Dienstag, August 9, 2022

Es wimmelt nur so von Klitorishüten und riesigen Vulvas

ELyas M’Barek ist nach zwei Jahren zurück auf der großen Leinwand. In der romantischen Komödie „Liebesdings“ von Regisseurin und Autorin Anika Decker. Der Film des Erfinders von „Keinohrhasen“ soll diesmal ganz anders sein als die Til-Schweiger-Filme der Vergangenheit. Politischer, feministischer und vielfältiger und das alles ohne zu predigen. Eigentlich eine unmögliche Leistung.

In der Eröffnungsszene folgt die Kamera einem Golfwagen über ein Filmset. Kulissen werden aufgebaut, Kabel liegen herum, Jazzmusik spielt aus dem Off. Die Kulisse erinnert an „La La Land“, die musikalische Hommage an Hollywood mit Ryan Gosling und Emma Stone. Aber wir sind in Berlin, nicht in LA Das wird schnell klar.

Zunächst einmal dreht sich alles um Marvin Bosch, den großen Filmstar. Gespielt von Elyas M’Barek, der auch ein großer Filmstar ist. Marvin ist unzufrieden. Sein ganzes Leben ist durchgetaktet und jeder will nur etwas über seine Traumfrau wissen. Er hätte gerne tiefergehende Fragen. Die Boulevard-Journalistin Bettina Bamberger, gespielt von Alexandra Maria Lara, fragte ihn daraufhin im Live-Interview. Böttinger will Dreck und fragt nach Boschs Vergangenheit. Er entkommt dem Interview und versteckt sich vor der Welt in einem kleinen Theater. Das Theater gehört Frieda – Feministin und Komikerin – und steht kurz vor dem Bankrott.

Die potenziellen Liebhaber stehen fest und der Konflikt auch. In den ersten Minuten macht der Film Hoffnung auf harmlosen Eskapismus. Regisseurin Anika Decker hatte zuvor erklärt, sie werde Themen wie Feminismus, Geschlechtsidentität und Sexualität humorvoll auflösen. Am Ende sollen sich der alte weiße Mann und die junge Feministin gegenseitig auf die Schulter klopfen, über sich selbst lachen und sagen: „Ach komm schon, wir kapieren es.“ Sie wolle Vielfalt in den Mainstream bringen, ohne mit dem Finger zu zeigen, sagt Decker.

Wenn das nur einfach wäre. Es gibt eine Schlüsselszene, die das Erlebnis des Zuschauers symbolisch schön einfängt: Die Feministin Frieda rammt dem ohnehin wahnsinnigen heterosexuellen Cis-Mann Marvin ihre Finger in den Hals. Ihm bleibt nichts anderes übrig, als sich zu übergeben.

Anika Decker hat Recht. In den deutschen Kinos dominieren Liebesgeschichten mit weißen, heterosexuellen Protagonisten. Viele davon hat Decker selbst geschrieben („Keinohrhasen“, „Zweiohrküken“, „RubbeldieKatz“). Das will sie ändern, indem sie sich alles schnappt, was irgendwie als politisches Statement gelesen werden kann. „Liebesdings“ liefert ein wahres Potpourri an Vielfalt: Schwule, Lesben, Transmenschen, Dragqueens, Immigrantenkinder, Muslime, Depressive und arbeitslose Theaterfeministinnen mit selbstgedrehten Zigaretten. Du bist der Gute. Das Böse ist reich und ihr Name ist Bettina.

Und die meisten „Diverses“ wirken wie ein Potpourri. Sie stehen für ein bestimmtes Aroma irgendwo in der Ecke rum. Insgesamt rund zwei Minuten lang ist der „Depressive“, der von der Theatergruppe so umfassend in den Film eingebunden wird, wie Schauspielerin Kroymann im Interview erklärt, zu sehen. Maren Kroymann spielt im Film die bisexuelle Komikerin Zelda. Zelda, eine schwarze Komikerin, und ein Transmann haben jeweils etwa eine Minute auf der „Stand-up-Bühne“. Über ihr Leben ist nichts bekannt, außer dass sie sehr hart waren. Und das weiß man nur, weil die Figur der Maren Kroymann es in einem Monolog in den Cis-Mann Marvin hineinpresst. Nachdem sie ihm ins Gesicht geschlagen hatte. Es soll lustig sein, weil sie danach ein Bier will. Überhaupt fehlt dem Film das versprochene erlösende Lachen. Es gibt tanzende Tampons, die sehen ganz lustig aus. Aber es scheint eine Strategie des Films zu sein, den fehlenden Witz durch Requisiten auszugleichen. Es wimmelt nur so von Klitorishüten und riesigen Vulvas.

Das allein macht das Mainstream-Kino noch nicht bunt und mutig, was Decker nach eigenen Angaben erreichen wollte. Für eine rein homosexuelle Liebesgeschichte in den Hauptrollen reichte ihr Mut nicht. Auch Elyas M’Barek als Held ist kein großes Risiko für den Zuschauererfolg – auch nicht mit Klitoris-Hut auf dem Kopf. Witziger und interessanter sind solche Diskurse übrigens in Filmen wie „Alles, überall gleichzeitig“. Es geht um eine chinesische Einwandererfamilie in den USA, ihre lesbische Tochter und ihr Leben in verschiedenen Universen. Oder „Ruf mich bei deinem Namen an“. Eine schwule Liebesgeschichte, die nicht lustig, aber schön ist. Danach verlässt man das Kino berührt und klüger, denn der Film nimmt sich Zeit für seine Figuren. Am Ende könnten politische Botschaften im Film wie die Klitoris sein. Es ist besser, sanft und präzise zu sein, als dein Gesicht willkürlich hineinzudrücken.

Related Articles

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

- Advertisement -

Latest Articles