Dienstag, Oktober 4, 2022

Diese Brutalität unter der Maske der Lust

DDas Oktoberfest hat wahrscheinlich so viele Beziehungen beendet wie neue geschaffen. Paare streiten sich besonders gerne, wenn sie wirklich um jeden Preis Spaß haben wollen. Das junge Paar Kasimir und Karoline – er Chauffeur, sie Büroangestellte – unternahm einen von Anfang an unglücklichen Wiesn-Trip.

Kasimir wurde am Vortag „abgebaut“, also entlassen (es ist das Jahr 1932, es herrscht Wirtschaftskrise in Deutschland), aber Karoline hat keine Lust auf seine Traurigkeit und seinen Pessimismus: „Vielleicht sind wir zu schwer füreinander.“ Was der selbstmitleidige Kasimir auf den Punkt bringt: „Oder ist es nicht seltsam, dass man an diesem Tag merkt, dass wir beide vielleicht nicht gut zusammenpassen – an diesem Tag wurde ich niedergeschlagen?“

Ödön von Horváths „Volksspiel“ ist eines der traurigsten Dramen der deutschsprachigen Literatur. Die Tatsache, dass seine Kulisse das Oktoberfest ist – das nächste Woche zum 187. Mal eröffnet wird – macht seine Botschaft nur noch dunkler und düsterer. Denn die beiden reden nicht nur ständig aneinander vorbei, verletzen und beleidigen sich halb absichtlich, halb aus Versehen und treiben den anderen damit in Rollen, in denen er stolz sein Schlimmstes vor sich herträgt. Hier versteht keiner den anderen, und jeder missversteht sich selbst.

Zwischen Achterbahn und Riesenrutsche, Kabinett der Abnormitäten und Fahrerflucht entpuppen sich Menschen als Schreckensfiguren aus dem Kabinett des Schreckens: hier die Anspielungen geiler Würdenträger, dort die grausamen Zurückweisungen der Mädchen, die sich an ihrer kleinen erotischen Kraft erfreuen: „Das würde dir passen, altes Scheißhaus – – Denk lieber ans Sterben als an das Gegenteil.“

Verbale und körperliche Gewalt ist unter dem Deckmantel der Belustigung allgegenwärtig, insbesondere gegen Frauen. Je größer die Abhängigkeit, desto brutaler. „Ein Mädchen ohne Po ist kein Mädchen“, sagt Handelsrat Rauch. „Frauen sind wie Scheiße“ ist die proletarische Version aus dem Mund von „Merkl Franz“.

Die allgemeine Verrohung, die bald darauf alle Macht in Deutschland ergreifen wird, ist hier an jeder Bierbude zu spüren. „Trotz Krise und Politik – meine alte Wiesn, das bringt mich keinen Brüning um“, sagt der rundliche Geschäftsmann Rauch zum Landgerichtsdirektor. „Der Pförtner sitzt noch neben dem Geheimrat, der Minister neben dem Arbeiter – so lobe ich die Demokratie.“ „… die beiden Herren essen jetzt ein zartes, knuspriges Hähnchen und trinken Kirsch- und Wiesenbier.“

„Entlarvung des Bewusstseins“ nannte Ödön von Horváth den Kern seiner dramatischen Methode. In der Tradition von Georg Büchners „Woyzeck“ wird Sprache zum Medium des Missverständnisses. Horváths radikale Gesellschafts- und Systemkritik machte ihn zu einem Anhänger der Nazis Unerwünschte Person; 1936 musste er Deutschland verlassen. Am 1. Juni 1938 wurde er in Paris von einem fallenden Ast getötet. Horváth, einer der größten deutschsprachigen Dramatiker, wurde nur 37 Jahre alt.

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