Freitag, August 19, 2022

Die bürgerliche Hölle eines Ostseebades

EEinen Heinz-Strunk-Roman mit Sommer im Titel zur leichten Lektüre am Strand zu nehmen, ist wie eine Rum-Cola in der Mittagssonne eines Ostseebades. Roth, der Urlauber-Protagonist von „Ein Sommer in Niendorf“, bekommt sie praktischerweise direkt von seinem Vermieter Breda angeboten, der nebenberuflich auch einen Spirituosenladen betreibt. „‚Genau richtig für die Hitze, huh?‘ – Eigentlich genau das Falsche bei der Hitze. Naja. ‚Na dann, Prost. Habt einen tollen Sommer.’“

Roth, Wirtschaftsjurist Anfang 50, nimmt sich vor dem Jobwechsel eine dreimonatige Auszeit und mietet eine Wohnung in Niendorf bei Timmendorfer Strand. Roth will seine Familiengeschichte schreiben, dafür hat er endlose Stunden an Tonbandaufnahmen seines verstorbenen Vaters.

Während er bereits von einer ausverkauften Buchtournee und Verfilmung auf Netflix träumt – „kann sein Leben umdrehen. Aber es muss nicht“ – fällt ihm zuerst ein Schreibblockade im Weg steht, gepaart mit Prokrastination, was Rum-Cola und verwandte Erfrischungsgetränke wieder ins Spiel bringt. „Diesmal füllt Breda es mit einer Bier-Aquavit-Kombination ab. ‚Das trinken wir hier an der Küste.’“

Heinz Strunk, spätestens seit „Der Goldene Handschuh“ 2016 deutscher Meister in der Disziplin der Elendsdarstellung, braucht nur wenige Seiten, zwei, drei Dialoge und ganz wenig Handlung, um eine alltägliche Situation in lähmende Trostlosigkeit zu verwandeln. Kaum jemand beschreibt den Schrecken des Mittelmaßes und den Sumpf des Banalen so bösartig und präzise wie Strunk.

Wer seine Tagebuch-Parodie „Intimate Box“ aus der „Titanic“ (als Buch 2019 als „Nach Notat zu Bett“ erschienen) kennt, wird einige der Gastro-Kritik – „Seaside Lounge (Crêpes, Croques und MEER)“ – wiedererkennen der Stimmungsbericht, der feinste Abstufungen verkaterter Vollendung mit Sätzen kombiniert: „Tropfen für Tropfen verrinnt die Zeit, sie tropft aus dem Kalender.“

Roth ahnt schon früh, dass das aufsehenerregende Literaturdebüt unter solch hochprozentigen Umständen nicht klappen wird. Als Verzögerungen der schnell drehenden Abwärtsspirale baut Strunk unerwartete Begegnungen ein, die dem taumelnden Roth einen Moment der Unterstützung versprechen: Seine Tochter ruft (nur um ihn dreist zu pumpen); ein älteres Ehepaar in der Nachbarwohnung kümmert sich überraschend um ihn, ein lange verdrängter One-Night-Stand kommt für eine Nacht, die dann in schwerer Verlegenheit endet. Als Chronist schmerzlicher Sprach- und Gefühllosigkeit ist Strunk gnadenlos präzise bis zum letzten verlogenen Satz. „‚Es war schön‘ – ‚Das dachte ich mir auch.‘“

Was bleibt, ist der Absturz, den sich Roth mit wachsender Untergangslust hingibt, fast professionell angeleitet von Saufkumpan Breda, dessen zerbrochene, von Alkoholdämpfen und Fäulnisgeruch geschwängerte Welt Sehnsucht und Ekel bei seinem Opfer auslöst. Jeder Strunk-Afficionado kennt diesen „Double Bind“: hin- und hergerissen zwischen brachialer Komödie und Übelkeit, Voyeurismus und Fluchtreflex.

„Ein Sommer in Niendorf“ verstrickt den Leser in denselben Kreis der Faszination von Verfall und Selbstzerstörung. „Ein weiteres Erwachen zu völliger Verwüstung. Wenigstens fasste er sich nicht ins Gesicht. Er hebt die Decke hoch und bemerkt einen ungewohnten Geruch an sich, der ihn lähmt, seine Nase verstopft und dort bleibt, er kann das Innere seiner Nase riechen. Der Geruch von Verfall, Fäulnis, Untergang, der Gestank der alten Ziege. Niendorfer Geschmack.“

Ein solcher Gemütszustand wurde klassischerweise als „Dekadenz“ bezeichnet – Strunks Roman folgt ganz offen dem Vorbild von Thomas Manns „Tod in Venedig“. Wo Manns Schriftsteller Gustav von Aschenbach den Reizen des Knaben Tadzio erliegt und sich in homoerotischen Fantasien verliert, arbeitet sich Roth obsessiv in Tagträume von glückseliger Liebe mit der unnahbaren Kellnerin Savina hinein. Er verwandelt sich in einen dieser verwüsteten und artikulationsunfähigen Kneipencharaktere, denen er zunächst mit der bissigen Schärfe seiner Menschenfeindlichkeit begegnet, wird aggressiv und gewalttätig, ja sogar kriminell.

Der gut betuchte Sommerurlauber mit künstlerischen Ambitionen nähert sich schnell dem körperlichen und seelischen Zusammenbruch, fast froh, im Rausch den Anschein von Individualität aufgeben zu können. „Dann issasaus, dann EDEKA“, sagt Breda. Edeka, Karriereende.

Thomas Mann nannte seinen „Tod in Venedig“ eine „Tragödie der Erniedrigung“, wohl wissend, dass es als Schopenhauer- und Nietzsche-Kenner tief im Menschen einen Drang zur Selbstaufgabe gibt, den es täglich zu zügeln gilt . In Strunks grandios düsterer Nahtod-Sommergeschichte nimmt diese Tragödie ein anderes Ende, ist aber alles andere als glücklich.

Heinz Strunk: „Ein Sommer in Niendorf“. Rowohlt Verlag, 240 Seiten, 22 Euro.

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