Freitag, August 19, 2022

Ego unter den Hammer

MAnna mit Pfeife und Hut. Könnte Gärtner oder Winzer sein. Aber er ist Maler. Oder genauer gesagt: eine Hommage an einen Maler. Ernst Ludwig Kirchner im Stil von Vincent van Gogh. Es ist sein erstes gemaltes Selbstporträt. Es gab zuvor einige grafische Studien seines Charakterkopfes. Aber bei so einem ausdrucksstarken grün-blauen Blümchen macht der Teint des Künstlers wirklich einen Unterschied.

Die programmatische Proklamation der Künstlergruppe „Brücke“, gebildet von den vier Dresdner Architekturstudenten Ernst Ludwig Kirchner, Erich Heckel, Karl Schmidt-Rottluff und Fritz Bleyl, liegt zwei Jahre zurück. Jetzt, im Jahr 1907, gab es allen Grund, selbstbewusst aufzutreten und sich in die Galerie der zeitgenössischen Künstlerhelden einzureihen.

Zumal die jungen Herren in ihrer Selbstermächtigung für die Kunst in einer Welt „alt etablierter älterer Mächte“ das große Wagnis „Freiheit und Freiheit des Lebens“ eingehen wollten, wie sie es in ihrem klangvollen Manifest versprochen hatten. Tatsächlich ging es dem Quartett um die Behauptung einer Freiheit und die Behauptung einer Unabhängigkeit, die ebenso radikal erscheint wie die künstlerischen Mittel, mit denen Freiheit und Unabhängigkeit symbolisiert werden sollen.

Gerade die Dresdner Epoche, diese kurze, intensive Zeit von der Gründung bis zur Auflösung der „Brücke“ 1912/13, ist geprägt von den Äußerungen kompromissloser Unmittelbarkeit des Lebens, besonders im Werk Ernst Ludwig Kirchners. Und auch wenn manche revolutionäre Geste bald stilistisch erstarren sollte, so mischt sich doch die Ungestümheit von Linie und Farbe mit der antibürgerlichen Dynamik, in der nicht nur künstlerische Karrieren vorbereitet, sondern auch die Aktsessions mit den minderjährigen Aktmodellen genossen wurden.

Kirchners Vincent-van-Gogh-Phase dauerte nicht lange, war aber intensiver als bei seinen Freunden. Im November 1905 zeigte die aktive Dresdner Galerie Ernst Arnold in einer großen Ausstellung über 50 Gemälde des erst 15 Jahre zuvor verstorbenen Malers. Unter anderem eines seiner Selbstporträts mit Pfeife und Strohhut. Es muss mit seiner hellen Farbe einen großen Eindruck gemacht haben. Und die Tragik der Künstlerexistenz, die sie zum Ausdruck bringt, passte nicht schlecht zum Selbstverständnis der „Brücke“, die ihre Kunst nur als Widerstand gegen ein engstirniges Umfeld sehen konnte.

Von Vincent van Goghs zutiefst depressiver Selbstreflexion bleibt freilich nichts übrig. Selbstbewusst und selbstzufrieden blickt der Maler Kirchner, der auch Gärtner oder Winzer sein könnte, aus seinem Bild. Und wie wir ihn kennen, war es unvermeidlich, dass er und seine „Brücke“-Mitstreiter später jeden Van Gogh-Einfluss leugneten. „In der Zeit, als wir uns in neue Bereiche der Malerei vorgewagt haben“, erinnerte sich der greise Erich Heckel, „hatten wir wirklich nichts von den ‚Fauves‘-Bildern zu Gesicht bekommen“.

Und Karl Schmidt-Rottluff springt besorgt ein: „Als die ‚Brücke‘ gegründet wurde, hatten wir herzlich wenig Ahnung, was in Frankreich und anderswo vor sich ging…“. Und Ernst Ludwig Kirchner wurde regelrecht wütend, als er nach seiner frühen Orientierung gefragt wurde. Mit seinem imaginären Kritiker, unter dessen Namen Louis de Marsalle er aufschlussreiche Texte über sein eigenes Werk veröffentlicht hat, hofft er beweisen zu können, „dass mein Werk unabhängig und rein aus der zeitgenössischen französischen Kunst entstanden ist“.

Im Werkverzeichnis der Kirchner-Kunst wird der Kollege Karl Schmidt-Rottluff als Erstbesitzer des Gemäldes „Mann mit Pfeife und Hut“ angegeben. Das Bild taucht später in der Sammlung von Hugo Simon auf, einem Privatbankier in der Weimarer Republik, der 1933 aus Berlin floh und den Widerstand in Paris mitorganisierte. Das Selbstporträt muss in dieser Zeit in die Vereinigten Staaten von Amerika gelangt sein. 1968 listete der Katalogautor Donald Gordon die damalige aktuelle Besitzerin als „Ms. Robert Windfohr, Fort Worth“ auf. Nach Recherchen des Auktionshauses Sotheby’s war das Gemälde aus Kirchners Frühwerk zuletzt 1981 auf dem Markt.

Jetzt wurde es unter dem Titel „Self-Portrait with a Pipe“ für 5,8 Millionen Pfund im Auktionshaus Sotheby’s in London verkauft, was nicht einmal annähernd an die niedrigere Schätzung heranreicht. Das Gemälde wurde auf acht bis zwölf Millionen Pfund geschätzt.

Related Articles

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

- Advertisement -

Latest Articles