit eher kleiner Stimme in der zweiten Reihe als fast verzweifelter Vertrauter, der Erissena den Hof macht.

Bei Leonardo Vinci wird der Wert seiner Opern normalerweise durch die Relevanz ihrer Zutaten zusammengefasst. Bei diesem „Alessandro“ werden in Bayreuth keine Kosten gescheut. Und so gelingt Max Emanuel Cencic eine brillant vielschichtige, lebendige, absolut geschlechterunterhaltsame, showwürdige Wiederentdeckung, die sich liebevoll bis ins tückische Collierhenkel im Detail ausdehnt.

Nach zwei schwierigen, von Corona geprägten Eröffnungsspielzeiten saß nun ein begeistertes Publikum in diesem endlich wieder vollen großen Theater und erlebte die Barockoper als sinnliches Gesamtkunstwerk. Weiter so, dann könnte Bayreuth zum neuen Wallfahrtsort nicht nur für Wagnerianer werden…

„Alessandro nelle’Indie“ läuft am 8. Oktober auf br-klassik.de/concert und am 23. Oktober auf ARD-alpha.

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