Samstag, August 20, 2022

Gewählte Verwandte eines Künstlers – Die WELT von Jeff Koons

DDer Koons-Fan muss nun ein wenig blättern, bis er auf seinen Michael Jackson mit dem Äffchen Bubbles im Arm stößt. Und etwas überrascht lässt er sich in dieser Ausgabe der WELT von dem Künstler durch das von ihm eingerichtete Museum führen.

Meisterwerk um Meisterwerk, von einem glücklichen Moment der Kunstgeschichte zum nächsten. Alle Affinitäten des gefeierten Künstlers, der sich nie mit einem unauslöschlichen Ruf für skulpturalen, erhebenden Alltagsschnickschnack zufrieden gegeben hat.

Wenn es darum geht, die nächste Bewusstseinsebene zu erreichen, sagt Jeff Koons, ist das für ihn mit dem Respekt vor unseren Wurzeln verbunden. Davon erzählt er in dieser Zeitung, von den Vorfahren, die der Künstler wie auf einem Hausaltar versammelt – als Beschützer, als Beruhigung und mehr noch als Einladung, die Geschichte der Bilder als Geschichte des Geistes zu verstehen.

Es ist bereits feste Tradition, dass die WELT einmal im Jahr für einen Tag von einem großen zeitgenössischen Künstler übernommen wird, der sich vom Zeitungsformat zu einem neuen Gesamtkunstwerk inspirieren lässt. Dieses Jahr ist Jeff Koons an der Reihe, die von ihm gestaltete Zeitung ist diesen Donnerstag (16. November) am Kiosk erhältlich. Und es ist eine wirklich erstaunliche Liste von Referenzen, mit der Koons die WELT überrascht.

Klicken Sie sich hier durch alle Künstlereditionen der WELT.

Das beginnt schon auf dieser Seite unter den gar nicht strengen Blicken der „Mona Lisa“. Der Beginn seiner Arbeit wurde nicht wirklich im Verdacht, Leonardo zu sein. Der junge Mann hatte gezielt sein Kunststudium abgeschlossen, im Nebenjob Mitglieder für das Museum of Modern Art angeworben und als Broker an der Wall Street Rohstoffe verkauft. Und er behielt seine würdevollen Manieren, wenn er in der New Yorker Kunstszene auftrat.

Es ist fast vierzig Jahre her, seit Jeff Koons seine erste Ausstellung im neu eröffneten New Museum am Broadway in New York City hatte. Von der Straße aus konnte man durch die großen Fenster hineinschauen, wo in vier Vitrinen Nass-/Trockensauger von Hoover und Shelton im grellen Scheinwerferlicht thronten. Wie Trophäen des allzeit für die Kunst bereitstehenden Alltags. Und angesichts der folgenden Arbeiten – immer sauber, witterungsfrei und mit diesem wunderbaren Dauerglanz – ist es eine feine Sache, dass er seine ersten Schritte mit nagelneuen Reinigungsgeräten gemacht hat.

Dabei blieb es natürlich nicht. Schon bald zelebrierte der Künstler das Motto „Luxus und Degradation“ mit Modelleisenbahnen, Whiskysets, Flaschen und Eiskübeln aus glänzendem Chromstahl und präsentierte die einprägsame Botschaft „Banality“. Auch wenn es so schien: Banalität war für ihn nicht als Ermächtigung zu verstehen, an der Schraube einer als völlig kunstlos empfundenen Kunst noch ein Stück weiter zu drehen: Eine blonde junge Frau schmiegt sich den etwas erstaunten rosaroten Panther an ihren nackten Körper, a Der große freundliche Bär nimmt dem Polizisten die Trillerpfeife aus dem empörten Mund. Nein, bei Koons ging und geht es darum, Respekt vor den Banalitäten des Lebens, anonymer Volkskunst und Schnitzerei zu zeigen und dem Betrachter zu helfen, seine vermeintlich niedrigen Wünsche anzunehmen. Auf Akzeptanz kommt es an, sagt er gerne: „Nur wer sich selbst akzeptiert, kann auch andere akzeptieren.“

Es scheint nur passend, dass der helle Stern von Koons in den 1980er Jahren aufging, einem Jahrzehnt, das seine verwirrende kulturelle Destabilisierung als Postmoderne bezeichnete. Es war die Epoche, in der der Kulturphilosoph Paul Feyerabend auf die damals sehr eingängige Formel kam: „Anything goes“. Jetzt führe ich uns aus dem 20. Jahrhundert.“

Das 20. Jahrhundert ist vorbei. Und Koons war schon beim nächsten Kapitel: „Celebration“. Aufblasbare Hunde, zerbrochene Eierschalen, pralle Herzen mit Schleifen und alle gigagroßen Kunstspielzeuge. Der Trödel der Straße im gediegenen Kleid opulenter Sachlichkeit, umhüllt von einer Aura der Sauberkeit.

Als Ganzes betrachtet erscheint dieses ziemlich einzigartige, ansprechend farbige Werk – das höchstbezahlte Werk auf dem Kunstmarkt, präsent auf den vornehmsten Plätzen der Stadt – wie ein Denkmal einer Kultur, die die Leere ihres Konsumdrangs mit immer Neuem überdeckt Reichtum und zugleich wie ein freundlicher, aber fester Appell, schließlich das ständige Beurteilen, Ausschließen und Abgrenzen, Überwinden alles Eingebildeten.

Gleichzeitig ahnte Koons schon früh, dass die den Ikonen des Alltags so sehr nachempfundene Kunst irgendwann auch den Künstler zum Leichtgewicht machen könnte. Deshalb macht er nachdrücklich deutlich, dass er sich in den Fußstapfen der großen Kollegen sieht, die die Kunstgeschichte gezeichnet hat.

Und wenn er mit dieser achten Ausgabe der WELT-Künstleredition für einen Tag die Führung der Zeitung übernimmt, bricht er auch mit einer Tradition: Statt wie vor ihm Georg Baselitz, Ellsworth Kelly, Gerhard Richter, Neo Rauch, Cindy Sherman, Julian Schnabel und Isa Genzken, Jeff Koons fordert seine adeligen Vorfahren auf, ihre eigenen Werke zu präsentieren. Auch in seiner aktuellen Skulpturen- und Gemäldeserie „Gazing Ball“ huldigt er den Größen der Kunstgeschichte. Wie in einem Kaleidoskop betrachtet, spiegeln sich ihre höchsten Stationen im Licht einer hinzugefügten blauen Kugel. Aber auch in dieser Zeitung wird dem Leser wieder bewusst, dass die Kunst durch ihre noch so unterschiedlichen, so disparaten und widersprüchlichen Formen in ihrer jahrtausendealten Geschichte immer reicher geworden ist.

Und wer weiß, ob die Augen der „Mona Lisa“ nicht etwas glücklicher ausgesehen hätten, wenn dem Altmeister eine „Balloon Venus“ von Koons gezeigt worden wäre.

Einmal im Jahr verwandelt ein Künstler die Tageszeitung DIE WELT in ein Kunstwerk. Die begehrten Sammlereditionen der letzten 10 Jahre können Sie hier bequem nachbestellen.

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